Orientierungshilfe und Familienersatz

Der Verein «Schalom» in Ratingen ist auf einem guten Weg

 

Vadym Fridman (re.) mit Grigori Lisnowski. Foto: Privat

Ende April lud der Jüdische Kulturverein «Schalom» zu einem Klavierkonzert mit der Düsseldorfer Pianistin Tamara Russanova ins Ratinger Medienzentrums ein: nur ein Pogrammpunkt unter vielen, der den Zusammenhalt unter den jüdischen Zuwanderern stärkt und zugleich Brücken zur nichtjüdischen Umgebung schlägt. Der im November 2002 gegründete Verein hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: den Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Ratingen, die Aufhebung der Isolation der jüdischen Einwanderer und ihrer Familienmitglieder sowie die Förderung der sprachlichen, sozialen und kulturellen Integration in die deutsche Gesellschaft. Sozialarbeit, Sprachkurse und ehrenamtliches Engagement gibt es auch anderswo, doch selten herrscht dabei so eine Harmonie unter den Beteiligten: Man kann sagen, dass in Ratingen quasi «die Chemie stimmt». Das sieht auch die Sprecherin für Kirchenfragen der SPD, die Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese, so: «Es ist toll, dass es wieder ein aktives Judentum in Ratingen gibt», sagte Griese, zu deren Wahlkreis Ratingen gehört, bei ihrem Besuch beim Kulturverein. Ratingen gehört zum Einzugsbereich der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. «Dass sich innerhalb einer solchen Großgemeinde ein selbstständiger und so aktiver Verein bildet, ist sehr ungewöhnlich. Umso höher ist das Engagement der Ratinger Juden einzuschätzen», lobt Griese. Bemerkenswert findet sie auch, dass der Verein die jüdischen Feste öffentlich feiert. «In Deutschland gibt es leider nur geringe Kenntnisse über das Judentum. » Da sei es wichtig, dass «Schalom» auch öffentlich wahrgenommen wird. «Der Verein ist zudem im interreligiösen Dialog engagiert und pflegt Kontakte zu den christlichen Kirchen und zum Moscheeverein», hebt Kerstin Griese die Verständigungsarbeit hervor.

Vadym Fridman, der Vorsitzender des Vereins, ist stolz auf das, was in kurzer Zeit erreicht worden ist. «Wir bekommen immer häufiger Besuch von Kontingentflüchtlingen aus anderen Städten. Auch ihnen fällt auf, dass wir uns als Gruppe zusammengehörig fühlen. Sie fragen nach und wollen wissen: Wie macht man das, einen Verein zu gründen?» Im Jahr 2006 zählte der jüdische Kulturverein rund 80 Mitglieder, etwa 300 Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben mittlerweile in der Stadt Ratingen. Viele Mitglieder waren sich bei ihrer Ankunft in Ratingen ihrer jüdischen Wurzeln kaum noch bewusst. Der Zusammenschluss des Vereins ermöglicht es ihnen heute, jüdische Traditionen wieder zu beleben und an den Glauben der Vorfahren anzuknüpfen. Fridman, ein pensionierter Bauingenieur, steht dem Verein seit 2002 vor. Er wurde 1935 in der Ukraine geboren, aus der auch sein Stellvertreter Grigori Lisnowski (Jahrgang 1946) stammt. Schatzmeister Boris Domashevskiy wurde 1936 in Russland geboren. Lisnowski sagt: «Man kann nicht einfach von einer Kultur in die andere springen. Man braucht Zwischenstationen, Orientierungspunkte. Der Verein ist so etwas für uns geworden. Viele von uns kannten nur die Kultur ihres meist russischen oder ukrainischen Herkunftslandes, aber nicht die Kultur ihrer jüdischen Nationalität. Bei «Schalom» haben wir jetzt Gelegenheit, unsere jüdischen Wurzeln zu beschnuppern und uns mit ihnen anzufreunden.» Boris Domaschevski pflichtet ihm bei: «Wir können uns kein Leben mehr ohne den Verein vorstellen. Er ist für uns zu einer Familie geworden. Wenn zum Beispiel einer bei einer Behörde sich nicht gut verständlich machen kann, ruft er im Verein an. Meist findet er jemand, der ihm weiterhilft. Früher war fast jeder auf sich allein gestellt. Das ist jetzt anders.»

«Schalom» will auch an die Traditionen der alten Ratinger Judenschaft anknüpfen, die nachweislich vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten bestand und die seit 1853 eine Filialgemeinde der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf war. Der Jüdische Kulturverein «Schalom» steht ebenfalls in enger Verbindung mit der heutigen Jüdischen Gemeinde Düsseldorfer Gemeinde, an deren Gottesdiensten sie teilnehmen. Verstorbene werden auf dem Israelitischen Friedhof an der Düsseldorfer Ulmenstraße (Nordfriedhof) beigesetzt. Der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, kann sich durchaus vorstellen, dass es in zehn, zwanzig Jahren zur Gründung einer eigenständigen Religionsgemeinde kommt. «‚Schalom' ist auf einem guten Weg», schrieb Bastian Fleermann in der Rheinischen Post, als der Verein seinen eigenen Versammlungsraum in der Ratinger Innenstadt beziehen konnte. Das gilt auch weiterhin, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch Freunde und Förderer wie Fleermann selbst (der promovierter Volkskundler ist Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf) oder durch denn inzwischen pensionierten langjährigen Integrationsbeauftragten der Stadt, Franz Naber, sowie natürlich die Vertreter von Caritas und Kirchen, die den jüdischen Zuwanderern seit Jahren zur Seite stehen.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Mai 2008