Jakob Rosenfekd (Mitte). Foto: Archiv

Sie nannten ihn «Langnase»

Als jüdischer General in den Armeen Maos

 

WIEN - Im Rahmen des «China-Jahres» Österreichs präsentierte das Jüdische Museum Wien am Judenplatz über den Jahreswechsel eine Ausstellung über eines der kuriosesten Schicksale eines österreichischen Juden im 20. Jahrhundert. Die Exposition über den Arzt Jakob Rosenfeld sahen mehrere Tausend Menschen. Rosenfeld diente von 1941 bis 1949 in den Armeen Mao Tse-tungs, brachte es bis zum General einer Sanitätsbrigade und zur Ehrung als «Gesundheitsminister».

Jakob Rosenfeld wurde im Januar 1903 in Lemberg geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Niederösterreich, wo heute ein Gedenkstein in Wöllersdorf an ihn erinnert. Hier besuchte er die «Kaiserjubiläumsschule», anschließend das Staatsgymnasium in Wiener Neustadt. Der Vater, ein so genannter Akzessist, ein Uniform tragender Beamter, hatte dort eine Anstellung in einer Munitionsfabrik. Im Sommer 1921 übersiedelte der junge Rosenfeld nach Wien, absolvierte ein Medizinstudium. Nach seiner Promotion 1928 erhielt er in der Rudolfstiftung eine Spitalsausbildung, arbeitete anschließend vierzehn Jahre lang im Krankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde, eröffnete schließlich eine Praxis für Urologie und Gynäkologie.

1938 wurde der sozialdemokratisch sympathisierende Rosenfeld verhaftet und nach Dachau, später nach Buchenwald gebracht, wo es ihm gelang, viele Leidensgenossen illegal zu behandeln. Nach einem Jahr «Schutzhaft» wurde er wegen «Geringfügigkeit des Vergehens» entlassen und mit einer Ausreisefrist von zwei Wochen des Landes verwiesen, zu dem inzwischen, seit dem «Anschluss» ein Jahr zuvor, auch Österreich gehörte.

Rosenfeld emigrierte nach Schanghai, wofür man bis 1941 zur Einreise in den französischen und den internationalen Teil der Stadt kein Visum benötigte. Etwa 20.000 deutschsprachige Flüchtlinge kamen nach 1938 nach Schanghai, 1941 nochmals etwa 1.500 jüdische Flüchtlinge aus Japan: Die ganze Stadt wurde japanisch besetzt, die Truppen des Kaisers bringen die unbeliebten Juden gleich mit. Im Februar 1943 wird ein Getto in Stadtteil Hongkou errichtet.

Zu diesem Zeitpunkt ist Rosenfeld schon im Landesinneren Chinas. Nachdem er sich in Schanghai unter den Emigranten einen populären Namen erworben hat, flieht er 1941 vor den heranrückenden faschistischen Truppen Japans zur kommunistischen VI. Armee. Ein jüdischer Freund, der Kommunist Heinz Schippe, hatte ihn schon lange über die Motive der chinesischen Revolution in Diskussionen verwickelt. Rosenfeld, der bislang wenig über den Kommunismus wusste, kann sich schnell für die Ziele Maos begeistern und tritt in die Volksbefreiungsarmee ein.

1945 ging er in die Mandschurei und nahm bis 1949 am chinesischen Bürgerkrieg gegen die von Chiang Kai-Shek geführte Armee der Kuomintang. teil. Dabei brachte er es als bislang einzig bekannter Ausländer bis in die Führungspositionen der Generalität, wurde zu Luo Sheng-Te. Aus «Yan-Guidze», dem «fremder Teufel», in China keinesfalls ein Schimpfwort, sondern eher in Ehrerbietung zu verstehen, aus «Luo Dai-Fu», was in etwa einer wörtlichen Übertragung des Wortes «Rosen-Feld» entspricht, wird «General Luo», im Kreise um Mao gerne auch «Langnase» genannt. Eingeweihte behaupten, der Jude Rosenfeld sei zeitweise nicht nur der Leibarzt des Marschalls Luo Rong-Huan sondern sogar Mao Tse-Tungs selbst gewesen.

