Beschneidungskit. Foto: jhm Amsterdam

«In Deinem Blute sollst Du leben!»

Ein europäisch-jüdischer Almanach widmet sich der Beschneidung

 

«The first cut ist the deepest, baby I know», heisst es in einem Schlager, wenngleich auch in ganz anderem Kontext. «Ihr alle sollt das Zeichen meines Bundes an eurem Körper tragen»: Kaum ein Thema ist ein klareres Symbol für Juden und Judentum als die Beschneidung, keins ist ein größeres Symbol für Lasten und Segen jüdischer Identität. Ist es lediglich ein Schnitt, der den Mann für immer kennzeichnet? Oder ist es ein physischer Bund, der einen spirituellen Bund symbolisiert?

Diese Fragen haben über ein Jahr lang das Redaktionsteam des GOLEM-Almanachs beschäftigt. Nachdem bisher Magazine zu den Themen «Jüdische Identität», «Familie» und «Diaspora» erschienen sind, beschäftigt sich der neue Almanach mit der Beschneidung als Zeichen des Bundes. Das Thema macht immer wieder Schlagzeilen, zuletzt in der amerikanischen Zeitschrift «Public Library of Science» über eine Studie, wonach die männliche Beschneidung im Verlauf der nächsten 20 Jahre drei Millionen Todesfälle durch HIV verhindern könnte. Es gibt aber Initiativen für die Wiederherstellung der Vorhaut wie die «Brothers United for Future Foreskins» und Diskussionen über Genderfragen und Heiligungsrituale für Mädchen. Und inzwischen gibt es auch in Deutschland Moheliot, weibliche rituelle Beschneiderinnen.

«Barbarisch und absonderlich?»

In Deutschland gab es im 19. Jahrhundert einen erregten Diskurs um die Beschneidung. Im Ringen um die Emanzipation wurde die traditionelle Mila zum Hindernis. Auf nichtjüdischer Seite mischte sich christliche Polemik mit antijudaistischen Vorbehalten der Aufklärung, etwa im Geiste von Voltaires «Essais ur les moeurs». Jüdischerseits wurde die Frage nach dem Initiationscharakter der Beschneidung schließlich zum Anlass für eine politische Neubestimmung jüdischer Gemeindezugehörigkeit.

Im Vormärz reagiert Gabriel Riesser (1806-1863) auf die Definition des Heidelberger Theologen Paulus, wonach die Beschneidung als «Nationalabsonderungszeichen» es Juden unmöglich macht, staatsbürgerliche Rechte auszuüben, 1831 mit seiner «Vertheidigung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. H. E. G. Paulus» und schließt: «Wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos.» Er schreibt aber auch: «Die Albernheit, dass das unbeschnittene Kind kein Jude sei und man nicht wisse, wohin es gehöre, bringt ja die einigermaßen kundige Orthodoxie selbst nicht mehr zu Markte, sondern sie redet bloß von der Unterlassungssünde des Vaters.» Das Judentum werde weiter blühen, auch wenn der verwerfliche und widersinnige Zwang zu einer Zeremonie wegfalle.

Der liberale Leopold Zunz (1794-1886) befindet 1844 in seinem «Gutachten über die Beschneidung», dass die Brit Mila so wie der Schabbat «eine Institution und keine bloße Zeremonie» sind, «ein sichtbarer Akt der Übertragung und Vererbung des göttlichen Gesetztes». Er resümiert ebenso plakativ wie missverständlich: «Eine Abschaffung der Beschneidung schneidet das Leben des Judentums mitten entzwei: ein Selbstmord ist keine Reform.» Von diesem Selbstmord ist das liberale Judentum aber weit entfernt. Auch wenn sein bedeutendster Vordenker, Abraham Geiger (1810-1873), die Beschneidung im privaten Kreise als «barbarischen blutigen Akt» bezeichnet, «der den Vater mit Angst erfüllt», so hält er am traditionellen Ritus fest - anders als der kompromisslose Samuel Holdheim (1806-1860) in seiner Schrift «Über die Beschneidung. Zunächst in Religiös-Dogmatischer Beziehung» von 1844. Reform bedeutet für Geiger «aus dem Judentum heraus die Judenheit neu und frisch belebt zu gestalten.» Das ist auch das Anliegen von Heinrich Heine, wenn er 1844 schreibt «Hütet euch, die Taufe unter den Juden zu befördern. (...) Befördert vielmehr die Beschneidung, das-ist der-Glauben, eingeschnitten ins Fleisch; in den Geist lässt er sich nicht mehr einschneiden. Fördert, beschleunigt die Emanzipation.»

Dieser historische Diskurs um die Beschneidung kommt auch im GOLEM-Almanach zur Sprache. Und viele weitere Fragen werden behandelt: Was bewegte die biblische Zippora dazu, ihren eigenen Sohn zu beschneiden? Soll ein Kind überhaupt ein sichtbares Zeichen seiner jüdischen Herkunft tragen? Mit welchen Gefühlen unterziehen sich Konvertiten der Prozedur? Wie geht die christliche Tradition mit der Beschneidung Jesu um? Und was bedeuten Ruhetag, Regenbogen und Beschneidung für die Beziehungen zwischen dem jüdischen Volk und dem Ewigen? Die neue dreisprachige Ausgabe des europäisch-jüdischen Almanachs soll Anfang März in Berlin vorgestellt werden.

Gideon Wollberg

 

Informationen dazu unter www.golem-journal.de

 

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2007