Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Familienausflug zur HisbollahBesuch der «Spinnennetz»–Ausstellung in Südbeirut
«Wir haben Raketen, die fliegen bis nach Haifa und noch weiter als Haifa und noch viel, viel weiter als Haifa...» tönt der in eine zwölfminütige multimediale Licht- und Lasershow eingebettete Film. Lichter wirbeln wild durch die Halle. Ein Atemgeräusch im Stile von «Darth Vader» erklingt. Ein verblutender israelischer Panzerführer erstrahlt im Scheinwerferlicht - im Wechsel mit den zerstückelten Gliedmaßen seines Funkers. Wir blicken direkt in das Kanonenrohr eines israelischen Panzers des Typs «Merkava». Die Lichter beginnen abermals zu tanzen und im großen Fanal spritzt ordentlich Blut, während der Panzer, sonstiges Kriegsgerät und die toten, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Israelis im Gewitter aus Licht und ohrenbetäubenden Klängen exponiert werden. Die Zuschauer klatschen - stehende Ovationen für den «göttlichen Sieg» der Hisbollah über Israel. Der israelische Panzer ist ein Original. Die im Libanon ansässige schiitische, radikalislamische Hisbollah, die «Partei Gottes», hat ihn in ihrem Museum im Südbeiruter Stadtteil Dahieh verbuddelt. Die Multimediashow ist krönender Abschluss einer etwa 8.000 Quadratmeter großen Ausstellung der Hisbollah, die diese anlässlich des einjährigen Jubiläums ihres «göttlichen Sieges über das zionistische Gebilde» nach dem zweiten Libanonkrieg des Sommers 2006 schuf. Sie steht unter dem Motto «Beit Al-Inkarbut», «Spinnennetz». «Denn Israel», so die Botschaft des Hisbollah- Führers Sayyid Hassan Nasrallah, «ist wie ein Spinnennetz - schön anzuschauen, aber leicht kaputt zu hauen». Über der Ausstellung thront er, prophetengleich und überlegen blickend, auf einem überdimensionalen Poster. Nasrallah ist die Verkörperung des «göttlichen Sieges». Nach dem Krieg hatte er einen Brief an die Muslime der Welt verfasst, in dem er die teleologische Notwendigkeit des militärischen Triumphes, die Lage des Libanon und die kommenden Aufgaben des islamischen Widerstandes beschreibt. Der Brief ist ausgestellt. Die Hisbollah-Ausstellung sucht außerdem mittels des erbeuteten Kriegsschrotts, der blutigen Attrappen und smarten Fotowände aufzuzeigen, wie dieser Sieg errungen wurde und welchen Charakter der «islamische Widerstand im Libanon», das «zionistische Gebilde », «der große Satan USA» und all die anderen Akteure und Sachverhalte wirklich haben. Die Sterne der US-Flagge zum Beispiel bestehen auf den Bildern aus Bomben. Der ehemalige israelische Generalstabschef Dan Chalutz wird mit den Worten zu Kriegsbeginn zitiert: «Wir werden die Hisbollah innerhalb von drei Tagen auslöschen». Neben dem vergrabenen Panzer am Museumseingang stehen Zelte, die die «informativen Teile» der Ausstellung enthalten. Die Zelte nebst Souvenirshop, «Widerstandsbasis», nachgebautem Kommando- und Gefechtsstand und der «Oase der Märtyrer» befinden sich auf einem parkähnlichen Gelände. Wracks, Panzer, Truppentransporter und Spähwagen wurden mit neuem Anstrich im Wüstensafari-Look versehen und auf dem Gelände aufgebaut. Die Szenerie gleicht einem Trophäengarten. Das Museum selbst erwuchs aus einem Haufen Schutt - einem von der israelischen Armee im Sommer 2006 zerbombten Wohnblock. Statt neuer Wohneinheiten für die Beiruter gibt es an dieser Stelle nun den ewig aktuellen «göttlichen Sieg» zu sehen, den die Hisbollah im Namen aller Libanesen, ja aller Muslime, errungen haben will. Die Kuratoren der Ausstellung haben sich viel Mühe gegeben, diese als Ort der Harmonie und Schönheit zu gestalten. Palmen neigen sich in der Sonne zwischen den weißen Ausstellungszelten auf dem saftig-grünen Rasen. Selbst die Panzerwracks wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit. Harmlos. Fast schon beruhigend. Doch die Harmonie hat Brüche. Direkt am Eingang des Geländes steht der Stiefel eines israelischen Soldaten auf einer Mauer, aus dem rote Farbe quillt. Dahinter ist ein Gefechtsstand aus Sandsäcken und Holzbalken aufgebaut - wir sind in der «Widerstandsbasis». Drinnen sind Schaufensterpuppen im Hisbollah-Outfit aufgestellt. Eine hält ein Maschinengewehr. Eine andere betet. An den Wänden sind Abbildungen von Nasrallah und dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini aufgehängt. Eine dritte Puppe sitzt in der «Kommandozentrale» an einem Schreibtisch, vor ihm ausgebreitet Feldkarten und Übersichtstafeln des Waffenund Personalbestands der israelischen Armee. Aus der «Widerstandsbasis» hinaus gelangen wir über eine Treppe zur Fotoausstellung. Sie besteht aus einer Vielzahl an Bildern von entstellten toten und verwundeten israelischen Soldaten. Davor stapeln sich mit den Namen ihrer ehemaligen Träger versehene Helme, Armeekleidung und Überreste von Feldverpflegung. Kriegsbeute. Israelische Soldaten verbrennen auf Fotos oder in Form originalgetreu nachgebauter Figuren im «Höllenfeuer». Dazwischen die Figur eines toten Kindes. Eine große Fotowand dahinter zeigt USPräsident George Bush mit dem Zitat «Unsere Nation verschwendet keine Zeit damit, dem libanesischen Volk zu helfen». Auf die Fotos und Attrappen deutend, säuselt der uns begleitende Museumsführer der Hisbollah beständig in schlechtem Englisch: «Beautiful. Everything Allah.» Auf einem anderen Poster sind israelische Soldaten zu sehen, die einen Sarg tragen. Die Soldaten weinen um einen verlorenen Kameraden. Die Israelis, so die Botschaft des Bildes, geben ihren menschlichen Regungen nach und sind kampfunfähig. Anders die Hisbollah-Brigaden auf den Fotos: sie stehen eisern, weinen nicht. Sie sind anonymisiert - vermummt oder in Kriegsbemalung - und so beliebig duplizierbar. Verluste, so lehrt uns die Ausstellung, kennt die Hisbollah nicht. Sie kennt nur Märtyrer. So werden auch die zivilen Opfer des Krieges nicht im Kontext der Trauer dargestellt, sondern im Rahmen des Wiederaufbaus von noch Größerem. Auf einigen Bildern sind verzweifelte Libanesen in den Ruinen ihrer Häuser zu sehen. Manchmal wird auch der Schrecken der von Israel eingesetzten Phosphorbomben gezeigt. Neben den verbrannten Gesichtern libanesischer Kinder erscheinen Fotos orthodoxer jüdischer Mädchen wie sie «Mit Liebe aus Israel!» auf die Bomben schreiben. Darüber prangt in Englisch und Arabisch der Schriftzug: «Das ist ihre Kultur, das ist ihr Glauben». Hinweise auf Einzelschicksale fehlen vollständig. Ein riesiges Foto etwa zeigt eine wütende Menge, die voller Pathos durch die zerbombte Stadt Beirut zieht. Die Fahnen des «Siegers», der Hisbollah, wehen im Wind. Ein totes Kind wird wie eine Standarte vorangetragen. Darunter der Schriftzug: «Es wird besser als es war». Auf der Rechten des Bildes eines erst vor kurzem errichteten Hochhauses prangt das übergroße Emblem des Hisbollah-Hilfswerkes, bevor auf dem letzten Foto ein erschossener israelischer Soldat von seinen Kameraden fluchtartig abtransportiert wird. Die Überschrift dazu: «Das ist der Libanon, ihr Dummköpfe!». Nachdem der Besucher in den Verlauf und die Facetten des Krieges - aus Sicht der Hisbollah - eingetaucht ist, gelangt er in die «Oase der Märtyrer». Palmen von stattlicher Größe umrahmen etwa zwanzig strahlend weiße Stelen von etwa 1,70 Meter Höhe und 1 Meter Breite. In deren oberen Enden sind Flachbildmonitore eingelassen, auf denen in Endlosschleifen Videobotschaften der Hisbollahkämpfer laufen, die sich im letzten Krieg geopfert haben. Den Koran in der einen, das Maschinengewehr in der anderen Hand, sprechen diese, im warmen Licht der Beiruter Abendsonne, ihre Abschiedsbotschaft an die Angehörigen, dabei den «islamischen Widerstand» gegen das «zionistische Gebilde» preisend. Am Ausgang des Geländes werden uns im Souvenirshop noch Hisbollah-Merchandisingartikel angeboten: unzählige Poster und Aufkleber von den «Gotteskriegern», Nasrallah-Uhren, Parfum, kleine Videoclips und auch «Special Force II», ein von der Hisbollah entwickeltes Ballerspiel. Im Kaufpreis von zehn Euro für das Videospiel sind bereits acht Euro Spende an die Hisbollah inbegriffen. Wer lieber direkt an die Hisbollah spenden möchte, kann sein Geld einfach in die am Ausgang aufgestellte Spendendose werfen. Die hat die Form und Bemalung des Felsendoms. Teile der blauen Ornamentik sind durch Imagos von Hisbollah-Kämpfern ersetzt. Das Museum ist, wie uns ein Besucher aus Beirut versichert, ein beliebtes Ausflugsziel - vor allem für Familien. Von Sonnabend bis Donnerstag ist es täglich von 10 Uhr bis in die Nachtstunden geöffnet. Der Eintritt ist frei, Spenden sind ausdrücklich erwünscht. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Objekt der Betrachtung ist vielen Besuchern fremd. Diverse Gästebucheinträge voller Lob und Anerkennung für die Ausstellung sprechen Bände: «Ich habe die Zeit an diesem wunderschönen Platz sehr genossen. Vielen Dank» schreibt etwa eine Miriam, während Zahram den Satz «Ich danke allen, die an der Ausstellung mitgearbeitet haben. Es ist sehr schön und ich werde sicherlich wiederkommen» zu Protokoll gibt. |