Wöchentliche Toralesungen

 

Lag ba'Omer fällt dieses Jahr auf den 23. Mai. In Erinnerung an die Jahrzeit von Rabbi Schimon bar Jochai werden an diesem Tag Lagerfeuer entzündet . Foto: dpa

Auge um Auge

Sidra Emor

Sonnabend, den 10. Mai 2008

den 5. Ijar 5768

Toralesung: Lev 21:1-24:23

Haftara: Jechezkiel 44:15-31

Nur wenige Verse der Bibel wurden so oft und so auffällig von Juden und Nichtjuden missverstanden wie Lev 24:20, von dem unser Titel stammt. Dieses Missverständnis hat unseren Text in ein Symbol verwandelt: die Verkörperung der Rache auf der unreifsten und gröbsten Ebene. Wer seine Opposition zu Vergebung, Zugeständnis und Wiedergutmachung ausdrücken will, um stattdessen auf seinem Pfund Fleisch und Vergeltung der brutalsten und schmerzhaftesten Art besteht, beruft sich auf «Auge um Auge, Zahn um Zahn», eine Formel, die Bilder von abgehackten Gliedmaßen und ausgestochenen Augen heraufbeschwört. Sogar die traditionelle rabbinische Interpretation unseres Textes, «Auge um Auge» als finanzielle Kompensation, schließt nicht aus, es sei bloß eine apologetische Erklärung, ein späteres Abschwächen alter Barbarei, eine Humanisierung der Strenge der Tora durch folgende Generationen.

Aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil. Unsere Weisen und Kommentatoren leiten viele verschiedene Beweise ab, die darauf hinweisen, der direkte Sinn des Textes könne kein anderer sein als finanzielle Kompensation. Wir werden einige dieser Beweise zitieren. Lesen wir aber zuerst diese Sätze im Kontext. Wir finden sie zweimal in den Schriften, zuerst in Ex 21: 18-25). Das zweite Mal kommt der Text in unserer Sidra vor: «Und so jemand irgendeinen Menschen erschlägt, sterbe er des Todes. Und wer ein Stück Vieh totschlägt, erstatte es, Stück um Stück. Und so jemand seinem Nächsten eine Verletzung beibringt - so wie er getan, so geschehe es ihm. Bruch um Bruch, Aug‘ um Auge, Zahn um Zahn, die Verletzung, so er einem Menschen beigebracht, so werde ihm beigebracht.» (24:17-21). Der Talmud leitete eine Menge Argumente ab, um zu beweisen, dass diese Verse auf finanzielle Kompensation für den Verletzten anspielen müssen. Rabbi Schimon b. Jochai stellte fest: «'Auge um Auge' - Geld. Du sagst Geld; aber vielleicht meint es wirklich ein Auge? In einem solchen Fall, wenn ein Blinder einen anderen blind macht, ein Krüppel einen anderen verstümmelt, wie kann ich dann ein Auge um ein Auge geben? Aber die Tora sagte (Lev 24: 22): ‚Gleiches Recht sei bei euch' - ein Recht, das für euch alle passt.» [...]

Die Formulierung «der des Todes schuldig ist», indiziert, dass es andere Verbrechen gibt, die nicht mit dem Tod zu bestrafen sind. Wenn wir den Kontext ansehen, finden wir, dass dort, wo es sich um kein Kapitalverbrechen handelt, sich der Text nur auf die Schuld desjenigen beziehen kann, der einen anderen verletzt. Wenn der Text daher feststellt, dass für einen Mörder kein Sühngeld genommen werden darf, folgt daraus, dass dort, wo kein Kapitalverbrechen vorliegt, Sühngeld genommen werden soll.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied zwischen körperlichen Verletzungen und Schaden an seinem Eigentum. Wer jemanden anweist, ihn blind zu machen oder zu verkrüppeln, damit er von Verpflichtungen frei sei, ist dennoch bezüglich der fünf Dinge nicht befreit, d.h., derjenige, der blind macht, ist zur Kompensation gegenüber dem Opfer verpflichtet: Verletzung, Schmerz, Zeitverlust, medizinische Behandlung und Schande, obwohl er es mit seinem Einverständnis tat. [...] Wer für den Verlust des Augenlichtes Kompensation bezahlt, macht den Schaden nicht gut wie jemand, der das Eigentum seines Nachbarn beschädigt. Das Geld macht nur den monetären Schaden gut, der mit dem Verlust des Augen oder der Hand zusammenhängt. Aber der tatsächliche Verlust des Auges kann nicht gutgemacht werden. Die Verletzung eines anderen Menschens ist ein Verbrechen, das durch Sühngeld oder monetäre Kompensation nicht gutgemacht werden kann, denn er ist geschaffen im Bilde des Ewigen.

