Harte Zeiten und zarte Zeichen

Das Erwachsenwerden israelischer Frauen in der Armee als Thema von Buch und Film

 

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Wer denkt schon beim Stichwort Militär an Mädchenträume? Nicht hier in der Bundesrepublik, wo trotz der Öffnung der Kasernen für weibliche Soldaten der Wehrdienst immer noch Männersache ist. Wo junge Mädels in Zeiten des Hurrapatriotismus von Uniformträgern verzückt waren und in den verbrecherischen Kriegen als Witwen zurückblieben. Die Frage ist: Wie verändert sich in Israel während der zweijährigen Militärzeit die Lebensperspektive junger Soldatinnen? Ein Film und ein Buch geben unterschiedliche Antworten. Der Roman «Das Mädchenschiff» von Michal Zamir ist bereits viel diskutiert worden. Der Film ist bisher kaum bekannt: Das Internationale Frauenfilmfestival in Köln hat ihn am 25. April in der englischen Version «Seeds of Summer» vorgestellt. Mitte Juli wird er beim Jerusalem Film Festival zu sehen sein. Gedreht worden ist «Zirei Kayitz», so der israelische Titel, im vergangenen Jahr von der 1980 geborenen Filmerin Hen Lasker.

Beide Autorinnen, die des Romans und die des Dokumentarfilms, setzen sich in großer zeitlicher Distanz mit ihrer eigenen Zeit beim Militär auseinander. Die 1964 geborene Michal Zamir hat ihr Erstlingswerk lange nach dem Wehrdienst geschrieben. Sie nennt die Ich-Erzählerin nicht beim Namen und hat dementiert, das Buch trage autobiographische Züge. Man spürt dennoch, dass diese Frau ihr selbst sehr nah und zugleich völlig fremd ist, wie eine, die sie war und nicht mehr ist. Hen Lasker kehrte sieben Jahre nach der eigenen Ausbildung an der Waffe mit der Kamera in ein Camp für die Grundausbildung von jungen Frauen zurück.

Beide Autorinnen brechen Tabus. Zamir beschreibt aus der Perspektive ihrer anonymen Ich- Soldatin die Zeit im Fortbildungsstützpunkt für höhere Offiziere illusionslos und doch nicht verbittert als miese Erfahrung von sexueller Ausbeutung durch die männlichen Vorgesetzten. Lasker hingegen hat, wie sie im Film berichtet, in der eigenen Militärzeit die lesbische Liebe mit ihrer Vorgesetzten entdeckt und als Prägung erfahren, die ihr bleiben soll. Der dreimonatige Aufenthalt bei den Rekrutinnen weckt neue weibliche Begegnung.

«Meine Mutter sagt immer, dass der Militärdienst an allem schuld sei, was mit ihrem kleinen Mädchen passiert ist», hat Hen Lasker ihre eigene Entwicklung kommentiert. Das klingt unschuldig und ihr Film kommt auch eher nett auf den Bildschirm. Auch wenn hier und da Tränen fließen, überwiegt aufmunterndes Lächeln. Dabei bewegt Lasker sich bei ihrem Dokumentations-Trip im Girls-Camp in schroffen Gegenwelten, wenn die jungen Rekrutinnen sich in der militärischen Grundausbildung in harte Soldatinnen verwandeln und männliche Verhaltensmuster übernehmen, in der Nacht aber wieder ganz feminin werden, Gefühle, Gedanken und Zärtlichkeiten herauslassen, mal zögerlich, mal freimütig.

Einzuwenden ist, dass die von der Regisseurin und ihrem Kameramann Lior Kipod aufgezeichneten Bilder diese Spannung weitgehend verwischen. Die Mädchen bewegen sich auch mit der Waffe fast immer nur hübsch, tapfer und lächelnd vor dem Auge der Kamera. Tränen auf dem Truppenübungsplatz und im Nachtgemach rinnen zu ästhetisch, um verzweifelt zu wirken. Eine Auseinandersetzung mit dem Wehrdienst findet nicht wirklich statt, weder in einer Reflektion der Bedrohung des Landes noch in einem Disput über die persönliche Bereitschaft, das Leben einzusetzen. Das eigentliche Leben, so die Botschaft, findet in den Sehnsüchten nach Zapfenstreich statt.

