«Die erste Stimme»

von Avraham Kantor

 

Buchcover

Die Weltsicht von Autisten hat in der Vergangenheit schon viele Schriftsteller und Filmemacher zur künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem faszinierenden Thema angeregt. Die meisten derartigen Versuche haben eines gemeinsam: ihr verdienstvolles Anliegen ist es, die von der tiefgreifenden Entwicklungsstörung des Autismus Betroffenen nicht als «Behinderte» zu begreifen, sondern ihre oft herausragenden Fähigkeiten im Bereich der Wahrnehmung und individuellen Intelligenzleistung hervorzuheben und entsprechend zu würdigen. Diesen Ansatz verfolgt auch der israelische Schriftsteller und Verleger Avraham Kantor in seinem äußerst sensibel erzählten und berührenden Jugendbuch «Die erste Stimme », das soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist. Der junge Protagonist des Buches, ein namenlos bleibender Junge im heutigen Israel, gilt als psychisch zurückgeblieben und stumm und muss sich oft des Spotts und der Handgreiflichkeiten seiner Mitschüler erwehren. Gut, dass es seinen großen Bruder Kobi gibt, der ihn immer wieder beschützt und rettet. Nicht mal dem bewunderten großen Bruder jedoch wagt der Junge sein Geheimnis anzuvertrauen: dass er sehr wohl lesen und schreiben, ja sogar singen kann. Doch auch Kobi ist ein Außenseiter, der in seiner Umgebung immer wieder aneckt und dessen Beziehung zu seinen Eltern in letzter Zeit erheblich gelitten hat. Dass er jedoch eines Tages einfach verschwinden würde, ohne seinen Aufenthaltsort bekannt zu geben, damit hätte wohl keiner gerechnet. Noch überraschter allerdings ist seine Familie, als Kobi wenig später als Mitglied einer ultraorthodoxen jüdischen Sekte zurückkehrt. Vom drohenden Verlust seines in seinem ganzen Verhalten veränderten Bruders überzeugt, muss der Junge seinen ganzen Mut zusammennehmen und die Sicherheit seiner inneren Welt verlassen, um seinen geliebten großen Bruder zu retten. «Die erste Stimme» ist ein in seiner Erzählhaltung erstaunlich konsequenter, von seiner hellwachen Empathie geprägter Roman, der jungen Lesern auf sehr vielfältige Weise Einblicke in die Weltsicht zweier sympathischer Außenseiter vermittelt.

 

«Die erste Stimme», aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler,

erschienen bei Hanser, 207 Seiten, 14,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Mai 2008