«Valentin Lustigs Pilgerreise»

von Urs Widmer

 

Buchcover

Trotz einer Fülle von großartigen hintersinnigen und skurrilen Einfällen gehört «Valentin Lustigs Pilgerreise» sicherlich nicht zu Urs Widmers stärksten Texten. Das hat vor allem einen praktischen Grund: der bekannte Schweizer Autor tritt hier in einer Art leitmotivischer Manifestation von «Verkehrter Welt» lediglich als literarischer Illustrator der wundersamen Bildsprache des seit 1983 in Zürich lebenden rumänisch-jüdischen Malers Valentin Lustig auf, eines wirklich originellen Künstlers, dessen Wirken bislang eigentlich nur in der Schweiz angemessen gewürdigt worden ist. Valentin Lustig ist ein Künstler, dessen herausragendes erzählerisches Talent nur in der gegenständlichen Malerei in seinem ganzen virtuosen Reichtum zur Entfaltung kommen konnte. Der von Widmer in seiner Interpretation immer wieder verwendete Begriff der Pilgerreise steht hier als Metapher für den konsequenten Weg einer künstlerischen und menschlichen Selbstfindung, wie er aus der absolut eigenständigen Bildsprache Valentin Lustigs herauslesbar ist, die in einem figurativen Rahmen dezente absurde und surreale Elemente setzt, die seinen Bildern eine überraschende, nicht immer leicht zu entschlüsselnde Aussage verleihen. Im Jahr 1955 im rumänischen Cluj (Klausenburg) geboren, hat Lustig schon allein vom geographischen Standpunkt aus eine lange Reise hinter sich gebracht: Bevor er seine Heimat in Zürich fand, hatte er drei Jahre in Israel gelebt, bis ihn ein Stipendium an die Kunsthochschule von Florenz brachte, wo er eine umfassende künstlerische Ausbildung genoss. Aber auch seine Entscheidung zugunsten der gegenständlichen Malerei kann im Umfeld der dominierenden europäischen abstrakten Moderne keine leichte Entscheidung gewesen sein. Die besondere Leistung Urs Widmers besteht darin, Valentin Lustigs Bildern, die bei oberflächlicher Betrachtung leicht als augenzwinkernde Idylle durchgehen könnten, die überraschendsten gesellschaftlich oder politisch relevanten Aussagen zu entreißen und so dem Betrachter eine weitere reizvolle Dimension zu erschließen. «Valentin Lustigs Pilgerreise» bietet eine großartige, kostengünstige Möglichkeit, das Werk eines der ungewöhnlichsten Künstlers der Zürcher Szene kennen zu lernen.

 

«Valentin Lustigs Pilgerreise»,

mit Briefen des Malers an den Verfasser,

erschienen bei Diogenes, 141 Seiten, 24,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Mai 2008