Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Von der physischen zur geistigen FreiheitDie Zeit der Omer-Zählung ist voller Symbolik
«Omer» ist ein biblisches Hohlmass, das zwischen zwei bis vier Liter umfasst. Zur Zeit des Tempeldienstes wurde eine entsprechende Menge der Gerstenernte am 16. Nissan als Omer-Gabe Gott im Tempel dargebracht. Die Zeit der Omerzählung («Sefirat Ha‘Omer») erstreckt sich vom 2. Pessachtag über sieben Wochen hinweg bis Schawuot, dem Wochenfest, an dem man mit den Erstlingsfrüchten zum Tempel zu pilgern pflegte. Diese Reifezeit, von der Gerstenreife zur Weizenreife, von Awiw zu Bikkurim, hat auch eine entscheidende symbolische Bedeutung. Pessach versinnbildlicht das Ende der Sklavendaseins in Ägypten, also die physische Freiheit des jüdischen Volkes, die aber nur Sinn hat, wenn sie auch zur geistigen Freiheit führt. Diese Freiheit findet ihren Ausdruck zu Schawuot, also in dem Bund, den das Volk Israel bei der Offenbarung am Berge Sinai mit Gott durch den Empfang der Tora geschlossen hat. Laut Rabbi Aharon Halevi, der Ende des 13. Jh. in Spanien lebte, hat die Omer-Zählung den Sinn, sich den Übergang von der physischen zur geistigen Freiheit zu verinnerlichen, zumal die erste ohne die zweite keine wirkliche Berechtigung hat. Die sieben Wochen sind zugleich eine Trauerzeit, denn sie erinnern an die lange Reihe jüdisch-römischer Auseinandersetzungen nach der Zerstörung des Zweiten Tempels. In Israel ziehen die Kinder deshalb beim geselligen Familienpicknick zur Erinnerung. Dem 33. Tag, Lag ba'Omer, kommt dabei besondere Bedeutung zu: Nach dem Talmud hatte im Jahr 135 n.d.Z. an Lag ba‘Omer nämlich das große «Schülersterben» ein Ende. Damals dauerte der Aufstand der Juden unter Bar Kochba gegen die römische Besatzung bereits drei Jahre an. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und auch Rabbi Akiwa, eine der Leitfiguren, getötet. Eine mysteriöse Pest wütete anschließend unter seinen Schülern und raffte 24.000 von ihnen hinweg, angeblich deshalb, weil sie es an gegenseitiger Achtung fehlen ließen. Erst an Lag ba‘Omer endete diese Epidemie. Schließlich gilt Lag ba‘Omer auch als Todestag des Akiwa-Schülers Schimon bar Jochai. Er starb um 150 n.d.Z. in Meron in Galiläa und gilt als Begründer der Kabbala und als Verfasser des Sohar, der bedeutendsten Schrift der jüdischen Mystik. Seine Anhänger, so wollte es der Lehrer von Jehuda Hanassi, sollten seinen Tod nicht in Trauer begehen. Als Metapher für seine erleuchtenden Worte entzündeten sie zum Gebet Feuer neben seinem Grab. Da nach kabbalistischem Verständnis die Seele der Frommen jedes Jahr am Todestag erneut aufersteht, feiert man seine Yahrzeit noch heute mit Ausflügen zu den Gräbern, Picknicks und großen Lagerfeuern. In der aschkenasischen Tradition ist es seit dem Mittelalter üblich, von Pessach bis Schawuot am Schabbatnachmittag vor dem Alenu-Gebet die Sprüche der Väter (Pirke Awot) zu studieren; in der sefardischen Tradition wird dieser Brauch an den sechs Schabbatot zwischen Pessach und Schawuot geübt. Das Textstudium wird dabei von Zitaten aus den Mischna- Traktaten Sanhedrin und Makkot begleitet. Bei den Sprüchen der Väter, die in Mischna und Siddur überliefert sind, handelt es sich um eine Sammlung von Aussprüchen antiker Rabbiner, darunter auch Rabbi Akiwa, die zwischen 200 v.d.Z.. und 200 n.d.Z. lebten. |