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Hoffnung auf Erlösung

Tubischwat, das Neujahrsfest der Bäume

 

Im Judentum beschäftigen wir uns das ganze Jahr hindurch mit dem Zeitenwechsel. Zeit, so erläutert es Abraham J. Heschel in seinem schmalen Buch «Der Schabbat», spielt im Judentum eine zentrale Rolle, und so sollte uns nicht wundern, dass die jüdische Tradition gleich vier verschiedene Neujahrsfeste kennt: Rosch Haschana, Rosch Chodesch Nissan, Rosch Haschanah l'Melachim und Rosch Haschanah la'Ilanot - das sind der Geburtstag der Welt, der Beginn des jüdischen Kalenderjahres und des säkularen Jahres sowie das Neujahrsfest der Bäume.

Das vierte dieser Neujahrsfeste nennen wir auch Tubischwat Der jüdische Kalender gibt die alljährlichen Wetterlagen im Lande Israel mit bemerkenswerter Genauigkeit wider. Zu Tubischwat, dem 15. Tag des Monats Schwat, schmücken dort die rosafarbenen Blüten der Mandelbäume die Landschaft. Sie sind die ersten blühenden Bäume, die den Übergang vom tristen Winter zum bunten Frühling markieren. Die Bäume blühen und die Wüste grünt, wenn späte Regenfälle zu einem ausgeglichenen Grundwasserspiegel beitragen. Es ist eine herrliche Jahreszeit, und ebenso wie das Verschwinden von Eis und Schnee im Norden sind auch diese ersten Blüten eine Aufforderung dazu, die Schönheit der Natur und die Verlässlichkeit ihrer Zyklen und Jahreszeiten zu feiern.

Diese Jahreszeiten unterscheiden sich in Israels mediterranen Klima sehr deutlich von einander. Wie wir aus unserem Siddur wissen, vergeht die Zeit von «maschiw haru'ach umorid hageschem» und wird von der Zeit des «morid hatal» abgelöst. Raschi (1040-1105), der zu der Mehrheit der Juden gehört, die niemals das Privileg hatten, das Heilige Land zu besuchen, bemerkt zu den Eingangsversen des Buches Dewarim, dass das Land Israel und Ägypten sich unterscheiden: Ägypten ist ein Land regelmäßiger Hochwasser, die den Boden anreichern und so zu reicher Ernte führen, während das Land Israel von Regen und Tau abhängig ist, um seinen Durst zu stillen. Blühende Bäume sind so Ausdruck des segensreichen Regens, der zwischen Schemini Atzeret und Pessach auf die ausgetrockneten Hügel von Judäa niedergeht.

Die tiefe Verbundenheit von uns Juden mit dem Land Israel geht heute einher mit Besorgnis um den ökologischen Zustand derjenigen Orte, an denen wir zu Hause sind. Ob wir uns dabei über Grundwasserverschmutzung, Treibhauseffekt und globale Erwärmung Sorgen machen: wenn wir das Neujahr der Bäume feiern, so ist das eine Metapher für die spirituelle Sorge um den Zustand unserer Welt, eine Sorge, die unser Judentum uns abverlangt. Der Prozess der Fotosynthese, der Kohlendioxid zu Sauerstoff und Wasser verwandelt, steht für die positive Kraft der Natur, die sich so sehr von der Produktion von Abfall und Schadstoffen unterscheidet, die zu den Bürden des modernen Lebens in Industriegesellschaften zählt.

Eine vorrangige Mitzwa ist für uns heutzutage «tikkun olam», das Heilen der Welt. Wenn wir das Wunder der Natur und des natürlichen Wachstums erkennen, aber auch die Konsequenzen unserer Lebensweise, dann müssen wir unseren Einsatz für eine bessere Welt und eine bessere Zukunft verstärken. Im Judentum werden die meisten jüdischen Feste traditionell als Ausdruck jüdischer Hoffnung auf messianische Zeiten verstanden.

Die meisten Juden denken gleich an Elijahu als Zeichen des Beginns messianischer Erfüllung, wenn während des Pessachseders die Tür für ihn geöffnet wird. In vielen jüdischen Gemeinden ist es üblich, den Schabbat bei der Hawdala mit einem Lied ausklingen zu lassen, das vom Propheten Elijahu kündet, der zusammen mit dem Messias aus dem Hause Davids erscheinen wird. Eine Parallele dazu findet sich im Seder zu Tubischwat, bei dem man vier Becher Wein in unterschiedlicher Mischung kostet und die Baum- und Bodenfrüchte isst, mit denen das Land Israel gesegnet ist. In solch einem Seder verbinden sich unsere unbewussten Hoffnungen und Träume mit einem alten Diktum: «Wenn Du einen Baum pflanzt und gerade dann die Ankunft des Messias angekündigt wird, so bringe erst das Pflanzen des Baumes zu Ende, bevor Du den Messias begrüßt.

Unsere Rolle als Juden und menschliche Wesen kommt in der alten Hoffnung auf endgültige Erlösung zum Ausdruck, sei es nun, dass wir an eine personifizierte Erscheinung des Göttlichen in dieser Welt und Zeit glauben, sei es, so wie es Maimonides uns sehr entschieden nahelegt, ein Prozess am Ende der Zeiten. Seinem Verständnis nach wird das messianische Zeitalter eine metaphysische Daseinsform sein, eine Zeit der Vollkommenheit außerhalb irdischer menschlicher Erfahrung.

Für uns gilt, was uns die Pirkei Avot lehren, so kurz unser Lebenszeit auch ist und so mühsam die Arbeiten am «tikkun olam» auch sind: «Es liegt nicht an dir, das Werk zu vollenden, du bist aber auch nicht frei, es zu unterlassen.» Was wir jetzt tun, das bereitet den Boden für künftige Generationen und für ihr Streben nach kommenden messianischen Zeiten.

Der Midrasch berichtet, dass man Honi Hama'agel eines Tages beim Pflanzen eines Johannisbrotbaumes fand. Ein Jugendlicher fragte ihn, ob er erwarten würde, selbst noch die ersten Früchte zu ernten - und es dauert gut siebzig Jahre, bis dieser Baum Früchte trägt. Der große Kreiszieher antwortete: «Nein, aber ich habe die Früchte geerntet, die meine Vorfahren pflanzten.» Zu Tubischwat können wir stolz sein auf diese alte, aber fortschrittliche Sicht, mit der Juden sich des Landes annehmen. Feiert das Neujahr der Bäume voller Staunen und Freude und bereitet den Weg für eine Zukunft, die durch unsere Lebensweise zum Besseren verändert wird. Pflanzt Eure Bäume jetzt, auf dass künftige Generationen ihre Früchte genießen können.

Rabbiner Robert A. Jacobs

«Jüdische Zeitung», Februar 2007