Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Zwischen den WeltenEin Reisebericht
Der Grenzübergang zwischen Ägypten und Israel ist von beiden Seiten gut ausgebaut. Als Reisender braucht man auf jeden Fall Ruhe, Geduld, Geld. Beide Seiten wollen «Border Tax». Ägypten bei der Ein-, Israel bei der Ausreise. Mich erinnert das an den Wegezoll, der früher auf jeder Fahrt durch Deutschland gefordert wurde; man hat das Gefühl staatlich gelenkten Raubes. Von israelischer Seite führt die Buslinie 15 aus der Stadt Elat für sieben Schekel, auf der ägyptischen Seite muss man laufen, oder sich vom Grenzbeamten überzeugen lassen, das Taxi zu nehmen, das sein Bruder fährt. Der Preis ist unbestimmt. Man kann auch laufen, von der Grenze bis zur zwei Kilometer entfernten Busstation. Nicht einfach, ich habe meist schweres Gepäck. Der letzte Bus geht von Taba, so heißt der Ort auf dem Sinai, um drei Uhr nachmittags. Wehe, du denkst nicht an Cash, der Bankautomat ist manchmal out of order, das Kassieren der Border Tax erfolgt im Bus. Der Mann, der sie kassiert, ist, wie der, der zum x-ten Mal deinen Ausweis sehen will, in zivil. Du kannst seine Qualifikation nur an der Pistole erkennen, die unter seinen schlampigen Klamotten herauslugt. Überhaupt sind auch die schwarz gekleideten Soldaten immer salopp in ihrer Kleiderordnung, während die Frauen Israels ihre Uniformen so ernst nehmen, wie ihre Fragen: «Wo werden sie heute übernachten? » Bei dir, will ich spontan antworten, aber dann ergebe ich mich dem neurotischen Alltag. Auch das Durchleuchten des Gepäcks scheint auf ägyptischer Seite eher ein Witz, man lächelt vertraulich, wir wissen beide, das ist Quatsch, wir tun mal so als ob. Den Humor hat man auf der israelischen Seite nicht, auch in Tel Aviv, am neuen Bahnhof der Regionalbahn, wie an jedem öffentlichen Gebäude der übliche Check, also Gepäck zum Durchleuchten, die piepende Schleuse, Schlüssel in der Tasche vergessen, zurück, wieder fragt eine sie, mit meinem deutschen Pass in der Hand, misstrauisch auf das ägyptische Visum schauend, wo wohnen sie heute Abend? Während mich dutzende Menschen von hinten überrennen - es herrscht abendlicher Berufsverkehr, alle wollen aus der Stadt, wo sie arbeiteten, nach Hause. Das übernehmen auf ägyptischer Seite Männer in Zivil, man erkennt sie, weil sie so überlegen lächeln, ihre Handbewegungen sind machtbewusst, sie sitzen rauchend auf Stühlen in den Kontrollpunkten, die Straße bildet eine Schleife, dann eine Schranke, die ein Soldat hoch- und runterlässt, der Bus kommt wieder mal zum Stehen, dann kommt der Mann in Zivil, steigt rauchend ein, dem Busfahrer zwinkert er zu, aber Dienst ist Dienst, ihn scheint mein israelisches Visum nicht zu stören. Das ägyptische Elat heißt Dahab (150 Kilometer von der Grenze); die Hotels sind kleiner, das bunte Allerlei improvisierter, dafür wirst du dauernd beworben, du kommst nicht ohne Gespräch über den Boulevard, willst du heute Abend hier essen, komm' in mein Geschäft. Hey, ihr schönen Frauen, ich hab alles, was ihr wollt. Dafür lassen sie ihre eigenen nicht nach draußen, wenn doch, nur verschleiert, die schönen Frauen in Elat lassen dich stolpern, du schluckst die Spucke im Mund runter. Die kürzlich angebrachten, verzierten Straßenlampen in Dahab gammeln vor sich hin, zwei vor meinem Camp funktionieren. Pferde, Hunde, Katzen, Kamele, Radfahrer kommen vorbei auf dem Boulevard, tagsüber watscheln unzählige Taucher durch, oder ziehen