«Nicht unser Ziel, Geschichte abzubilden»

Der Weltpräsident des Jüdischen Nationalfonds, Efi Stenzler, über Gründe zu spenden, sein Judentum,aktuelle Projekte und Prinzipien sowie den Umgang des JNF mit der Geschichte

 

Efi Stenzler - seit 2006 Weltpräsident des Jüdischen Nationalfonds. Foto: JNF

Ungefähr die Hälfte der Juden auf der Welt lebt in Israel, die andere Hälfte in den Ländern der Diaspora...

Ich persönlich mag den Begriff Diaspora nicht. Ich denke, dass jeder Jude dort leben sollte, wo er möchte. Was mir wichtig ist, dass er eine Verbindung zum Staat Israel aufbaut.

 

Warum soll ein Jude, der in Deutschland, den USA oder in Argentinien lebt, dem Staat Israel über den JNF Geld spenden?

Vor 107 Jahren verkündete Theodor Herzl auf dem zionistischen Kongress in Basel die Schaffung des «Jüdischen Nationalfonds». Bis dahin lebten die meisten Juden auf die ganze Welt verteilt. In Israel lebten nur sehr wenige. Aber während dreitausend Jahren träumten die Juden jeden Tag «Nächstes Jahr in Jerusalem», wie in dem Gebet.

 

Aber seit der Staatsgründung kamen nicht alle Juden, obwohl doch die Möglichkeit dazu bestand.

Und also kamen die Vertreter der Juden aus der ganzen Welt zum Jüdischen Weltkongress in Basel. Aus der ganzen Welt kamen Vertreter. Auch aus Südamerika. Und damals wurde auch die Spendenbüchse erfunden, die blaue «Puschke». Und jeder spendete Geld. Und mit diesem Geld wurde Land in Palästina gekauft und die Juden aus der ganzen Welt konnten, besonders nach dem Holocaust, nach Palästina geholt werden und den Staat Israel gründen.

 

Warum sollte aber heute ein Jude, der in Argentinien oder in den USA lebt und noch nie Israel besucht hat, dem Jüdischen Nationalfonds Geld spenden?

Der Vater meiner Frau wurde in Mannheim geboren. Seine Familie hatte ein Hotel in Frankfurt und auch eine Wurstfabrik. Sie waren religiöse Juden. Im Jahr 1933 begann Hitler das religiöse Schächten zu verbieten...

Wir sprechen doch aber jetzt über den Juden in den USA im Jahr 2008...

In Ordnung. Aber ich erzähle Ihnen erst die Geschichte. Der Vater verkaufte das Hotel und kam 1933 nach Eretz Israel, weil er verstand, dass es hier keine Zukunft für das jüdische Volk gibt. Seine sieben Brüder und Schwestern sagten jedoch: «Uns wird nichts geschehen ». Und sie blieben und wurden ermordet. Seit Generationen lebten sie in Deutschland und sagten von sich: «Wir sind Deutsche ». Sie und ihre ganzen Familien wurden in der Schoa ermordet. Nur meine Frau und ihre Eltern blieben am Leben. Jetzt: Warum sollte ein Argentinier oder ein Amerikaner dem Jüdischen Nationalfonds Geld spenden? Die Aufgabe des JNF ist es, Israel in ein Land mit hohem Lebensstandard zu transformieren, eine gute Umwelt und gutes Wasser bereitzustellen. Das Zeichen des JNF besteht aus den Farben Braun-Grün-Blau. Das steht für Erde, für alles Grüne, für Wasser und Luft. Das sind unsere drei Bereiche. Jetzt frage ich Sie: Es gibt hunderte Staaten auf der Welt. Aber warum gibt es nur einen jüdischen Staat? Wir lernen aus der Geschichte und die Geschichte wiederholt sich. Weil wir bis 1948 keinen Staat hatten, konnten Pogrome an den Juden verübt werden. Antisemitismus gibt es überall, nicht nur in Deutschland. Daher...

 

Aber schweben die Juden in den USA Ihrer Meinung nach in Lebensgefahr?

Sehen Sie: An den Orten, wo die Demokratie stärker ist, ist auch die Gefahr für die Juden geringer. Aber zweifellos: Wenn die wirtschaftliche Weltlage schwer ist, steigt auch der Prozentsatz antisemitischer Zwischenfälle.

 

Ihrer Meinung nach bedeutet Demokratie also noch keine Sicherheit für die Juden?