 

Das Jubeljahr

Sidra Behar

Sonnabend, den 17. Mai 2008

den 12. Ijar 5768

Toralesung: Lev 25:1-26:2

Haftara: Jirmejahu 32:6-27

Es gibt die Ansicht, das siebenfache Omerzählen symbolisiere den unvollendeten Charakter der Befreiung aus Ägypten und die Freude auf die schließliche Vollziehung durch den Empfang der Tora. Das Motiv des Siebenfachen erscheint in unserer Sidra und bezieht sich auf die Zeit der sieben Ruhejahre, die gezählt werden, um das Jubeljahr zu erreichen, in dem jeder Jude, der in Knechtschaft lebt, freigelassen wird und den Status als Diener des Ewigen, dem allein Dienst gebührt, wieder aufnimmt: «Denn mir sind die Kinder Israel Knechte, meine Knechte sind sie, die ich sie geführt aus dem Lande Mitzrajim.» (Lev 25: 55)

Viele und mannigfaltige Vorschriften betreffen das Jubeljahr. Zusätzlich zur Befreiung der Sklaven, zum Verbot der landwirtschaftlichen Arbeit wie im Schmittajahr, wird Land dem ursprünglichen Eigentümer zurückgegeben und der Käufer kann es nicht verhindern. Für diese göttliche Vorschrift, die das Recht des Käufers auch nach vielen Jahren der Bodenbearbeitung für null und nichtig erklärt, wurden viele Gründe angegeben. Der Autor des Sefer Ha-Chinuch sieht den Grund - wie bei den meisten anderen religiösen Vorschriften - im Prinzip «Taten formen den Charakter»: «Der Ewige, gepriesen sei Er, wollte seinem Volk sagen, dass alles Ihm gehört und dass schließlich alles zu dem zurückkehrt, dem er es geben wollte. Das Land ist Sein, so steht es geschrieben. Diese Vorschrift, die Jahre zu zählen, würde sie davon abhalten, das Land ihres Nachbarn zu stehlen oder danach zu gelüsten, denn es war ihnen bewusst, alles werde zu dem zurückkehren, dem es der Ewige willens war, zu geben. Diese Angelegenheit erinnert an den Brauch weltlicher Könige, die von Zeit zu Zeit das Land der Barone rund um ihre Burgen anpassten, um die königliche Autorität zu behaupten. So erklärte auch der Ewige, gepriesen sei Er, seinen Willen, das ganze Land solle zu seinem ursprünglichen Besitzer zurückkehren und jeder Sklave solle von seinem Herrn befreit werden und unter die Autorität seines Schöpfers gestellt werden. Weltliche Könige tun dies, um ihre Barone einzuschüchtern und von einer Rebellion abzuhalten, während der Allmächtige, gelobt sei Er, diese Vorschrift einsetzte, um das Wohlergehen zu fördern und das Verdienst Seines Volkes zu vermehren.» Die Jubeljahrvorschriften traten daher dem natürlichen Erwerbinstinkt des Menschen entgegen und erinnerten ihn daran, dass die Erde Gott gehört.

Henry George, der berühmte Anwalt der Armen und Unterdrückten im Amerika des 19. Jahrhunderts, zitiert in seinem Büchlein über Moses die Institution des Jubeljahres als eine Maßnahme zur Erhaltung und sogar Verteilung des Reichtums. Moses hatte durch seine Erfahrungen in Ägypten entdeckt, wie durch die Monopolisierung des Landes in den Händen weniger die Unterdrückung der Massen immer stärker wurde. Wo immer Land der Gegenstand absoluter privater Eigentumsverhältnisse war, statt der Nation zur Verfügung zu stehen, entstanden unvermeidlich zwei Klassen: die sehr Reichen und die sehr Armen. Arbeit wird zu Sklaverei, es kommt zu Korruption und Demoralisierung. Henry George lenkt die Aufmerksamkeit auf das Insistieren der Tora, das Land sei ein Geschenk des Schöpfers an alle seine Geschöpfe. Wir lesen immer über das «Land, das der Ewige, dein Gott, dir gegeben hat» und niemals «das Land, das du für dich selbst erworben hast.» Das Jubeljahr sicherte die Neuverteilung des Landes in Übereinstimmung mit der ursprünglichen gleichen Verteilung unter allen Teilen des Volkes und schloss so jegliche Möglichkeit einer Monopolisierung aus.

