Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wittenberge sucht seine JudenSchicksal der Prignitzer Juden in Ausstellung thematisiert
Die Wanderausstellung der Deutschen Bahn «Sonderzüge in den Tod» hat am 18. April Wittenberge erreicht. Dort wird sie im geschichtsträchtigen Bahnhofsgebäude der knapp 20.000 Einwohner zählenden Stadt im Land Brandenburg gezeigt. Neben Teilen der von Serge und Beate Klarsfeld konzipierten Ausstellung «Kinder deportierter Juden Frankreichs» werden Bestandteile der Dauerausstellung des Bahnmuseums Nürnberg über die Rolle der Reichsbahn an der «industriellen Ermordung von Millionen » gezeigt. Das Konzept der «Sonderzüge»- Ausstellung sucht darüber hinaus einen konkreten regionalen Bezug zu den Schicksalen der Juden an den jeweiligen Orten. Im Falle Wittenberges sind es die Prignitzer Juden. Die Aufarbeitung der Geschichte der Prignitzer Juden ist vor allem dem Engagement der Mitglieder des Prignitzer Heimatvereins Wittenberge zu verdanken, der diesen Aspekt der Stadtgeschichte jetzt der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Teilausstellung wurde mit privaten Mitteln realisiert. In zwei Schautafeln zeigt der Heimatverein die Einzelschicksale der 56 namentlich bekannten, in den 1930er Jahren in Wittenberge ansässigen Juden. Der Heimatverein unter der Leitung von Günter Rodegast beschäftigt sich schon seit 1996 mit dem Schicksal der Prignitzer Juden und gab damals bereits die Broschüre «Aus der Geschichte der Juden in Wittenberge» heraus. Laut Broschüre zählte die Wittenberger jüdische Gemeinde zu ihren Hochzeiten nur etwa 60 Mitglieder und besaß nicht einmal eine eigene Synagoge. Sie gehörte bis 1921 der Synagogengemeinde des benachbarten Perleberg an. Die Geschichte der Wittenberger Juden ist trotzdem interessant und erschließt sich aus der Entwicklungsgeschichte der Stadt. Die kreisfreie Stadt verdankt ihren Aufstieg den jüdischen Unternehmern. Der Kaufmann Salomon Herz errichtete Anfang des 19. Jahrhunderts eine Ölmühle in Wittenberge. Mit dieser fand der wirtschaftliche Aufstieg Wittenberges zur Industriestadt seinen Anfang. Damit war auch das Wachstum der Bevölkerung von knapp 2.000 auf 20.000 Einwohner während des 19. Jahrhunderts verbunden. Als bedeutender Aktionär der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft inspirierte Salomon Herz die Entscheidung der preußischen Regierung von 1845, die bereits im Bau befindliche Eisenbahnlinie über Wittenberge zu legen. Die Stadt wurde so zum Schnittpunkt im Bahnnetz zwischen München, Stuttgart, Rostock und Hamburg. Ein anderer, für die Sadt wichtiger jüdischer Unternehmer war Isaac Merritt Singer. Im Jahr 1903 errichtete die in New York ansässige Firma Singer Manufacturing Co. eine Nähmaschinenfabrik in Wittenberge. Das «Singer Nähmaschinenwerk» brachte wiederum wirtschaftliches Wachstum für Wittenberge. Bis 1989 wurden hier Nähmaschinen mit Weltruhm produziert. Mit Blick auf die Stadtentwicklung und die Rolle der Juden in Wittenberge erscheinen die Enteignung und Deportation der Wittenberger Juden zur Zeit des Nationalsozialismus umso bizarrer. Auf den Schienen, die für die Ölindustrie gebaut wurden, wurden sie in die Konzentrationslager geschickt. Ein Schild in der Nähe des Bahnhofes, in dem nun bis Mitte Mai die Ausstellung zu sehen sein wird, verkündete im Jahr 1938 «Wittenberge will keine Juden». Damals zählte die Stadt als Industriestandort über 35.000 Einwohner. Nur eine der vielen Ambivalenzen in der Wittenberger Geschichte. Nach den Zielen der Ausstellung befragt, wünscht sich Günter Rodegast vom Heimatverein vor allem, einen stärkeren regionalen Bezug der Jugendlichen in Wittenberge und der Prignitz bei der Beschäftigung mit dem Thema Schoa herzustellen. Bei diesen Worten wirkt er ein wenig verloren im altehrwürdigen Mitropasaal des Bahnhofgebäudes. Sein Wunsch nach mehr Beschäftigung mit dem jüdischen Erbe der Stadt wird bald erfüllt. Anlässlich des Europatages am 9. Mai werden Gymnasialschüler aus Wittenberge und Frankreich gemeinsam die Ausstellung besuchen. |