«Immortalis»

von Raymond Khoury

 

Buchcover

Das in den letzten Jahren überaus erfolgreiche Genre des Verschwörungsthrillers beginnt in der Gunst des Lesers langsam, aber stetig zu sinken. Zwar läuft die literarische Produktion weiterhin auf Hochtouren, doch sind die Plots der meisten einschlägigen Neuerscheinungen mittlerweile so gleichförmig und austauschbar, dass man sich an den Stapeltischen der großen Buchhandlungen bei der Lektüre von Klappentexten mitunter fragt, ob man das druckfrische Buch in seinen Händen nicht vielleicht schon vor Jahren bereits gelesen hat. Trotzdem - und das ist das Angenehme an jeder Art von guter Literatur - gibt es immer wieder Romane, die die ärgerliche und meistenteils uninspirierte Reproduktion dieses Genres aus sich selbst vergessen lassen. Ein versöhnliches Buch in diesem Sinne ist ohne Zweifel das nervenzehrende, temporeiche «Immortalis» von Raymond Khoury, einem Quereinsteiger in den amerikanischen Literaturbetrieb, der bereits mit seinem literarischen Debüt «Scriptum» (2005) einen internationalen Bestsellercoup landen konnte. Obwohl auch im Mittelpunkt seines klug komponierten neuen Thrillers ein geheimnisvolles alchemistisches Manuskript orientalischer Provenienz steht, das - wie könnte es anders sein - das diabolische Potenzial in sich birgt, den Lauf der Welt zu verändern, kann der von Beginn an glänzend unterhaltene Leser dies großzügig als unvermeidliche Grundzutat eines am Ende wohlschmeckenden Eintopfs verbuchen. Geschickt lässt Khoury die zahlreichen Einzelfäden seiner Handlung zusammenlaufen, und ehe man auch nur einen Gedanken an die Natur des Rätsels verschwendet, dem Khourys Protagonisten in Vergangenheit und Gegenwart auf der Spur sind, hat man bereits über 100 Seiten des spannenden Wälzers verschlungen. Was «Immortalis» aus dem traurigen Gros des Genres heraushebt, sind die überaus realistische, kenntnisreiche Wiedergabe der Lebenswirklichkeit in Ländern wie Syrien, Libanon und dem Irak sowie die überzeugende, mehrdimensionale Charakterzeichnung seiner Protagonisten, einem bösartigen Arzt von Mengele- Format, der mit seinen fragwürdigen Experimenten den Tod besiegen will, und der Gruppe seiner wackeren Widersacher. Wenn man dieses Jahr doch noch einmal zu einem Verschwörungsthriller greifen möchte, sollte man sich für «Immortalis» entscheiden.

 

«Immortalis», aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt,

erschienen bei Wunderlich, 573 Seiten, 19,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Mai 2008