Zwischen viel Kristall. Foto: R. M.

Golem, Kafka und Jurassic Park

Eine Ironie der Geschichte macht Prags jüdisches Viertel zum Publikumsmagneten

 

PRAG - Kleine Männchen aus Glas stehen zwischen all dem geschliffenen böhmischen Kristall, das die Läden glitzern lässt. Kristall zuhauf, es wirft das Licht zurück und lässt dem Betrachter beim Hindurchsehen alles kleiner oder größer erscheinen. Kristall mit Schleifkapriolen oder in Farbe gibt es überall - auf dem Karlsplatz, auf der Kleinseite, an der Karlsbrücke und auf dem Hradschin. Nicht jedoch diese Glasmännchen in Schwarz, wahlweise mit Torarolle oder Gebetstafeln in der Hand. Sie stehen in einer Schaufenstervitrine des jüdischen Viertels. Ein paar Schritte weiter streckt die Altneu-Synagoge ihre spitzen Giebel in den Himmel - das sagenumwobene Wahrzeichen des Viertels. Schon befindet man sich mitten in der jüdischen Historie der Stadt, die sich die «Goldene» nennt. Kafka allerdings soll 1902 seinen Freund Oskar Pollack vor der Stadt gewarnt haben: «Das Mütterchen hat Krallen.» Am winterlichen Wochenenden wird es früh düster, die Touristenmassen sind abgeebbt, manchmal strebt eine Gestallt mit wehenden schwarzen Rockschößen über das Pflaster zur niedrigen Synagogentür. Die Atmosphäre wirkt mystisch. Es gibt keine repräsentativen Großbauten, klein und wuchtig scheinen die jüdischen Gebäude, mittelalterliche gedrängt und bedeutungsschwer dort im Josefsviertel zwischen Pariser Straße und der Moldau, in der Nachbarschaft Gucci und Lamborghini. Das ehemalige Getto ist das am besten erhaltene in ganz Europa, weil es den Nazis gefiel - eine Ironie des Geschichte: es sollte ihnen als seine Art Freilichtmuseum für das ausgerottete Volk dienen. Ihr Ziel haben sie nie erreicht - im Gegenteil - heute ist das Viertel ein Besuchermagnet für jährlich abertausende Besucher aus aller Welt. So lebhaft ist das Interesse, dass es bereits als Beispiel einer weitgehend von Nichtjuden für Nichtjuden in Europa «erfundenen jüdischen Kultur» kritisiert wird. In einer exzellenten Studie von Ruth Ellen Gruber zum Thema, charakterisierte ein junger amerikanischer Jude die Josefstadt den 1990er Jahren als «Jurassic Park des Judentums» und sagte weiter «Das Jüdische Prag ist ein Zirkus der Toten». Ein provokatives Urteil und der Verpflichtung zur Erinnerung kaum angemessen. Rund 118.000 Juden lebten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, 80.000 wurden in Konzentrationslagern ermordet. Ihre Namen bedecken die Wände der Pinkas-Synagoge, eine der sechs Synagogen des Viertels. Das weiße Gebäude der nach ihrem brillanten Finanzier Mordechai Maisel benannten Maisel-Synagoge beherbergt eine Sammlung von Judaica. So auch die Klausen-Synagoge am Eingang des Jüdischen Altstadtfriedhofs. Bereits seit 1906 wurde sie als Museum genutzt, um Artefakte zu schützen, die bei der Erneuerung der jüdischen Altstadt beschädigt worden wären. 1939 von den Nazis geschlossen, eröffneten diese es nur drei Jahre später erneut, um nach Hitlers Vorstellung dort triumphierend die Zeugnisse einer ausgerotteten Rasse präsentieren zu können. Mit der maurisiernden Spanischen Synagoge, dem Friedhof und der Zeremonienhalle bilden sie das heutige Jüdische Museum Prag und sind mit einem Kombiticket zu besuchen. Einzig die Altneu-Synagoge übergab der Staat 1989 der Gemeinde zur Selbstverwaltung. Sie dient der Gemeinde heute als Hauptsynagoge, steht jedoch Besuchern außerhalb der Gebetszeiten und Feiertage offen. Ihr gegenüber befindet sich das Rat- oder Gemeindehaus mit Uhrturm. Die Zeiger der Uhr laufen entgegen dem üblichen Uhrzeigersinn an den hebräischen Lettern des Ziffernblatts entlang. Im Erdgeschoss ein Laden mit Judaica, an der Ecke aus golden schimmernde Mosaiksteinchen zusammengesetzt ein Jugendstilschriftzug «Restaurant zur alten Synagoge». Dieses heißt heute «Shalom».

