Feliks Byelyenkov. Foto: I. Chalmiev

«Man muss den Kreislauf unterbrechen»

Feliks Byelyenkov über sein jüdisches Leben in Brandenburg

 

Der anheimelnde Kachelofen aus DDR-Zeiten ist kalt: am Freitag ist das Büro der Jüdischen Gemeinde Brandenburg in der Großen Münzenstraße für gewöhnlich geschlossen. Die Ehrenamtlichen und Ein-Euro-Jobber arbeiten in der Regel von Montag bis Donnerstag zwischen 8 und 13 Uhr, heute ist nur der Chef gekommen. Der Ofen steht im alten Rabbinerhaus. Dahinter gab es einst eine Synagoge. An deren Zerstörung im November 1938 erinnert die Gedenkwand. Aber die Direktorin der benachbarten Schule hätte ein solches Gedenken gern unterbunden. Fürchtete sie, die Kinder könnten schmieren und die Schule damit in Misskredit bringen? Wie auch immer. Das kleine Haus wurde der Gemeinde übergeben, nachdem sich diese 1999 wieder gegründet hatte. Der Verschleiß durch die Jahrzehnte als Hausmeisterwohnung ist nicht zu übersehen. Auch die Stühle am langen Tisch im kargen Raum, wo wir trotz Kälte sitzen, haben bessere Zeiten gesehen. Die Gemeinde, sagt ihr Vorsitzender Feliks Byeleyenkov (58), will trotz der prekären Lage mit Sponsorengeld den finanziellen Eigenanteil zu der mit mindestens 500.000 Euro veranschlagten Rekonstruktion des Hauses einbringen. Er sucht Geldgeber, klagt nicht, sondern konstatiert. Sarkasmus und Traurigkeit halten einander die Waage. «Wir haben keinen Rabbiner, keine Tora, keinen üblichen Gottesdienst. Wenn wir uns Freitagabend beispielsweise in einer Wohnung treffen, lesen wir Textstellen und diskutieren, essen und trinken.» Es fehle eben «a gelernter Mensch». Manchmal schickt die Jüdische Wohlfahrtstelle einen Religionslehrer. Und Gott sei Dank gibt es Rabbiner Nahum Presman, der Russisch spricht, zur orthodoxen Bewegung Chabad Lubawitsch gehört und segensreich allen Juden im ganzen Brandenburger Lande dient.

Ich erzähle Feliks B., was der ehemalige jüdische Häftling Günter Nobel mir berichtet hat: Ein Rabbiner kam mindestens bis November 1938 regelmäßig zu Pessach und als Kontakt zu jüdischen Auswanderungsorganisation ins Zuchthaus Brandenburg. In den Pessachgottesdienst gingen politische Juden wie er wegen der Mazzot, mehr aber, um miteinander zu reden. Nobel und seine andernorts inhaftierte Frau konnten schließlich knapp vor Kriegsbeginn aus dem Zuchthaus nach Shanghai emigrieren. Aber das ist eine andere Geschichte. Feliks Byeleyenkov ist überrascht. «Die Zuwanderer», sagt er vorsichtig, «wollen sich noch nicht mit der deutsch-jüdischen Geschichte identifizieren.»

Er beschreibt das Leben gern witzig, aber vom Standpunkt der sozialen Frage, und er wägt seine Worte ab. Schließlich ist er zugleich Präsidiumsvorsitzender, also Präsident des Brandenburger Landesverbandes, den die sieben jüdischen Gemeinden Potsdam, Cottbus, Frankfurt/Oder, Königs Wusterhausen, Oranienburg, Bernau (Landkreis Barnim) und Stadt Brandenburg bilden. Offiziell gibt es rund 1.300 Gemeindemitglieder, doch Rabbiner Presman setzt die Zahl der Juden höher an und Landeschef Feliks B. will nachzählen lassen. Sowieso reisten seit 1990 mindestens dreimal mehr Menschen im jüdischen Kontingent ein, doch die nichtjüdischen Familienangehörigen kommen in der jüdischen Statistik nicht vor. Brandenburgs Landesverband delegierte seinen Vorsitzenden Feliks Byeleyenkov als Landesvertreter ins Direktorium des Zentralrats der Juden, doch niemand ahnte damals, dass er bei den Wahlen am 19. November 2006 in dessen neunköpfiges Präsidium aufsteigen würde. Noch hat das neue Präsidiumsmitglied seinen Platz dort zwar nicht gefunden, will aber für die Eingewanderten sprechen. «Ich gehöre zu ihnen», sagt er, und auch, dass er wie viele nach der Einwanderung nicht als erstes nach einer Synagoge suchte. «Erst in der zweiten Phase sieht man, da ist eine Gemeinde und geht hin, prüft, was es gibt: Da kann auch das Kind lernen, man fährt nach Sobernheim, feiert jüdische Feste. Dann tritt man ein, kann an Wahlen teilnehmen, mitreden. So entsteht die post-sowjetische Gesellschaft mit Debatten, Treffen und Streit, die Kinder erleben, dass ihre Eltern oder Großeltern zur Synagoge gehen, da gehen auch sie. Wir brauchen dieses innere Wachstum, sonst gibt es in 30 Jahren keine kleinen Gemeinden mehr.»