sich gleich hier um. Vor allem hört man russisch, die neuen Russen haben auch schon ein paar Cafés übernommen. Aber: Geschäfte in Ägypten zu betreiben scheint nicht immer einfach, das Hotel, das einem Beduinen gehört, wird von Soldaten bewacht. Der Ägypter, der es gepachtet hat, zahlte keine Miete, heißt es, als der Besitzer mit seinen Freunden kam, holte der Mieter die Soldaten. Beduinen wie Ausländer haben es nicht einfach, man bekommt hier auf die meisten Dinge nicht einmal eine Quittung, alles per Handschlag. Schwierig, so Geschäfte zu machen. Für die meisten Sachen gibt es auch keine ausgeschilderten Preise. Daher ist jedes geschäftliche Gespräch zeitaufwendig, oft wird auch der Preis nachträglich wieder geändert. Trotzdem versuchen es immer wieder Enthusiasten unter den Zugereisten. Versucht haben es im Laufe der Jahre schon Deutsche, Ungarn, Chinesen, jetzt eben die Russen. Elat hat den Flughafen mitten in der Stadt, den breiten Sandstrand, Dahab die rötlichen Berge, überall Riffs, eine große Bucht, wo gesurft wird. Der entscheidende Unterschied aber: Die eine Seite gehört zur «Ersten», die andere Seite zur «Dritten Welt». Ich habe die Grenze schon oft passiert, mal von hier, mal von da, mir ist es möglich, den Israelis kaum noch. Sie fühlen sich nicht sicher in Ägypten, umgekehrt reisen wohl auch kaum Ägypter nach Israel. Ich besuche meine Verwandten im Norden Israels, ich mache einen Tagesauflug nach Jaffa, dem alten Teil von Tel Aviv, zwischen Trödel, Kitsch und Touristennepp suche ich nach einem Chanukkaleuchter, es gibt sie hier, von klein bis riesengroß, der schläfrige Verkäufer erwartet niemand mehr, wohl auch deshalb ist der Laden abgeschlossen. Ich tue so, als wäre ich ein richtiger Kunde, klopfe, er lässt mich ein, was kostet der, dabei zeige ich auf den, der so groß ist, wie ich mit ausgestreckten Armen zeigen kann. Zwölftausend Dollar, sagt der Mann, ohne die Augen zu öffnen, ich atme ein und aus, schließlich gibt er die Erklärung: Synagoge, Wien, 1920. Vor meinen Augen sehe ich den Film von der langen Reise dieses Stück Metalls, vom Land hinter den Bergen in Europa bis hierher, wo er endlich auf dem Schiff ankam, der Hafen ist 300 Meter entfernt. Ich gehe weiter, bis ich vor einem Trödelstand stehe, da steht ein kleiner Leuchter, den kann man sogar auseinandernehmen. Für meine Zwecke vernünftig, der Preis ist auch vertretbar. Wir sind schon in der dritten Generation hier, sagt der persische Verkäufer lachend auf meine Frage, während er mein Geld küsst. Als ich ihn nach Ahmadinedschads Kriegsabsichten gegen Israel frage, sagt er, Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich kaufe noch Matze im Supermarkt, sie sind bis Berlin schon aufgebraucht, ich mag sie, auch wenn kein Pessach ist. Im Gepäck habe ich noch das alte Märchenbuch von Tante Hilde (ich nenne sie Tante, sie ist nur über drei Ecken verwandt), geboren in Hamburg, gestorben in Israel. Nach ihrem Tod kann keiner ihrer Nachfahren mehr Deutsch lesen, deshalb haben sie es mir mitgegeben. Vielleicht waren ja Leuchter und Buch damals auf einem Schiff. Die kleine Hilde stand im Rassekundeunterricht auf dem Lehrertisch vor der Klasse. Sie sollte ihren Kopf nach alle Seiten drehen. Seht ihr Kinder, sagte der Lehrer, so sieht ein semitischer Kopf aus. Ja, sagte Hilde, und wir singen auch ganz andere Lieder. Ihre Familie überzeugte Zionisten; sie verließ Deutschland früh, die antijüdischen Gesetze waren noch nicht so eng, so