Israel übte den Notfall

Größte Zivilschutzübung in der Geschichte des Landes

 

Ein orthodoxer Jude in Jerusalem beobachtet israelische Mediziner während eines simulierten Angriffes mit chemischen Waffen. Foto: dpa

Vom 6. bis zum 10. April spielte man in Israel die unterschiedlichsten Desaster durch, um die Arbeit der neu geschaffenen «Nationalen Notfallbehörde » zu testen. Die landesweite Notfallübung mit dem Namen «Wendepunkt 2», die größte ihrer Art in der Geschichte Israels, umfasste die Simulation von Krieg und anderen Katastrophensituationen, von Terrorattentaten großen Ausmaßes bis hin zu Naturkatastrophen. Die Übungen für den Krisenfall umfassten Reaktionen auf Bombardements, Raketenbeschuss und Einsätze chemischer und biologischer Waffen. Die «Drehbücher » wurden von der israelischen Armee, den Stadtverwaltungen, den Polizeidirektionen, der Feuerwehr, den Gesundheitseinrichtungen und Schulen durchexerziert. Auf dem Höhepunkt der Übungen waren nahezu alle öffentlichen Einrichtungen und zehntausende Israelis involviert.

Koordination der Militärkommandos

Die «Nationale Notfallbehörde» war kurz nach dem Zweiten Libanonkrieg ins Leben gerufen worden. Damals waren die zwei wichtigsten Zivilschutzbehörden, die «Heimatfront» des Oberkommandos des israelischen Militärs und die «Regierungskommission für Notwirtschaft» nach Beurteilung von Regierungskreisen unkoordiniert tätig. Die «Heimatfront» war aufgrund ihrer unzulänglichen Leistung während des Krieges starker Kritik ausgesetzt. Dieser Stab war 1992 ins Leben gerufen worden, nachdem das israelische Kernland während des ersten Irak-Krieges 1991 das erste Mal seit dem Unabhängigkeitskrieg 1948/49 unter den Beschuss von Raketen geraten war. Der zweiten Behörde, der ressortübergreifenden «Regierungskommission Notwirtschaft» unterliegt es wiederum, die Grundversorgung der Bevölkerung in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten, die städtischen und kommunalen Behörden diesbezüglich zu koordinieren, sowie die Evakuierung und Aufnahme von Zivilisten zu übernehmen. Als der Norden Israels während des Libanon- Krieges im Sommer 2006 einen Monat lang von der Hisbollah beschossen wurde, war es ein privater Geschäftsmann, der russisch-jüdische Oligarch Arkadi Gaidamek, der für rund 3.000 geflohene Israelis eine Zeltstadt am Strand von Nizzanim errichtete. Die Regierungskommission blieb dagegen inaktiv. Die Koordination zwischen den zwei Militärkommandos, die die Zivilbevölkerung schützen sollten, versagte laut Einschätzung der Regierung. Selbst während der letzten Kampfhandlungen war die Tätigkeit des vereinten Stabes mangelhaft, da sich viele Israelis in den letzten Tagen mit unzureichenden Schutzeinrichtungen zufriedengeben mussten.