Kurz gefasst wäre das die Deutschlandkarriere eines sowjetischen Ingenieurökonomen und des später selbstständigen Kleinunternehmers, der 1998 ganz andere Träume von seinem künftigen Leben hatte. Als er und seine Frau seinerzeit aus Odessa einwanderten, brachten sie zwar kein jüdisches Wissen, aber ihr jüdisches Selbstbewusstsein mit. Darum lernte Feliks B. zwei Jahre in der Jeschiwa der Ronald S. Lauder Foundation in Berlin, ging beim American Jewish Committee zu Seminaren, auch zu denen der Jüdischen Wohlfahrtstelle und der Kirchen. Heute weiß er, warum die Lebensentwürfe jüdischer Emigranten, die um 1900 vor russischen Pogromen in die USA flüchteten, nicht identisch mit denen im heutigen Deutschland sein können, und warum Nachfahren oft erst nach Generationen auf Wurzelsuche gehen. Nennt man das die Wiedergeburt der Hoffnung? Feliks B. hat vermutlich frühzeitig gelernt, auch im Misserfolg eine Chance zu wittern. «Wir Rothaarigen haben eben einen schweren Charakter», seufzt er halb im Scherz, halb im Ernst. Eigentlich wollte er in Deutschland den Spagat nach Odessa wagen. Aber das scheiterte schon im Aufnahmeheim Peitz. Das Ehepaar sollte nach Cottbus, nicht nach Berlin oder Potsdam, und zog in die Stadt Brandenburg. Am Anfang das Wohnheim im randständigen Hohenstücken, wo man in DDR-Zeiten neben dem später stillgelegten Stahlwerk eine Neubausiedlung gebaut hatte. Nach Monaten erhielten Kontingentflüchtlinge wie er die vom Arbeiterleben verlassenen unrenovierten Wohnungen mit fensterlosen Küchen. Wer konnte, zog damals weiter gen Westen oder Berlin. Von den ansässig gewordenen rund 600 Kontingentflüchtlingen, darunter etwa 120 halachische Jüdinnen und Juden, hat niemand dauerhaft Arbeit gefunden. Auch Feliks B. und Frau bezogen wie fast alle erst Sozialhilfe, nahmen dann Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an und sind jetzt bei Hartz IV, Ein-Euro-Job und Frühvorverrentungsregelung für über 58jährige angekommen. Denkt er oft an Odessa? «Da sind die Gräber meiner Eltern». Und die Tochter. Sie blieb mit Mann und Kind zurück. «Sie hat gute Arbeit, der Mann hat gute Arbeit. Warum sollten sie gehen?» Wenn es möglich ist, chauffiert B. mit seiner Frau in die alte Heimat. «Odessa hatte schon immer die andere Moral, ein anderes Lebensverständnis. Man wohnte im Hof unter vielen Nationalitäten mit vielen Sprachen.» Heute leben in der Stadt keine 150.000, sondern nur noch etwa 10.000 Juden. Der Bürgermeister ist einer davon. Es gibt vier Gemeinden und zwei Rabbiner und jüdische Schulen. Alles aus eigener Kraft, betont B., dort müssen sie fundraising machen, hier kommt das Geld von der Regierung.

«In Deutschland kann man gut umsonst leben», sagt er doppeldeutig, und es klingt bitter. Unter solchen Umständen dürfte auch die schönste havelländische Umgebung kein wirklicher Trost sein. Als der kräftige Kleinunternehmer mit einst feuerrotem Haar in der Perestroika-Zeit seine Geschäftspartner in Deutschland besuchte, gefielen ihm deutsche Ordnung, Ehrlichkeit und Sauberkeit. Heute sagt Feliks Byeleyenkov etwas schwermütig: «Ich genieße mein Leben in Deutschland», - und er nennt Gesetze gegen offenen Rassismus und Antisemitismus. Doch im Alltag spürt er, und in den Zeitungen liest er, wie fest und auch latent die antijüdischen Vorurteile bei einem Großteil der Landeskinder verankert sind. Der kühle und distanzierende Lebensstil der hiesigen Provinz behagt ihm so wenig wie dessen oft sinnlose Formalisierung, doch er schwärmt von deutschen Freunden, und wie sie miteinander und übereinander lachen würden. Feliks Byeleyenkov vertraut seinem Instinkt. Wenn Einwanderer wie er in Hohenstücken auf der Straße miteinander reden, dann scheine das das die deutschen Nachbarn zu stören, «Wir Juden sind Fremde in einer Stadt, die keine Fremden will.»

