«Gelobtes Neuseeland. Fluchten bis ans Ende der Welt»

von Freya Klier

 

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Buchcover

Sie fühlten sich, hier am Ende der Welt, vergessen: Juden, die der Nationalsozialismus aus Deutschland und Österreich vertrieben hatte. Mehr als 40 Jahre hätten sie darauf gewartet, dass jemand kommt und ihre Geschichten aufschreibt, sagte eine nach Neuseeland ausgewanderte Jüdin Ende der 90er Jahre zu Freya Klier. Eigentlich wollte die Regisseurin und Schriftstellerin einen Dokumentarfilm über die ersten deutschen Einwanderer der Insel im Pazifik drehen. Doch ging ihr der Satz nicht mehr aus dem Kopf. Empfindungen der Verbundenheit mit den Opfern einer Diktatur von einer führenden Oppositionellen der DDR-Bürgerrechtsbewegung mögen dabei eine Rolle gespielt haben. 1988 war Freya Klier auf spektakuläre Weise vom SED-Staat in den Westen zwangsausgebürgert worden. Wie schon in ihrem Buch über deutsche Frauen in sowjetischen Arbeitslagern widmet sich die Autorin einem bislang kaum bearbeiteten Kapitel deutscher Zeitgeschichte: Neuseeland als Exil von Hitlerflüchtlingen.

Im Mittelpunkt des Werkes stehen zwei Dutzend Lebensläufe, geschildert vor dem Hintergrund weltpolitischer Entscheidungen mit dem Schwerpunkt 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts, insbesondere der für Juden mörderischen innenpolitischen Situation im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten sowie schlaglichtartigen Einblicken in die Geschichte Neuseelands. Vier Jahre lang recherchierte die Schriftstellerin, sprach mit Überlebenden und deren Nachkommen. Unter den Porträtierten sind Geistesgrößen wie der später berühmt gewordene Philosoph Karl Popper und der heute fast vergessene Dichter Karl Wolfskehl. Doch die weitaus meisten der Entkommenen führten ein eher unauffälliges Dasein.

Freya Klier versteht es, ihre Leser zu fesseln. Dazu bedient sie sich der Stilmittel der Reportage, sie begleitet ihre «Helden» mitten in die wechselnden historischen Szenerien hinein, in denen die Zukunft noch offen und bedrohlich ist. So lässt die Autorin etwas von dem existenziellen Druck spürbar werden, denen die Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik ausgesetzt waren.

Beispiele: Den Berliner Kaufmannsohn Dieter Adam schicken seine Eltern nach dem Machtantritt der Nazis als Neunjährigen gerade noch rechtzeitig auf eine schottische Internatsschule. Nach einem Studium der Nationalökonomie in London kämpfte er freiwillig für die Royal Air Force und zog gegen Kriegsende mit britischen Truppen in seiner alten Heimat ein. Erst 1947 geht Denis Adam, wie er sich inzwischen nennt, nach Neuseeland, wo er in einer außerordentlichen Kraftanstrengung eine der größten Versicherungsfirmen des Landes aufbaut. Auch Fritz Bruell entkommt seinen Häschern noch rechtzeitig. Der Sozialist und Fluchthelfer geht nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich zusammen mit seiner galizischen Frau Lilly nach Brünn. Dort sitzt das Ehepaar zunächst in einer fast ausweglosen Falle. Doch gelingen Fritz Bruell und später auch seiner Frau die Flucht nach England, wo sie sich zunächst in einem tschechischen Flüchtlingskomitee engagieren, bis sie 1940 in letzter Minute ein Schiff nach Neuseeland besteigen. Der Neustart erfolgt völlig mittellos. Nachdem Fritz Bruell während seiner Tätigkeit als Manager einer Firma für Verpackungsmittel ein Kartonpatent entwickelt hat, macht er sich selbständig und gründet eine Firma, die unter anderem Büroartikel und Spielzeug bis nach Thailand, Südamerika und Malaysia exportiert.

Zu den aufwühlendsten Schilderungen gehört die Darstellung der Erlebnisse der vierköpfigen Familie Silberstein. Während die Eltern in Auschwitz ermordet werden, kommen die Kinder Hansi und Fred zwar durch viele Zufälle mit dem Leben davon. Hansi Silberstein überlebt das KZ als Zahnarztschreiberin, Typhus, Lagerauflösung und Todesmarsch. Fred Silberstein fällt in Auschwitz irgendwann Josef Mengele auf, der Opfer für seine pseudo-medizinischen Versuche sucht. Sechs Männer halten den 16jährigen auf dem OPTisch fest: «Ich wurde von Mengele zwischen Bauch und Beinen aufgeschnitten, ohne Narkose, ich habe wie wahnsinnig geschrien und bin immer wieder in Ohnmacht gefallen.» Die kaum verheilte Wunde wird jedes Mal wieder geöffnet, mit Präparaten beschmiert, um verschiedene Wundheilmittel zu erproben. Später wird er die «Evakuierung» des KZ Auschwitz Anfang 1945, bei der Tausende sterben, wie durch ein Wunder überleben. Allerdings hat das Buch auch glücklichere Seiten. Die Beschreibungen des mitunter harten Lebens in dem von britischer Zivilisation geprägten Naturparadies Neuseeland lesen sich wie ein Kontrastprogramm zur Barbarei in Mitteleuropa.

Hans-Joachim Föller

«Jüdische Zeitung», Mai 2008