Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Der Überraschungsgast»von Grégoire Bouillier
Im wirklichen Leben dauert es manchmal erheblich länger als in der literarischen Fiktion, bis eine Geschichte genug Spannkraft angesammelt hat, um vom Erzähler zum Kreis gebogen und wiedergegeben werden zu können. Eine solch widerborstige wahre Begebenheit, deren Reifungsprozess mehrere Jahre dauerte, hat der ehemals als Skandalschriftsteller gehandelte Franzose Grégoire Bouillier unter dem Titel «Der Überraschungsgast» zu einem wunderbar uneitlen kleinen literarischen Kabinettstückchen sublimiert, das sowohl in seinem Heimatland als auch in den USA zu einem fulminanten Überraschungserfolg wurde. Noch monatelang, nachdem ihn seine große Liebe verlassen hat, lebt der 30-jährige Grégoire antriebslos in den Tag hinein und bringt nicht einmal seiner neuen Freundin zuliebe die Kraft auf, die Glühbirne im Badezimmer auszuwechseln, die schon seit Wochen durchgebrannt ist. Da ruft eines Tages unvermittelt seine ehemalige Geliebte an und überredet ihn, als Überraschungsgast zur extravaganten Geburtstagsparty der Künstlerin Sophie Calle zu erscheinen, die zu ihren Festen traditionell jeweils einen Unbekannten einlädt. Wochenlang grübelt Grégoire darüber nach, mit welcher Art von Geschenk er seine Exfreundin und die schrille Abendgesellschaft am besten beschämen und intellektuell herausfordern kann und wählt schließlich eine sündhaft teure Flasche Wein, die ihn mehr als eine Monatsmiete kostet. Leider scheitert sein Plan an einer anderen, kaum vorauszuahnenden Gewohnheit der berühmten Künstlerin: ihre Geschenke nämlich niemals auszupacken. Wie die Party nach Jahren dennoch maßgeblich dazu beiträgt, Grégoires gebrochenes Herz zu heilen und ihn seinen eigenen Platz im Leben finden lässt, erzählt der stilsichere Autor mit viel Selbstironie, stark reduzierten Mitteln sowie mittels einer erstaunlich milden Art tiefgreifender Selbsterkenntnis. «Der Überraschungsgast» ist ein herrlich aufrichtiges Buch über die niemals endende Aufgabe des Menschen, die Zufälligkeiten seines Daseins mit Sinn zu erfüllen.
«Der Überraschungsgast», aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, erschienen bei Nagel & Kimche, 127 Seiten, 14,90 Euro |