Im Michal-Zamir-Buch kommt der imaginäre arabische Feind vor - als Stereotyp einer heilen israelischen Männerwelt: Die oftmals zum Sex gedrängte, fünfmal geschwängerte Frau erhält immer wieder den zynischen Hinweis, wie die fällige Abtreibung problemlos genehmigt wird. Sie soll und wird behaupten, einmal mehr von einem Araber vergewaltigt worden zu sein.

Die Autorin hat berichtet, dass sie lange gezögert hat, diese Demaskierung der israelischen Macho-Offiziere offen zu beschreiben - aus Rücksicht auf ihren angesehenen Vater Zvi Zamir, der von 1968 bis 1974 des Geheimdienst Mossad leitete, auch zur Zeit der Ermordung der israelischen Olympia-Sportler in München. Seine Vorbehalte gegen den mutigen Tabubruch der Tochter hat er nach der Veröffentlichung des Buches mit Respekt für die Autorin zurückgezogen.

Tatsächlich erntet das Buch viel Lob, weil es nicht angelegt ist als bittere Rache einer desillusionierten jungen Frau an den uniformierten Männern mit und ohne Unterhosen, denen sie ausgeliefert ist. Michal Zamir schreibt nicht gnadenlos. Sie erzählt aus der Perspektive und mit dem Mundwerk einer geschändeten Frau, die Nachsicht üben und vergeben kann. Sie sieht auch die weibliche Rolle in dem Desaster: die Unterwerfung des unerfahrenen Mädchens, schwankend zwischen Anpassung und Widerstand. Die das Anderssein auf die Zeit nach dem Wehrdienst verschiebt, weil sie keinen Weg findet, vielleicht nicht einmal sucht, um den Übergriffen der Machos zu entgehen. Heterosexuelle Liebe, familiäre Leitbilder und Strukturen, das darf man nach den Statistiken mutmaßen, bestimmen auch in Israel das Zusammenleben der Staatsbürger. Sie sind das vorherrschende Grundmuster einer Gesellschaft, in der auch andere Lebensträume realisiert werden. Streng religiös motivierte Asketen üben sich in Enthaltsamkeit, während Transsexuelle in Nachtbars ihre Orientierung suchen. Der Film «Zirei Kayitz» und der Roman «Das Mädchenschiff» lassen beide die Frage nach Sinn und Nutzen des Wehrdienstes für die heranwachsenden Männer und Frauen in Israel nicht völlig außer Betracht. Der Film zeigt immerhin noch ästhetische Manöver- Bilder vom Waffendienst der Soldatinnen. Das Buch spielt in einer Akademie, in der vorgesetzte Männer am Schreibtisch regieren und die Soldatinnen den Kaffee aufbrühen. So gibt es hier wie dort leider wenig differenzierte Schlaglichter zur Frage, wie der Militärdienst, den das Land Männern wie Frauen abverlangt, auch als Sozialisationsinstanz und gesellschaftliches Muster wirkt.

Beide Werke richten aber den Blick der Leser wie der Kinobesucher auf die Erfahrung von jungen Frauen an der Schwelle des Erwachsenseins. Das reizt zum Vergleich. Michal Zamir, das macht die Stärke ihres Romans aus, will - nach 40 Jahren Waffenstillstand - keinen Krieg mehr. Sie schließt in einem sprachlichen Feuerwerk ihren Frieden mit den Männern, die sind, wie sie sind. Ein Ex-Präsident darf sich eingeschlossen fühlen. Hen Lasker bleibt demgegenüber zu selbstverliebt und ohne Spannung in der heilen weiblichen Welt - auch wenn am Ende offenkundig nicht alles gesagt ist.

Beim Internationalen Filmfestival in Köln zählte der 64-Minuten-Streifen in der Sektion «Querblick», in der 23 Filme mit lesbischer und Transgender-Thematik zusammengefasst waren, nicht zu den Favoriten.

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Mai 2008