Sei dem Jahre 970 siedelten Juden in Prag. Als während der Kreuzzüge die Synagogen unterhalb der Burg brannten, zogen sie ans andere Moldauufer. Ab dem 13. Jahrhundert mussten sie einem königlichen Dekret nach bestimmte Kleidung tragen. Und bis zum 16. Jahrhundert stritten sich König, Landadel und Bürger, wer eigentlich vom Geschäft mit den Juden profitieren durfte. 1389an Ostern fielen etwa 3000 Juden einem Pogrom zum Opfer - das Klagelied des damals überlebenden Rabbiners Avigdor Kara wird noch heute zu Yom Kippur verlesen. Die Regentschaft Rudolf II. (1576-1612) war eine «Goldene Ära» für die Juden der Stadt, dessen Freundschaft zum damaligen Rabbiner Judah Löw, dem Erschaffer des Golem, legendär. 1781 befreite Josef II (1765-1790) die Juden per Toleranzdekret aus dem Getto, er ist bis heute Namensgeber des Viertels.

Prag, der Schauplatz eines deutsch-jüdisches Fin-de-Siècle, dessen Einfluss auf ganz Mitteleuropa wirkte. Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel zählen zu seinen berühmtesten Vertretern. Obschon ihre Beziehung zum jüdischem Leben nicht stark waren, da sich Ende des 19. Jahrhunderts auch das Prager Judentum zu großen Teilen emanzipierte, werden sie unbarmherzig vereinnahmt und vermarktet. Kafka auf T-Shirts und Kugelschreibern. Nahe dem Altstadtfriedhof ein Café seines Namens in angemessener Patina, an der Ecke der Uliza Radnice und der Maiselova, nahe seinem Geburtshaus, erinnert ein bronzenes Denkmal an den Schriftsteller - es zeigt einen Mann auf den Schultern eines anderen - kopflosen Mannes oder lediglich einer leeren Anzughülle. Das frühere Wohnhaus der Familie beherbergt heute das Kafka-Museum mit Ausstellungsstücken zum Leben des Schriftstellers, der selbst bereits 1924 einer Lungentuberkulose erlag, dessen Schwestern jedoch zu Opfern des Holocaust wurden.

Auf an die 5000 schätzt man die Zahl der heutigen Juden in der Stadt, 1500 registrierte Mitglieder zählt die Prager Gemeinde offiziell und ist damit die größte der Tschechischen Republik. Nach Angaben der Ronald S. Lauder Foundation bemühen sich rund 20 religiöse Familien, das alte jüdische Erbe der Stadt wiederzubeleben. Nicht unbeeinträchtigt - eine Attentatswarnung und ein großdimensioniertes Polizeiaufgebot sorgte im September letzten Jahres für eine angeheizte Diskussion auf Staats- wie auf Gemeindeebene. Dennoch blieb das Jüdische Viertel ein Publikumsmagnet, das Angebot an angebotenen Führungen ist üppig. Individuell, bei Nacht, zu Fuß, mobilisiert und in allen erdenklichen Sprachen - der Besucher kann nach seinem Gusto wählen. Von zwei Stunden bis zu ganzen Tagen muss er sich Zeit nehmen für Führungen zum jüdischen Prag oder zu Prag unter der Nazi-Okkupation. Touristische Websites informieren im Vorab detailreich über Inhalte und Zahlungsmodalitäten, ja sogar über das «Wetter im jüdischen Prag». Wer seine Erfahrungen zur jüdischen Kultur in Prag auf Essen und Logis ausdehnen möchte, kann in zwei Restaurants koscher dinieren und unter «Maisel Appartments» eine koschere Unterkunft buchen.

Rada Markovic

 

Information:

Führungen
http://www.jewishmuseum.cz
http://www.kosherprague.com/tours.html

 

Restaurants
«King Solomon», Siroka 8 und
«Shalom», Maiselova 18

 

Unterkunft
Maisel Appartments, Reservierungen unter http://www.kosherprague.com

 

Einkaufen
Chabad's Kosher Café & Deli
«Shelanu» Brehova 8

«Jüdische Zeitung», Februar 2007