Dieser Volkswirtschaftler betrachtet die Tora als einen legislativen Kodex, angeregt von den Idealen der Gerechtigkeit, und zielte auf die Sicherung einer gleichen Verteilung des Reichtums unter der Menschheit. Seiner Ansicht nach beabsichtigte die Tora, die Entstehung einer landlosen Klasse und die Konzentration der Macht und des Eigentums in den Händen weniger, zu verhindern. Im Gegensatz zum Autor des Sefer- HaChinuch, für den Ungerechtigkeit durch die Erziehung des Einzelnen bekämpft wird, verhindert hier die Einrichtung praktischer Maßnahmen, dass das Böse aufsteigt. Diese Maßnahmen fördern Gerechtigkeit und Gleichheit.

Normale wirtschaftliche Bedingungen, Gleichheit, Freiheit von Armut und Unterdrückung bilden nicht das endliche Ziel der Gesellschaft und sind kein Kriterium eines höheren Wertes, sondern eine wesentliche Bedingung, um zu verhindern, dass der göttliche Geist, der inmitten der Menschheit wirkt und ein Mittel zur moralischen Förderung ist, nicht unterdrückt wird.

Der wöchentliche Schabbat wurde eingesetzt. um die Heiligung des Individuums zu ermöglichen, während Schabbat- und Jubeljahr landwirtschaftliche Arbeiten und privaten Besitz ihrer Produkte verbieten. Sie rufen die Freiheit der Versklavten aus, verleihen einer ganzen Nation den Geist der Vergebung und Umkehr und heilen die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit.

 

Hoffnung trotz Katastrophe

Sidra Bechukotai

Sonnabend, den 24. Mai 2008

den 19. Ijar 5768

Toralesung: Lev 26:3-27:34

Haftara: Jirmejahu 16:19-17:14

Es scheint, in unserem Abschnitt sei der Kontext von Segen und Fluch in gewisser Weise mit den Vorschriften für das Schabbat- und Jubeljahr verbunden. Diese Vorschriften wurden im letzten Kapitel erwähnt. Aber die allgemeine Natur der Verse, die die Segen und Flüche einführen (Lev 3: 15, 43), zeigen, dass das Kapitel das Finale des Buches Levitikus und der darin enthaltenen Heiligkeitsvorschriften bildet. Die abschließenden Verse unterstützen diese These: «Dies sind die Satzungen und Rechte und Weisungen, die der Ewige gegeben hat zwischen ihm und den Kindern Israel auf dem Berge Sinai durch Mosche.» (Lev 26:46).

Wir werden uns mit einer Passage dieses Kapitels des Tadels beschäftigen. Die Vergeltung, die Israel wegen seiner Sünden erreicht, bewegt sich auf einen Höhepunkt zu. Die fünfte Katastrophe, mit der Israel in Vers 27 bedroht wurde, «wenn ihr bei dem mir nicht gehorchet», war der vollständige Verlust seines Staates, die Zerstörung des Tempels und die Zerstreuung des Volkes.

Die genaue Bedeutung des Satzes, die Feinde Israels werden sich «darob entsetzen» («we'schammamu», Vers 32), war Gegenstand der Diskussion bei unseren Kommentatoren.

Das Land wird so verödet sein, dass selbst die Feinde, die darin wohnen, entsetzt sein werden, das Gegenteil von «eine Wonne für die ganze Welt». Raschi nimmt diesen Standpunkt ein:

«Dies ist eine günstige Botschaft für Israel. Seine Feinde werden in seinem Land keine Bequemlichkeit finden, denn das Land wird vor seinen Bewohnern verwüstet.» Obwohl die unmittelbare Handlung als Zerstörung beschrieben wird, genügt die Tatsache, dass ihr Autor Gott ist, um sicherzustellen, sie habe einen positiven und schließlich wiederherstellenden Zweck. Nachmanides beschäftigt sich auf charakteristische Weise mit Raschis kurzem Kommentar: «Die Phrase ‚dass sich darob entsetzen eure Feinde' trägt eine günstige Botschaft in jede jüdische Gemeinde des Exils. Unser Land, sagt sie, wird unsere Feinde nicht empfangen. Es ist ein Versprechen und ein Beweis, dass dieses Land, das von Natur aus gut und geräumig ist und immer bewohnt war, verwüstet bleiben wird. Seit wir es verließen, konnten es keine Nation, keine fremde Sprache übernehmen. Alle versuchtem, sich dort niederzulassen, aber niemanden gelang es.» In Nachmanides‘ Worten entdecken wir die Früchte seiner eigenen Eindrücke vom Heiligen Land. Als er in Jerusalem ankam, sah er das verödete Land und leitete davon eine Botschaft des Trostes ab. Er war Zeuge, wie das Land die erlösende Hand des eigenen Volkes erwartete.