Nein. Ich sagte, in demokratischen Ländern ist die Menge der antisemitischen Zwischenfälle geringer. In einer Diktatur dagegen ist der Antisemitismus am größten, weil die Regierung ihn initiiert. Daher ist Israel die Versicherungspolice des jüdischen Volkes. Ich rede, wie gesagt, nicht von «Diaspora». Wer in Israel lebt, lebt dort, wer nicht, der lebt eben in den USA, in Deutschland, Äthiopien, Swasiland oder in Sibirien. Aber dass der Vater jetzt an diesen Orten lebt, heißt nicht, dass es seinem Sohn und seinem Enkel auch so ergehen wird. Wenn in Sibirien Antisemitismus ausbricht, müssen die Kinder irgendwohin. Und daher: Wer heute dem JNF spendet, der spendet praktisch für die Versicherungspolice der nächsten Generationen.

 

Wie sehen Sie persönlich Ihr Judentum? Was bedeutet Judesein für Sie?

Zuallererst, ich habe meine Großeltern, weder auf Seiten des Vaters noch der Mutter, nie kennengelernt. Meine Eltern überlebten die KZs, kamen 1948 nach Israel und gründeten eine Familie. Judesein für mich, dass bedeutet zuallererst, die Geschichte zu kennen, um die Zukunft zu bauen. Im Jahr 1974 kam ich als Offizier bei den Fallschirmspringern aus der Armee. Ich diente später als Major der Reserve. Ich war Vorsitzender der Organisation «Jugend für Jugend». Dort hab ich auch meine Frau kennengelernt. Sie war die Präsidentin der «Bnei Brit Youth Organization», dem größten jüdischen Jugendverband der Welt. Und ich habe 1974 die ersten israelischen Jugendgruppen nach Deutschland gebracht. Denn ich glaubte daran, dass wir als junge Generation eine Brücke bauen müssen zu den jungen Menschen in Deutschland. Also, zuallererst, die Geschichte zu kennen, um die Zukunft zu bauen - das ist das Erste für mich als Jude. Und zweitens: Ein Jude muss auch an den jüdischen Glauben, an den Staat Israel und an das jüdische Volk glauben. Alles, was die Tora uns vorausgesagt hat. Aber er muss nicht religiös sein.

 

Sie berufen sich aber auf die Bibel.

Es steht, dass ein jüdischer Staat errichtet werden muss, dass der Staat Israel errichtet werden muss. Das jüdische Volk braucht einen Staat, der von Gott und Moses versprochen worden ist. So steht es in der Tora (Fünf Bücher Mose - d.Red.). So steht es zum Beispiel in «Be'reschit» (Genesis), «Schemot» (Exodus) und «Va'jikra» (Leviticus). Die dritte Sache ist: Judesein für mich heißt, dass er, egal wo er lebt, eine Verbindung zum Staat Israel aufbaut. Er kann leben wo er möchte. Derjenige ist ein Mensch, für den der Satz «Ve'ahavta le'reacha kamocha», «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», gilt. Einst fragte man Rabbi Akiva: «Die Tora ist der große Bruder. Erklär mir in einem Satz, was ist die Tora?» Und Rabbi Akiva sagte darauf: «Ve'ahavte le'reacha kamocha».

 

Welche wesentlichen Projekte finanziert der JNF derzeit?

Ein Teil der im Jahr 2005 aus dem Gazastreifen evakuierten Juden wurde in zwei neuen Siedlungen untergebracht, die wir gebaut haben: Chalutzit 1 und Arba'a Ha-Mafki'im. Die ganze Infrastruktur, die Straßen, die Landwirtschaft, das alles kommt von uns. Zweites Beispiel: Im Jahr 2008 bauen wir vier Wasserreservoirs für Millionen Kubikmeter Wasser. Dort wird Wasser wiederaufbereitet. Etwa 50 Prozent des Wassers für die Landwirtschaft in Israel kommt daher. Wir haben schon mehr als 200 solcher Wasserreservoire gebaut.

 

Und woher kommt das Wasser?

Das Wasser kommt zum Beispiel aus Sderot. Das ist wieder aufbereitetes Abwasser, das zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Drittes Beispiel: Wir entwickeln den Hula-See, an dem jährlich Millionen Vögel vorbeiziehen. Außerdem bauen wir derzeit hunderte Kilometer Fahrradwege. Wir forsten Wälder auf. Wir bauen auch einen riesengroßen archäologischen Park, in dem Spuren jüdischen Lebens aus der Zeit des Zweiten Tempels (515 v.u.Z. bis 70 u.Z. - d.Red.) gezeigt werden. Wir bauen auch - als Geburtstagsgeschenk an den Staat Israel - einen Fahrradweg von Tel Aviv nach Jerusalem, insgesamt 60 Kilometer.

