Bloß Wasser oder schon eine potentielle Person?

Gedanken zur Stammzellenforschung aus jüdischer Sicht

 

URabbiner Walter Homolka: "Der Mensch ist Partner der Schöpfung und dient ihr dadurch. Foto: H. Bomhoff

Wer nur ein einziges Leben rettet, der hat die ganze Welt gerettet», heißt es im Talmud. Aus jüdischer Sicht ist unbestritten, dass dem Menschen das Recht und zum Teil auch die Pflicht zur Heilung von Krankheiten erteilt wurde. Doch welcher Mittel darf er sich dazu bedienen? Die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens weckt, wenn es um die Stammzellenforschung geht, viele Emotionen, und der Streit um die Forschungsmöglichkeiten an embryonalen Stammzellen in Deutschland beschäftigt seit Monaten die Gemüter. Im April hat der Bundestag nun nach engagierter Debatte einer Gesetzesänderung zugestimmt, die deutschen Wissenschaftlern die Arbeit mit neueren Stammzelllinien erlaubt. Vor allem Industrie und Forschung haben eine Gesetzesnovelle gefordert. Kirchliche Organisationen treten dagegen für ein Verbot der Stammzellforschung ein. Ganz anders die Situation in Israel: Der Biotec-Bereich gehört dort zu den größten Wachstumsmärkten, das israelische Haifa ist heute eines der Zentren der embryonalen Stammzellforschung. Ist es also für Juden ethisch vertretbar, sich in diesem Bereich zu engagieren? Darf ich die Stammzellenforschung gutheißen? In den USA hat es in den letzten Jahren bereits große Gesetzesvorhaben zum Thema Stem Cell Research gegeben. Damals war es die einmütige Meinung liberaler, konservativer und orthodoxer Juden gegenüber dem Kongress, embryonale Stammzellforschung zu erlauben.

Aus Sicht des Judentums gilt grundsätzlich: Das ungeborene Leben besitzt im Judentum nicht schon ab der Befruchtung volle Rechte; Abtreibungen können unter gewissen Umständen vorgenommen werden, allerdings immer nur dann, wenn Lebensgefahr für die Mutter besteht. Der Fötus, befand der mittelalterliche Rechtsgelehrte Maimonides, erlangt erst dann den Personenstatus und damit gleiche Rechte wie die Mutter, wenn der Kopf geboren wurde. Als Rabbiner stehe ich in einer langen Tradition der Auslegung. Was heißt es, wenn der Talmud sagt, dass die befruchtete Eizelle bis zum 40. Tag «bloß Wasser» ist, «mayim b‘alma»? In der Praxis kann dies bedeuten, dass eine Abtreibung gegebenenfalls in den ersten 40 Tagen nach der Befruchtung erfolgen soll. Und doch gilt, dass schon dieser Prä-Embryo traditionsgemäß als potentieller «nefesch» gilt, als potentielle Person und als schützenswert. Dieses ungeborene Leben pauschal zu opfern, weil das Leben eines Dritten in Gefahr ist, ist für mich vor diesem Hintergrund eigentlich nicht vertretbar.

Ein Prä-Embryo vor der Implantation in den Uterus besäße aber nach jüdischem Verständnis einen Sonderstatus, da er sich einerseits außerhalb des Mutterleibs befindet, andererseits aber sowieso nicht lebensfähig ist und sich auch noch keine 40 Tage entwickelt hat. Kann ein solcher Prä-Embryo ohnehin nicht weiterverwendet werden, so dürfte seine Zerstörung demnach religionsgesetzlich zulässig sein. Ich folgere daraus: Es ist aus religionsgesetzlicher Sicht sicherlich besser, am Prä-Embryo zu forschen und daraus potentiell lebensrettenden Nutzen zu ziehen, als ihn bloß zu zerstören. Das meint auch das Bio-Ethics Advisory Committee der Israel Academy of Science and Humanities, dem neben Ärzten und Juristen auch Philosophen und Rabbiner angehören und das die Möglichkeit in Betracht zieht, durch therapeutisches Klonen Stammzellen zu gewinnen: beim nuklearen Transfer würde kein Embryo im herkömmlichen Sinne entstehen. Aber wie lässt sich dieses Züchten von Embryonen zu Forschungszwecken mit dem biblischen Gebot vereinbaren, dass kein Samen sinnlos verschüttet werden soll, also auch nicht in Form befruchteter Eizellen?

Ich meine, wir sollten andere Methoden der Stammzellenforschung bevorzugen als diejenige, die sich überzähliger oder durch Klonen hergestellter Prä-Embryonen bedient. Aus religionsgesetzlicher Sicht bestehen weit weniger Probleme mit der Forschung an adulten Stammzellen oder an bereits vorhandenen Zelllinien. Der jüdische Gelehrte Nachmanides befand im 13. Jahrhundert, dass der Gebrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Wohle des Menschen ein biblischer Auftrag ist. Generell gilt also, dass die jüdische Religion auch neuen biologischen Entwicklungen gegenüber positiv eingestellt ist, vor allem wenn der potentielle Nutzen die Bedenken überwiegt. Die jüdische Bioethik repräsentiert einen über Jahrtausende hinweg ununterbrochen praktizierten Prozess ethischer Auseinandersetzung zu verschiedensten Fragen der Medizin. Bedeutende rabbinische Gelehrte waren Ärzte, so etwa Maimonides. Ein Spannungsverhältnis von Theologie und Naturwissenschaft ist dabei unbekannt; der Erwerb und die Erweiterung von Wissen, der uns zur Vermeidung und Heilung von Krankheiten dienen kann, ist sogar ausdrücklich geboten: Die vorhandenen medizinischen Kenntnisse sollen mit aller zur Gebote stehenden Anstrengung dazu verwendet werden, Kranken zu helfen, ansonsten mache man sich nach dem Schulchan Aruch, dem religionsgesetzlichen Kompendium von Rabbi Josef Karo, des «Blutvergießens» schuldig.

Wenn der Mensch in natürliche Prozesse eingreift, so spielt er dabei noch nicht Gott. Er ist vielmehr Partner der Schöpfung und dient ihr dadurch auch. Eine entsprechende Zurückhaltung gehört zu den Leitlinien, die schon der Talmud fordert: jede Entscheidung soll am konkreten Fall orientiert getroffen werden. Die Anwendung jeder neuen Technologie kann Segen und Fluch zugleich sein. Segen, falls sie zum Guten angewandt wird. Zum Fluch kann sie entgleiten, wenn sie durch verantwortungsloses Machtgefühl missbraucht wird. Meine Aufgabe als Rabbiner ist es, gemeinsam mit den Experten in diesem Bereich diese Gewissensentscheidung immer wieder einzufordern. Diese Gewissensentscheidung wäre unmöglich geworden, wenn die Abgeordneten des Deutschen Bundestags an der bisherigen engen Regelung festgehalten und Wissenschaftler pauschal inkriminiert hätten. Wir brauchen eine Lösung, die Deutschland nicht völlig von der internationalen Forschungslandschaft abkoppelt. Bloße Emotionalität hilft uns nicht weiter, und die Reduzierung der Werte unserer freiheitlich- demokratischen Verfassung auf ein christliches Menschenbild wird der Situation nicht gerecht.

 

Rabbiner Walter Homolka

«Jüdische Zeitung», Mai 2008