Beispielhafte Selbstbehauptung

Recha Freier und 75 Jahre Kinder- und Jugend-Aliyah

 

Berliner Gedenktafel Foto:Archiv

Vor 75 Jahren gründete Recha Freier in Berlin die Kinder- und Jugend-Aliyah. Anfang April wurde in München, Frankfurt am Main und in Berlin unter dem Motto «Kinder brauchen Träume - Lasst sie nach den Sternen greifen!» an die Geschichte dieses weltweit größten jüdischen Kinderhilfswerks erinnert. Die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Herta Däubler-Gmelin (SPD), rief dazu auf, einen Berliner Platz nach Recha Freier zu benennen, besser noch ein Jugendzentrum. Bislang ist ihr nur eine Gedenktafel im Jüdischen Gemeindehaus gewidmet. Was für eine Person war diese Rabbinersgattin?

«Nein, wie eine typische Rebbetzin wirkte Recha nun wirklich nicht», sagt Irene Jacob, als das Gespräch auf ihre Verwandte kommt. Recha Freier (1892-1984) war auch Lehrerin, Musikerin, Autorin - und eben Initiatorin der Jugend-Aliyah, die Tausenden jüdischen Kindern die Auswanderung aus Nazi-Deutschland ermöglicht hatte. Die im ostfriesischen Städtchen Norden geborene Recha Schweitzer, studierte Philologin und passionierte Pianistin, heiratet 1919 Moritz Freier, der damals Rabbiner in Eschwege bei Kassel ist. 1922 geht das Paar für vier Jahre nach Sofia, 1926 kehrt die inzwischen auf drei Söhne angewachsene Familie nach Deutschland zurück: Moritz Freier wird in Berlin Gemeinderabbiner an den Synagogen in der Heidereutergasse, der Rykestraße und Kaiserstraße. Recha Freier ist inzwischen wieder als Lehrerin an höheren Schulen, als Volkskundlerin und freie Autorin tätig und widmet sich der Erforschung von Märchen. 1932 wenden sich fünf arbeitslose 16-Jährige an die überzeugte Zionistin und bitten um Hilfe bei der Übersiedlung nach Palästina. Am 12. Oktober 1932 reist die erste Jugendgruppe vom Anhalter Bahnhof in Berlin aus nach Haifa ins britische Mandatsgebiet. Mit dem 30. Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, ist Hilfe mehr denn je geboten. Recha Freier gründet das »Hilfskomitee für jüdische Jugendhilfe «, das sich bald mit der »Jüdischen Waisenhilfe« und dem Berliner Kinderheim »Ahawa« verbindet, und wird schließlich Leiterin der Jugendhilfe der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.

Ihr Engagement stößt auf den Widerstand der zionistischen Bewegung, die in Palästina keine unerfahrenen Jugendlichen, sondern ausgebildete Fachkräfte haben möchte. Selbst Henrietta Szold, Direktorin der Jugend-Aliyah in Jerusalem, tut sich schwer: «Ich habe hier so viele Probleme und so viele Aufgaben, ich kann nicht noch Kinder aus dem Ausland aufnehmen. » Recha Freier lässt sich nicht entmutigen, besorgt Visa und Schiffspassagen und stellt den Kontakt zu Kibbuzim und zum Jugenddorf Ben Shemesh her. Es gelingt ihr, zusammen mit Käte Rosenheim, etwa 12.000 Kinder aus Nazi-Deutschland nach England, Dänemark und Palästina zu bringen - zu wenig, wie sie später bedauert. Als am 13. September 1939 mehrere tausend polnisch-jüdische Männer in KZ verschleppt werden, erzwingt Recha Freier die Unterstützung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. «Am Rande der Legalität nutzte sie erfolgreich alle Handlungsspielräume, um diese Männer aus den KZs zu befreien und ihnen die Flucht nach Palästina zu ermöglichen », schreibt Gudrun Maierhof in ihrem Buch «Selbstbehauptung im Chaos. Frauen in der jüdischen Selbsthilfe 1933-1943» (Frankfurt/ New York 2002). Recha Freier wird daraufhin ihrer Ämter innerhalb der Reichsvereinigung enthoben; sie flüchtet mit ihrer Tochter Maayan über Wien, Zagreb, die Türkei, Griechenland und Syrien nach Palästina. Ihr von der Gestapo gesuchter Mann lebt inzwischen in London. Recha Freier gründet das Agricultural Training Center for Israeli Children, sowie die Stiftung Testimonium zur Förderung von Kompositionen israelischer Künstler. Nicht von ungefähr hat Albert Einstein 1954 Recha Freier - indes vergeblich - für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Mai 2008