Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Bücherverbrennungen in Or JehudaReligiöse Toleranz in Israel auf dem Prüfstand
Orthodoxe jüdische Studenten haben Mitte Mai in der israelischen Kleinstadt Or Jehuda hunderte Bibeln des christlichen Neuen Testaments verbrannt. Die Bücherverbrennung soll auf Weisung des stellvertretenden Bürgermeisters der Stadt, Usi Aharon von der orthodoxen Schass-Partei, erfolgt sein. Der Vorfall machte weltweit Negativschlagzeilen und rief scharfe Debatten über mangelnde religiöse Toleranz im Land hervor. Die Bücherverbrennung in Or Jehuda ist ein neuerliches Zeichen für die steigende Spannung zwischen Orthodoxen und den messianischen Juden in Israel. Die Gruppe der messianischen Juden, auch als «Juden für Jesus» bekannt, die in Israel auf ca. 15.000 Vertreter geschätzt wird, glaubt an die Ankunft des Messias Jesus, versteht sich jedoch als Juden. Ihr wird missionarische Tätigkeit in Israel vorgeworfen. Anfang Mai wurden von ortsansässigen messianischen Juden, so erzählte Usi Aharon der israelischen Tageszeitung «Haaretz», in der 34.000-Einwohner-Stadt Or Jehuda das Neue Testament und Broschüren verteilt. Vor allem unter der Gruppe der äthiopischen Juden im Ort seien die von ihm als Missionsmaterial deklarierten Schriften verteilt worden. In der Folge seien zu Aharon Beschwerden der mehrheitlich von Juden nordafrikanischer und irakischer Herkunft bewohnten Stadt gedrungen. Missionarstätigkeit ist in Israel gesetzlich verboten. Erst vor kurzem wurde ein christlicher Pfarrer wegen angeblicher Judenmission des Landes verwiesen. Wenig später fuhr Aharon in einem Auto durch die Stadt und rief die Einwohner der Stadt per Lautsprecher auf, die verteilten christlichen Schriften an Studenten der örtlichen Jeschiwa, der höheren Religionsschule, auszuhändigen. Diese liefen in den nächsten Tagen von Tür zu Tür und sammelten die Bibeln ein. «Die Bücher wurden zusammen auf einen Haufen geworfen und auf einem Platz nahe der Synagoge verbrannt», bestätigte Aharon gegenüber «Haaretz». Die Tageszeitung «Maariv» berichtete dazu, dass hunderte von Jeschiwa-Studenten an der Bücherverbrennung teilnahmen. Gegenüber der Nachrichtenagentur «AFP» vertrat Aharon jedoch die Meinung, dass nur ein paar wenige Studenten zugegen gewesen sein. Der Schass-Vizebürgermeister verstrickte sich später in widersprüchlichen Aussagen. So sagte er noch gegenüber der «AFP», dass er die Bücherverbrennung bedauere, nannte es aber ein bindendes Gebot, Material missionarischen Inhalts zu vernichten. Im israelischen Armeeradio wiederum verteidigte Aharon die Aktion, um «das Teuflische unter uns zu eliminieren». Aharon selbst streitet jede Verantwortung ab. Er sei auch nicht im Moment der Bücherverbrennung anwesend gewesen. «Es war eine spontane Sache der Jeschiwa-Jungs», sagte er der «Jerusalem Post». Im gleichen Interview erklärte Aharon, dass er alle Religionen respektiere, aber Israel könne es nicht erlauben, dass messianische Juden «in unsere Häuser kommen und uns gegen unsere Religion aufhetzen und unsere Kinder vom Judentum abbringen. Das ist gegen das Gesetz.» Viktor Kalischer, Direktor der Bibelgesellschaft in Israel, einer von weltweit 140, zeigte sich schockiert: «Als Juden wurden wir erzogen, dass dort, wo Bücher verbrannt werden, auch schlimmere Dinge passieren können. Daran denke ich, wenn ich die Bilder aus Or Jehuda sehe.» Der Sohn von Schoa-Überlebenden kritisierte, dass niemand in der Stadt gegen die Verbrennung eingeschritten sei. «Es scheint ein Krieg gegen die messianischen Juden in Israel geführt zu werden», meinte Kalischer in der «Jerusalem Post». Er fordert, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. David Parsons von der Internationalen Botschaft der Christen in Jerusalem gab zu Bedenken, dass die Bücherverbrennungen in Or Jehuda «für die meisten Christen beleidigend» sind. In den letzten Monaten häufen sich Fälle von physischer Gewalt gegen die messianischen Juden in Israel. Erst zu Beginn dieses Jahres wurde der Sohn eines prominenten christlichen Missionars bei einer Paketbombe, die vermutlich aus orthodoxen Kreisen stammte, schwer verletzt. Letztes Jahr steckten Unbekannte eine Kirche in Jerusalem, die von messianischen Juden genutzt wird, in Brand. Calev Myers, der als Anwalt die messianischen Juden in Israel vertritt, meinte in einem Interview gegenüber der «Jerusalem Post», dass sich eine zunehmend institutionalisierte Diskriminierung gegen die Jesus gläubigen Juden in Israel abzeichne. Myers erachtet die Eröffnung eines Rechtsstreits in Israel über die missionarischen Aktivitäten in Israel für sinnvoll. |