 

Im Frühjahr 2007 gab es den wiederholten Versuch der JNF-USA, als beratendes Mitglied für Umweltschutz in den UNOAusschuss für Wirtschaft und Soziales aufgenommen zu werden. Warum scheitert dieses Ansinnen immer wieder?

Unsere Niederlassung in den USA versuchte das. Ich kenne die Details dazu nicht. Es ist leider gescheitert. Aber ich wollte Ihnen erzählen, dass wir heute in Indonesien beratend...

 

Ich wollte aber gern diese Frage noch klären. Wenn der JNF Mitglied des «UNO-Ausschusses für Wirtschaft und Soziales» würde, hätte er sicherlich bessere Chancen für Aufträge an Umweltprojekten in aller Welt, vor allem in der sogenannten «Ersten Welt» und nicht nur in Ländern der «Dritten Welt», wie bisher.

Richtig. Aber wir helfen auch heute schon bei Projekten in Griechenland, in Jordanien, in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Unsere Mitarbeiter sind Experten in den semiariden Regionen der Erde. Wir haben die größten Experten auf der Welt für Baumpflanzungen in Regionen zu pflanzen, wo weniger als 300 Millimeter Niederschlag pro Jahr fällt. Unser größter Wald, der 30.000 Quadratkilometer große «Jatir»-Wald, steht übrigens nicht im Norden Israels, sondern im Süden, in der Wüste Negev.

 

In der Informationsbroschüre des JNF sind immer noch Gaza und die Westbank als integraler Teil von Israel eingezeichnet.

Zeigen Sie mir die Broschüre.

Ich habe sie nicht dabei. Wie erklären Sie aber den Widerspruch zwischen den offiziellen Stellungnahmen der israelischen Regierung, wie zuletzt beim Treffen Ehud Olmerts mit Angela Merkel, eine Zwei-Staaten- Lösung anzustreben, und dem Selbstverständnis des JNF?

Die JNF arbeitet nur an den Orten, wo es die Regierung erlaubt. Wir suchen sicherlich nichts in Gaza, im Gegenteil, wir haben den Evakuierten geholfen. An Orten, an denen die Regierung nicht tätig ist, sind wir auch nicht tätig. Das ist unumstößlich. Egal, welche Regierung es gibt.

 

Kauft die Tochtergesellschaft des JNF, «Himanuta», in den besetzten Gebieten der Westbank Boden? Nein. Das habe ich aus israelischen Quellen. Das stimmt nicht. Wie ist die Verbindung zwischen «Himanuta » und der JNF?

«Himanuta» ist eine Tochtergesellschaft des JNF. Die JNF kauft kein Land an Orten, wo die israelische Regierung dagegen ist. Zweitens: Die JNF hat hunderttausende Dunam (israelische Maßeinheit: Ein Dunam sind 1.000 Quadratmeter - d.Red.) in Syrien und tausende Dunam in Jordanien. Die Erde wurde am Ende des 19. Jahrhunderts gekauft. Die Erde dort ist in unserem Besitz. Warum? Die Juden kauften damals auch dort Boden, weil noch nicht klar war, wo der Staat Israel sein sollte. Aber der JNF und «Himanuta» erwerben Boden nur an Stellen, die die israelische Regierung festlegt und nirgendwo anders.

In den Grenzen von 1967?

In den Grenzen, die die israelische Regierung anerkennt.

 

Das wäre heute also der Verlauf der Mauer.

Der was?

 

Der Mauer, des Sicherheitszauns.

Was die israelische Regierung vorgibt, danach richten wir uns. Wir kaufen keinen Boden an Orten, die nicht von der Regierung genehmigt wurden.

 

Der Oberste Gerichtshof Israels entschied im Sommer 2007 im «Fall Kaden», dass ein arabischer Israeli auch Land vom Jüdischen Nationalfonds kaufen darf. Das war bis dahin nicht möglich. Daraufhin verabschiedete das israelische Parlament im September 2007 im Gegenzug ein Gesetz, dass die Diskriminierung des JNF gegenüber Nichtjuden für «nicht unrechtmäßig» erklärt. Verkauft der JNF von seinen Ländereien in Israel auch an Nichtjuden?