«Wendepunkt 2» dauerte fünf Tage und wurde von sechs Offizieren des Generalstabes entwickelt. Am ersten Tag simulierten die Regierungsbehörden der hohen Verwaltungsebene den Ernstfall. Am zweiten Tag waren es die lokalen Behörden, die die Eskalierung des Manövers des vorhergegangenen Tages probten. Am dritten und vierten Tag übten Bergungs- und Rettungseinheiten. Zuerst waren die Polizeieinheiten und die Teams des Roten Davidsterns am Schauplatz - in Schulen, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden, bis schließlich die Soldaten des «Heimatkommandos » die Verfügungsgewalt übernehmen sollten. Am dritten Tag ertönten im ganzen Land die Sirenen. Die Rettungsdienste führten Massenevakuierungen von den in der Simulation betroffenen Gebieten durch. Auch Reaktionen auf Bio- und Chemiewaffenangriffe wurden mittels Verteilung von Gasmasken und Einlieferungen in Krankenhäuser geprobt. Die Spitäler übten auf diese Art die Versorgung mehrerer tausend Verletzter innerhalb kürzester Zeit. Außerdem wurden leerstehende Häuser zum Einsturz gebracht, um die Bergung von Verschüttenden zu exerzieren. Alle israelischen Ministerien nahmen am Programm teil und führten Bunkerschutzübungen durch. Die Zivilisten wurden ebenso dazu aufgefordert, die ihren Häusern nächstengelegenen Bunker ausfindig zu machen. Schlomo Dror, Sprecher des Verteidigungsministeriums, teilte der Jüdischen Zeitung nach Abschluss der Übungen mit, dass siebzig Prozent des Manövers bereits im Vorfeld geleistet wurden: «Wir bereiteten uns mehrere Monate auf „Wendepunkt 2" vor. Was wir in den Medien gesehen haben, ist nur die Spitze des Eisberges. Der Rest wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit geprobt.» Auf konkrete Beispiele wollte Dror nicht eingehen und beschrieb die einzelnen Übungen nur im Allgemeinen: «Simuliert wurden beispielsweise in Aschkelon der Einschlag einer Rakete in der Nähe eines Krankenhauses, in Bnei Brak das Bombardement von Raketen und in Haifa der Austritt von giftigen Schadstoffen.» Einige Übungen stellten laut Dror auch Massenausschreitungen der arabischen Bevölkerung nach. Ein derartiges Szenario wurde so etwa in der Nähe der Stadt Um El Fahem trainiert. Zu persönlichen Stellungnahmen und Erfahrungsberichten waren beispielsweise an den Übungen beteiligte Lehrer und Lehrerinnen laut Weisung des Erziehungsministeriums nicht berechtigt.

 

Barak: Befähigungen herstellen

Obwohl «Wendepunkt 2» von der Regierung als reines Manöver angekündigt wurde, nutzten einige israelische Politiker die Kulisse, um Warnungen an die Nachbarstaaten auszusprechen. Auf der Sitzung des Kabinetts am ersten Tag der Übung ließ Ministerpräsident Ehud Olmert (Kadima-Partei) eine mögliche Antwort auf den «Angriff der Feinde» diskutieren. Die schärfste Äußerung kam dabei vom Minister für nationale Infrastruktur, Benjamin «Fuad» Ben-Elieser (Labour- Partei). Ben-Elieser ließ verlauten, dass «die Übung, die Israel in diesen Tagen simuliert, nicht aus der Luft gegriffen oder reine Fiktion ist». Dem fügte er hinzu: «Die Iraner werden Israel so schnell nicht angreifen, da sie das Resultat kennen. Ein iranischer Angriff wird eine schwere israelische Reaktion nach sich ziehen, die zur Auslöschung der iranischen Nation führen wird. Sie sind sich unserer Kraft durchaus bewusst.»

Diesen Worten versuchte der Verteidigungsminister Ehud Barak, ebenfalls von der Labour-Partei, die Schärfe zu nehmen, in dem er bekanntgab: «Israel hat kein Interesse an einer Eskalation. Das Ziel der Übung ist es, zu lernen, Konsequenzen zu ziehen und Befähigungen herzustellen. Das Verteidigungsministerium und das israelische Militär werden weiterhin Manöver fahren und sich in allen Bereichen weiterbilden, auch in den Bereichen, die mit der Heimatfront zusammenhängen.» Premierminister Ehud Olmert schloss sich den Worten seines Verteidigungsministers an und sagte: «Hierbei handelt es sich nicht um einen Vorwand, damit Israel einen Krieg gegen Syrien oder dem Libanon anzetteln kann.»

Hinter der israelisch-libanesischen Grenze wurde die Notfallübung als Provokation aufgefasst. Der stellvertretende Hisbollah-Führer, Scheich Naim Kassem, sagte gegenüber «Al Jazeera», dass die Militärübungen in Israel einen neuen Krieg im Libanon vorbereiteten. «Die Manöver sind ein Teil von Vorbereitungen für etwas in der Zukunft», meinte das Mitglied der radikalen schiitischen Partei. Nach Abschluss der Notfallübungen kannte der Sprecher des israelischen Verteidigungsministeriums, Schlomo Dror, zwar noch nicht die Auswertungsergebnisse, zeigte sich aber gegenüber der «Jüdischen Zeitung» mit dem Verhalten und Wirken der einzelnen Behörden und Organe zufrieden. Solche Übungen sollen nun eventuell, so ließen Stimmen im Verteidigungsministerium wissen, jährlich durchgeführt werden.

Oren Geller

«Jüdische Zeitung», Mai 2008