konnte die damals kleine Hilde das Märchenbuch mitnehmen. Aber die Angst kam ihnen nach, endlich in Israel angekommen, hörten sie in den nahen Stellungen Syriens deutsche Befehle. In den Kriegen mit den arabischen Nachbarn verlor sie einen ihrer Söhne. Die Familie spricht nicht drüber, wir bewundern das jüngste Mitglied, die kleine Tamar, die vertrauensvoll zwischen Papa, Mama, Oma, Onkel, Opa, Oma hinund herläuft. Ich kam 1996 das erste Mal dort an, man hatte innerhalb Israels telefoniert, wer sollte den (fremden) Verwandten aufnehmen, schließlich steckte man mich in die Einwandererbaracke, ein schmuckloses Zimmer, wo es nach Landwirtschaft stank. Meine (neuen) Verwandten waren Kibbuzniks; da ich aus der DDR kam, waren einige Errungenschaften des Kollektivs mir wohl bekannt. Der Chadar Ochel, die Kantine, die blauen Arbeitsuniformen, die Filme von der Planerfüllung. Ich brauchte aber trotzdem drei Wochen, um zu verstehen, was ich bisher in meinem Leben verpasst hatte, an Jom Kippur lief ich zur vier Kilometer entfernten Dorfsynagoge, zum Gottesdienst. Meine Tante machte sich über meine Neugier auf Religion lustig, da saßen die Männer murmelnd im Raum, redeten laut an der Tür, während die Frauen oben waren oder mit den Kindern auf dem Spielplatz saßen, ein volles, unbewachtes Gotteshaus für alle Generationen. Ich fuhr das erste Mal mit dem Bus von Hadera (im Norden) bis nach Elat im äußersten Süden des Landes. Von der ernsthaften Planerfüllungsgesellschaft zum vergnügungssüchtigen Völkchen. Von den religiösen Bauern zu den modernen Geschäftsleuten, dieses kleine Land auf 400 Kilometer Länge und wenigen Kilometern Breite. Ich sah das erste Mal Jerusalem, den Kuchen aus Christen, Juden, Muslimen. Stand (später) das erste Mal mit meinem Sohn an der Klagemauer. Ich spürte das Gefühl der Anziehung, ich glaube, die meisten Juden auf der Welt kennen es. In Elat angekommen, holte ich meinen alten Pappausweis raus, meine Taucherlizenz aus der DDR. Der Mann vom Tauchklub lachte, als er das Kinderfoto von mir sah. Nachdem ich einen Auffrischungskurs absolviert hatte, konnte ich endlich meine erste Tauchexkursion starten. Man holte mich am Morgen vom Hotel ab. Dann ging es im Jeep bis zur Grenze. Auf der anderen Seite mussten wir das Auto wechseln. Das erste, was ich von Ägypten wahrnahm, war ein einsames Kamel am Strand, was an einer Coca-Cola-Büchse leckte, nach dem Zauber des ersten Tauchgangs sah ich abends die Lichter von Dahab. Wir schliefen draußen, in der Wüste. Seitdem komme ich fast jedes Jahr wieder. Es gibt mir Halt, weil Judesein in Deutschland schwierig ist, wie wohl in den meisten Ländern, wo es kaum Juden gibt. Es hat mir gezeigt, dass alles viel größer, bunter und überhaupt ganz anders ist als ich dachte. Es überrascht mich immer wieder. Inzwischen habe ich Routine, ich reise von Elat aus kommend ein, nehme mir ein Auto, fahre die 90 Kilometer in nördlicher Richtung (langsam! man wird aus der Luft kontrolliert). Ab Jerusalem gibt es die schnelle Autobahn, vor Haifa biege ich rechts ab. Meine (andere) Tante wartet, es ist schon halb elf abends. Am Kibbuz finde ich nicht gleich die richtige Einfahrt, ein Auto fährt mir nach, wo wollen Sie hin? Als ich den Namen meiner Tante nenne, ist alles okay. Dann klopfe ich an ihre Tür, öffne aber gleich, weil ich weiß, dass sie nicht abgeschlossen ist. Sie sagt, guck mal, was ich für dich habe und macht mir die Flasche Goldstar-Bier auf. Ich bin zu Hause. |