 

Israels zweite Musterung

Sidra Bamidbar

Sonnabend, den 31. Mai 2008

den 26. Ijar 5768 Toralesung: Num 1:1-4:20

Haftara: Hoschea 2:1-22

Das vierte Buch des Pentateuch, Bamidbar - Numeri, beginnt mit der Zählung, ausgeführt von Moses und Aaron an allen Stämmen. Daher der Name Numeri. Das erste Kapitel ist angefüllt mit den Zahlen jedes Stammes und der Gesamtsumme. Dies ist aber nicht die erste Zählung der Kinder Israel. Sie waren bereits einmal gezählt worden, vor der Errichtung des Stiftszeltes. Die Sockel des Stiftszeltes wurden mit dem Geld, das von den Gezählten beigetragen wurde, hergestellt. In unserem Abschnitt werden sie abermals gezählt, jedes Detail wird sorgfältig wiedergegeben, sogar das Datum: «am ersten des zweiten Monats (Ijar) im zweiten Jahre» - ein Monat nach der Errichtung des Stiftszeltes. Die Fragen, die unmittelbar auftauchen, lauten: welche Notwendigkeit sieht das göttliche Gesetz, diese genauen statistischen Daten anzuführen? Welchem moralischen Zweck für zukünftige Generationen dient es? Warum wurde Moses so feierlich aufgefordert, sie ein zweites Mal zu zählen, zu diesem bestimmten Zeitpunkt?

Unsere Kommentatoren, die auf den gesunden Menschenverstand vertrauen, allen voran Raschbam (Raschis Enkel), bieten eine klare Erklärung. «Nehmet auf die Zahl der ganzen Gemeinde»: Dies geschah wegen der Tatsache, dass sie vor der Landnahme standen. Jene ab dem zwanzigsten Jahr und älter passten, um in die Armee und in die Schlacht zu gehen. Denn am zwanzigsten Tag des zweiten Monats wurde das Thema akut, wie es in Numeri 10, 11 und 29 heißt: «Wir brechen nun auf nach dem Orte hin, von dem der Ewige gesprochen.» Aus diesem Grund befahl ihnen der Ewige, gepriesen sei Er, am Anfang dieses Monats gezählt zu werden. Die Zählung hatte demnach einen militärischen Charakter, um zu bestimmen, welche Kräfte Moses zur Verfügung standen und sie für die Schlacht einzuteilen. Dies scheint vernünftig genug zu sein, besonders, da die Zählung nur auf jene angewandt wurde, die das zwanzigste Jahr oder mehr erreicht hatten, ein Alter, das auch von unseren Weisen als das ideale betrachtet wurde, was physische Ausdauer und Fähigkeiten betrifft. Diese Erklärung erhält zusätzliche Bestärkung durch die Tatsache, dass die Leviten nicht gemeinsam mit den anderen Stämmen gezählt wurden. (Num 1. 49-50) Von hier ist es klar, die Leviten wurden nicht gezählt wegen ihrer speziellen Rolle im Gottesdienst. Daher waren sie vom Militärdienst ausgenommen.

Eine Reihe von Schwierigkeiten bleibt weiterhin ungeklärt. Warum beschäftigt sich die Tora so sehr mit den Details der Zählung, statt uns einfach zu informieren, wie hoch die Gesamtzahl der Moses‘ zur Verfügung stehenden Truppen war? Nachmanides, der danach strebt, das Maximum an Moral und mystischer Bedeutung aus den heiligen Texten zu destillieren, gibt drei Gründe an, die strategisch-militärische Überlegung steht an letzter Stelle. Nachmanides betont, wir sollen uns nicht auf Wunder verlassen, sondern alle notwendigen Vorbereitungen für das Zusammentreffen mit dem Feind unternehmen. Er sagte: «Die Tora gebietet Angelegenheiten, die auf normale, menschliche Weise ausgeführt werden sollen. Die Wunder, die um der Gottesfurcht willen im Geheimen geschehen, werden zurückgelassen, denn es liegt nicht in der göttlichen Absicht, die Natur der Welt zu ändern.» (Nachmanides zu Deut 20: 8)

Nechama Leibowitz

«Jüdische Zeitung», Mai 2008