«Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz»

von Shlomo Venezia

 

Buchcover

Es ist erschreckend, wie viele Zeugen der Naziverbrechen auch sechzig Jahre nach Kriegsende erst Gelegenheit finden, über das in den Todeslagern Erlittene Zeugnis abzulegen. Warum das so ist, erklärt die französische Jüdin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments Simone Veil in ihrem kurzen Vorwort zu dem nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Bericht eines der wenigen Überlebenden des berüchtigten «Sonderkommandos Auschwitz»: nicht weil ihnen so lange der Mut oder die Sprache fehlte, sondern weil «niemand zuhören wollte». Es darf also als Glücksfall gelten, dass die junge französische Historikerin Béatrice Pasquier 2006 im Verlaufe von sechs Wochen mehrmals Gelegenheit dazu hatte, den damals bereits 83-jährigen Shlomo Venezia ausführlich über sein Leben und seine Arbeit in Auschwitz zu befragen. Für das sogenannte «Sonderkommando Auschwitz» rekrutierten die Deutschen aus dem Kreis der Häftlinge regelmäßig eine gewisse Anzahl von jüdischen «Helfern», die sie ebenso regelmäßig als lästige Mitwisser ihres mit industriellen Mitteln betriebenen Genozids liquidierten. Jene hatten die schlimmsten, unmenschlichsten und niedrigsten Tätigkeiten innerhalb der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu übernehmen: etwa bei der Selektion zu assistieren, die Todgeweihten ins Gas zu führen, vor allem aber die Toten zu bergen, ihnen die Goldkronen aus den Zähnen herauszubrechen und die Haare abzuschneiden, die Leichen schließlich in den Krematorien zu verbrennen. Die hochkonzentrierten Schilderungen Venezias aus der Hölle von Auschwitz sind absolut frei von allen Begriffen dessen, was wir als menschlich bezeichnen. Durch die während des kompletten Buches beibehaltene Form des Interviews und die absolute Reduktion aufs Wesentliche gewinnt das Buch ein überaus hohes Maß an Authentizität. Gedanken und Erlebnisse werden so unmittelbar und direkt ausgesprochen, dass deutlich wird, wie sehr dahinter auch das Bestreben des Erzählers steht, die quälenden Erinnerungen möglichst schnell wieder loszulassen.

 

«Meine Arbeit im Sonderkommando Auschwitz»,

aus dem Französischen von Dagmar Mallett,

erschienen bei Blessing, 271 Seiten, 19,95 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Mai 2008