Der Oberste Gerichtshof Israels hat schon im Jahr 2004 entschieden, dass Grund und Boden privat an jeden Menschen veräußert werden können. Von uns aus ist das in Ordnung. Auch Boden des JNF kann an Nichtjuden veräußert werden. Jeder Bürger kann das machen. Es gibt jedoch ein Abkommen, wonach der Staat dem JNF dafür ein Stück Land an einem anderen Ort wiedergibt. Die 13 Prozent des Bodens von Israel im Besitz des JNF sollen so immer erhalten bleiben.

 

Wie reagieren Sie auf die Diskussionen in Israel über die Rolle des Jüdischen Nationalfonds? Die israelische Tageszeitung «Haaretz» hat beispielsweise gefragt, aus welchem Grund Israel den JNF überhaupt noch braucht? Das Prinzip des JNF, so ein Editorial in «Haaretz» vom Herbst 2007, sei nicht demokratisch. Das Land des JNF könne stattdessen in Besitz des Staates oder Privatbesitz übergehen und jeder Bürger des Landes, Jude oder Nichtjude, könne es dann vom Staat erwerben.

«Haaretz» ist eine Tageszeitung mit einer kritischen Stimme. Sie sollten selbst erkennen, warum Israel das Land nicht aufgeben kann. Der JNF kann auf alle Dinge Antworten geben. Wir geben Antworten für das jüdische Volk. Die Früchte unserer Arbeit können schließlich von allen Menschen in Israel genossen werden.

 

An vielen Orten, wo sich heute vom JNF errichtete Wälder und Erholungsparks befinden, standen bis 1948 arabische Dörfer. Viele Obstgärten, Terrassen, Olivenhaine und Feigenbäume, an denen sich der Erholungssuchende heute erfreut, sind Überreste einstigen arabischen Lebens. Wird der Besucher auch über diese Vergangenheit der Orte informiert? Es gibt zum Beispiel Forderungen in Israel, wie etwa von der Organisation «Sochrot» «Erinnern» in den Wäldern und Parks des JNF Infoschilder anzubringen, die auf das arabische Erbe der Orte hinweisen. Welche Haltung hat der JNF dazu?

Es gibt ein Beispiel dazu. In einem Wald des JNF wurde eine Beschilderung angebracht, wonach auf die Geschichte des Ortes zu biblischen Zeiten, zu römischen Zeiten und auch zu arabischen Zeiten hingewiesen wird. Diese Beschilderung erfolgte nach einer Entscheidung seitens des Staates.

 

Macht der JNF solch eine umfassende Darstellung der Geschichte auf den Texten der Schilder sonst nicht?

Die Aufgabe des JNF ist es, Wälder für den Staat zu pflanzen und zu pflegen. Es ist nicht unser Ziel, Geschichte abzubilden. Unsere Aufgabe sind die Wälder. Das erfolgt nach Plänen der israelischen Regierung. Wir pflanzen keine Wälder an Orten, wo es der Staat Israel nicht erlaubt.

 

In Kürze soll in Israel die erste arabische Stadtgründung seit 1948 erfolgen. Es soll eine moderne, arabische Stadt in Galiläa gebaut werden, so kündigte der Innenminister Meir Schitrit in diesem Frühjahr an. Wie steht der JNF zu dieser Idee?

Ja, die Minister Majadele und Schitrit haben das verkündet. Ich bin dafür, dass es neue, moderne arabische Städte in Israel geben wird. Die Araber in Israel sollen die gleichen Rechte bekommen. Ich war als Kandidat der Labour- Partei vierzehn Jahre lang Bürgermeister von Givatajim und habe die Stadt zu einer der prosperierendsten in Israel gemacht. Das gleiche sollte auch für den arabischen Sektor im Land getan werden. Der Staat Israel sollte das entschieden unterstützen. Die neue Stadt könnte ein Modell für zukünftige arabische Städte werden. Ich helfe auch gern als Fachmann, nicht als Präsident des JNF, mit meinen Kenntnissen. Ich bin der Meinung: Je besser sich die Städte entwickeln, desto besser wird die Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden.

Zur Person

Efi Stenzler, 55, war Direktor des Wirtschaftsausschusses des israelischen Gewerkschaftsdachverbandes «Histadrut». Als Mitglied der Labour-Partei ist er Leiter deren Büros für israelisch- deutsche Beziehungen. Zwischen 1993 und 2006 war Stenzler Bürgermeister von Givatajim. Er arbeitete ebenso lange Zeit als Vorsitzender des Theaters Givatajim. Seit Juni 2006 ist er Weltpräsident des Jüdischen Nationalfonds.

Das Gespräch führte Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», Mai 2008