Der Revolutionsführer dankte seinem jüdischen Arzt, der bis zum Ende des Bürgerkrieges wesentlich am Wiederaufbau des Gesundheitswesens sowie der medizinischen Ausbildung mitgewirkt hat, 1949 mit dem Titel eines «Gesundheitsministers» seiner Brigade. Viele Geschichten und Titel waren über ihn in aller Munde. Man nannte ihn «Rettungsstern», «Zweiter Hua Tuo», nach einem chinesischen Gott der Medizin, «Rettender Buddha» oder «Buddha der Frauen». In der Kunstszene der Stadt Junan war ab der Mitte der 1940er Jahre eine Art Rosenfeld-Ikonographie zu beobachten. Auf zahlreichen Rollbildern und Scherenschnitten ist er verklärt dargestellt, nach Meinung führender Sinologen ein Zeichen für die seinerzeit beginnende fast religiöse Verehrung als Medizinalheiliger, trotz aller maoistisch-dogmatischen Strukturen.

Doch Rosenfeld, kein Verwaltungsmensch sondern Praktiker, ging noch im gleichen Jahr trotz der Offerten des im Aufbau befindlichen Gesundheitswesens der jungen Volksrepublik nach Österreich zurück. Andere Quellen berichten indes, Mao habe neben sich die uneingeschränkte Verehrung eines Dritten, noch dazu eines Ausländers, nicht geduldet.

Vielen Mitgliedern der Familie Rosenfeld war die Auswanderung geglückt. Andere waren, wie auch seine Mutter, in Konzentrationslagern umgekommen. Zwischen den Welten wurde Rosenfeld in Wien nicht mehr heimisch, fand weder Arbeit noch einen Herausgeber für sein Manuskript mit Biographien bedeutender chinesischer Persönlichkeiten. An seine Schwester in den Vereinigten Staaten schrieb er, er habe sich «nicht im Geringsten einleben können». So plante Rosenfeld seiner Familie in die USA zu folgen. Die Einreise wurde ihm, einem ehemaligen Mitglied der rot-chinesischen Volksbefreiungsarmee, jedoch verweigert.

Rosenfeld entschloss sich daher, nach China zurückzukehren. Seine Wiedereinreise wird zunächst von der chinesischen Bürokratie abgelehnt, wohl auf Grund der hohen Popularität Rosenfelds, die dem zum Diktator mutierenden Mao nach wie vor ein Dorn im Auge war. Nach einer Intervention die endgültige Antwort abwarten wollend, reiste Rosenfeld zu seinem Bruder Josef nach Israel und arbeitete in einem Krankenhaus der Hauptstadt. Dort starb Rosenfeld, trotz eines schweren Herzleidens relativ unerwartet, vor 55 Jahren.

Zu seinem 100. Geburtstag wurde Rosenfeld zum Nationalhelden Chinas gekürt: Eine 800 Quadratmeter umfassende Ausstellung im Historischen Museum Peking, direkt am Tiananmenplatz, dem Platz des Himmlischen Friedens, ehrte ihn, namhafte Vertreter der chinesischen Partei- und Staatsführung nahmen an der Eröffnung teil. Eine zweite Ausstellung fand in Israel statt, die gerade zu Ende gegangene Exposition im Jüdischen Museum Wien ist die dritte ihrer Art. In Shandong errichtete man ein Denkmal für Rosenfeld, ein Krankenhaus trägt seit der großen Ehrung seinen Namen, eine mehrteilige Fernsehserie und ein Spielfilm berichten über sein Wirken in China. In Österreichs Hauptstadt erinnert ein Park in Wien-Donaustadt an den jüdischen Arzt.

Viele Ehrungen des beinahe vergessenen Jakob Rosenfeld gehen auf den Wiener China-Experten Gerd Kaminski zurück, der auch das verschollen geglaubte autobiographische Manuskript Rosenfelds «Ich kannte sie alle» herausgegeben hat. Kaminsiki war auch Impulsgeber und Hauptleihgeber der jetzt zu Ende gegangenen Ausstellung in Wien. Inzwischen ist die Autobiographie Rosenfelds auch in China erschienen, versehen mit Vorworten des Staatspräsidenten Hu Jin-Tao wie des österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestiel.

Michael Weithofer

«Jüdische Zeitung», Februar 2007