Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt»von Taichi Yamada
Eine unbekannte Frau hinter dem Paravent eines für die Nacht improvisierten Krankenzimmers in einem aufgrund eines Zugunglücks hoffnungslos überbelegten Hospital überredet den desillusionierten Taura, der wie sie selbst mit Knochenbrüchen im Bett liegt, im Verlauf eines schüchtern begonnenen, jedoch stetig intensiver und offener werdenden Gesprächs zum verbalen Sex. Als die Sichtblende am nächsten Tag entfernt wird, weil die beiden wieder auf ihre ursprünglichen Einzelzimmer verlegt werden, muss der 47-Jährige erkennen, dass sich seine vermeintlich junge Bettnachbarin als hinfällige alte Dame entpuppt. Als jene nach Monaten unerwartet telefonisch Kontakt mit ihm aufnimmt, reagiert er zunächst abweisend. Als er ihr jedoch bald darauf plötzlich gegenübersteht, beginnt er seiner Wahrnehmung und seiner Erinnerung zu misstrauen, denn Mutsuko, die er anhand ihrer Stimme eindeutig identifizieren kann, ist eine etwa gleichaltrige, noch dazu sehr attraktive Frau. Der denkwürdigen gemeinsamen Nacht im Krankenhaus folgt eine weitere in einem Hotelzimmer, die das private und berufliche Leben des zweifachen Vaters und Ehemanns komplett auf den Kopf stellt. Doch das ist erst der Beginn einer unglaublichen und clever erzählten Geschichte: denn als Taura seine geheimnisvolle Geliebte nach Monaten wiedersieht, hat sie erneut eine erstaunliche Metamorphose durchlaufen. Die gemeinsam verbrachten Liebesnächte scheinen Mutsuko mit der Zeit kontinuierlich zu verjüngen und die beiden erkennen, dass ihrer gemeinsamen Liebe, wenn sie die Entwicklung nicht aufhalten können, nur wenig Zeit bleibt. Der japanische Romancier und Drehbuchautor Taichi Yamada («Sommer mit Fremden ») zaubert mit dem nun erschienenen «Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt» (1985) einen weiteren faszinierenden Roman aus seiner Schublade, der auf sehr plausible, wenn auch ungewöhnliche Art und Weise die Grenzbereiche zwischen Verlangen, Liebessehnsucht und Einsamkeit moderner Großstadtmenschen auslotet und eine überraschende Antwort auf die Frage der unglücklich Liebenden aller Zeiten liefert, wie sie mit der wunderbaren Bürde ihres Scheiterns leben können.
«Lange habe ich nicht vom Fliegen geträumt», aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama- Ziegler, erschienen bei Goldmann, 224 Seiten, 17,95 Euro |