Feliks B. hat schnell gut deutsch gelernt. «Ich habe mich selbst motiviert.» Hilfreich war das Jiddisch der Großmutter, auch etwas Englisch, aber die mündliche Rede, seufzt er, ersetzt nicht die fehlenden Lese- und Schreibfertigkeiten. «Ich wollte verstehen, was man zu mir sagt. Ich fühlte mich sonst wie ein Idiot. Das deutsche Fernsehen war mein bester Lehrer. Bis heute habe ich keine Schüssel auf dem Dach.» Er lobt Bibliotheken, Museen, Theater und das Kabarett, das sei anders ist als in der Hafenstadt Odessa, die so berühmt für bissigen Humor ist.

Feliks B. wurde einige Monat nach Gründung der Jüdischen Gemeinde Brandenburg zur Mitarbeit aufgefordert. «Aus dem Nichts haben wir uns geschaffen, ohne zu wissen, was eine Gemeinde ist.» Heute vertritt er alle: halachische Juden, Nachfahren jüdischer Väter und die nichtjüdische Familienangehörige. Das Durchschnittsalter seiner Klientel ist so hoch wie die Spannung aus mitgebrachten Erwartungen und heutiger Realität. «Ich sage, was ich erlebe. Es gibt Menschen, die kamen nach Deutschland, weil jemand in der Familie Jude ist.» Stirbt dieser, bleibt die nichtjüdische Witwe, die ebenfalls auf seine Hilfe rechnen kann. Dank verschiedener Trägervereine kümmern sich heute Ein-Euro-Jobber aus dem eigenen Umfeld um bedürftige Alte und Schwache, die kaum deutsch sprechen. «Haben wir die Helfer nicht, geht es ihnen schlecht.» Feliks Byeleyenkov philosophiert nicht über Integration oder Multikulturalität, sondern erzählt von Menschen, Nachbarn, Männern, Frauen und Kindern. «Wir feiern mit allen jüdische Feste. Aber gibt es nur 100 Plätze, laden wir als erstes die jüdischen Leute ein.» Als in einer Grundschule ein jüdisches Kind im Musikunterricht ungerecht benotet wird, geht er hin und muss erfahren, dass die Lehrerin meint, ein nichtdeutsches Mädchen könne keine deutschen Volkslieder singen. «Man muss hier viel reden. Das sind die Aufgaben einer Jüdischen Gemeinde.» Und so spricht er von den Tücken der Sozialarbeit, von Begleitung zu Ärzten und den literarischen wie musikalischen Veranstaltungen, die der Zentralrat der Juden finanziell stützt.

Neben dem Bahnhof liegt Brandenburgs alter jüdischer Friedhof, heute ein eigentlich gepflegtes Denkmal aus dem Jahr 1948. Die Sterbedaten haben sie damals noch mit Kreuzen markiert. B. will das ändern. Aber wie? Gerade wurden die alten Grabtafeln erneut beschmiert, die Empörung blieb aus. Es waren zwei Jugendliche, fast noch Kinder. Was tun? Die Juden werden heute in Potsdam beerdigt, sofern den Hinterbliebenen der Weg nicht zu weit ist. Feliks Byeleyenkov meint, es wäre für kleine Städte in Deutschland vielleicht wichtig, dass es dort neue jüdische Gemeinden gibt, aber ein jüdisches Leben sei das nicht. Was aber ist hiesiges jüdisches Leben? Er überlegt. Die Frommen haben die Spiritualität, die Liberalen geben sich Mühe, an Chabads Politik gefällt ihm, dass sie immer dort auftauchen, wo Juden sind, und die Lauder Foundation hat nach seiner Ansicht mit ihrem Lehrhaus ein großartiges Modell geschaffen. Viele Möglichkeiten, viele Wege, ein Ziel. Man muss den Kreislauf unterbrechen. Welchen? «Wir kommen wie Gojim ins Land und wenn nichts passiert, dann sterben wir wie sie ganz sie ohne jüdisches Verständnis.»

Als er erfuhr, dass ein nichtjüdischer Förderverein in Potsdam mit vielen Spenden und wenig staatlicher Hilfe der jüdischen Gemeinschaft aus dort 379 Mitgliedern ein Gemeindezentrum bauen will, versuchte er, diese Zusammenhänge zu verstehen. Jetzt hat man ihn, den Vorsitzenden des Jüdischen Landesverbandes, zum ersten Mal zu einer Sitzung eingeladen. Wäre ich an seiner Stelle, ich würde sagen, dass wegen der politisch gewollten Ansiedlungspolitik im Land Brandenburg nicht nur ein jüdisches Gemeindezentrum, sondern sieben nötig sind, dass sieben Synagogen, sieben Rabbiner, sieben Kantoren, Sozialarbeiter, Friedhöfe und Mikwen fehlen. Da wäre es wohl sinnvoller und Kosten sparender, würden alle Kontingenteinwanderer in einer großen Stadt leben.

Irene Runge

«Jüdische Zeitung», Februar 2007