«Der Sprung» der Hedy Epstein

Jugendtheaterwerkstatt Moabit mit neuer Inszenierung

 

Der Sprung - Die 83jährige Hedy Epstein bei der Premiere. Foto:Theater Engelbrot

Der 83-jährigen Jüdin, Ehrengast in der ersten Reihe, lief ein sichtlicher Schauer über den Rücken, als ihre Doppelgängerin die Bühne betrat. «Ich bin Hedy», sagte ein 14-jähriges Mädchen, «und ich zeige euch meine Geschichte.» Das ausverkaufte Theater Engelbrot in Moabit war aufgeladen mit Energie, und manches Taschentuch rieb verstohlen über ein Auge, als die acht jungen Schauspieler Mimi, Big Jam, Ali, Mustafa, Elwin, Busra, Hassan und Alen das Premieren- Publikum auf die Reise in eine dunkle Vergangenheit entführten.

Mit dem Stück «Der Sprung», das unter anderem im Stadthaus Böcklerpark in Kreuzberg am 21. Juni eine weitere Vorstellung erlebt, hat die Jugendtheaterwerkstatt Moabit überzeugen können. Die Szenen und musikalischen Raps haben die Jugendlichen selbst entwickelt, unter der künstlerischen Leitung des Theaterund Literaturwissenschaftlers Ahmed Shah. Jeder im Saal spürte, dass es sich um echte Anliegen handelte: die Rechte von Kindern und Jugendlichen in schwieriger Umgebung.

Der soziale Brennpunkt Moabit in Berlin- Mitte, aus dem die Schauspieler stammen, hat etwa 70.000 Einwohner und eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent. Rund ein Drittel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, meist einen muslimischen. Um den Jugendlichen Raum zu geben, haben die Theaterwerkstatt und die übergeordnete Initiative «Grenzen-Los!» verschiedene Projekte ins Leben gerufen, darunter auch Gespräche mit Politikern und Besuche von Gedenkstätten. Projektkoordinatorin Anne Lemberg: «Die Jugendlichen sollen nachhaltig zu einer selbstbewussten, demokratischen, zivilgesellschaftlichen Partizipation ermuntert und zu Multiplikatoren einer kreativen Bildungsarbeit werden.»

Die drei Akte des aktuellen Stücks repräsentieren die Ebenen der Projektarbeit. Es beginnt mit der Bewusstmachung der eigenen Situation und dem Gewahrwerden des Anderen: Auf einer Videoprojektion sehen die Zuschauer einen Jungen von einer Eisenbahnbrücke springen. Derselbe findet sich dann auf der Bühne mit den anderen wieder und jeder erzählt seine Geschichte. Im zweiten Akt erwacht ein höheres Bewusstsein, ein historisches, empathisches. Versinnbildlicht wird es am Beispiel von Hedy Epsteins Geschichte. Hedy Epstein überlebte den Naziterror in Deutschland, weil ihre Eltern sie kurz vor Kriegsbeginn nach England gebracht hatten. 1945 kehrte sie nach Deutschland zurück und nahm unter anderem an den Nürnberger Ärzteprozessen teil. Im Mai 1948 zog sie in die USA, heute lebt und arbeitet sie in St. Louis. Ihre Autobiografie «Erinnern ist nicht genug» hat die Moabiter inspiriert; seit drei Jahren kommt es zu Begegnungen zwischen der Autorin und den Jugendlichen. In «Der Sprung» erinnern sie an die Verfolgung der Juden in Deutschland.

Nach der Selbstverortung und ihrer Vertiefung durch die Rückbesinnung zeigt der dritte Akt eine Emanzipation durch Handlungen und Träume, die einen noch höheren Grad von Bewusstsein und von Freiheit ausdrücken. Die Gruppe reist zum «Freedom Theatre » nach Jenin in der Westbank und trifft auf Juliano Mer Khamis, den Sohn von Arna, bekannt als Regisseur des Films «Arnas Kinder». Erfrischend, dass das Stück auch in diesem Teil keine moralisierenden Formeln anstrebt, sondern mit Witz, Musik und viel Pantomime arbeitet. Die Botschaft, Mauern abzubauen und Palästinenser, Araber und Muslime gleichberechtigt in den Diskurs einzubeziehen, bleibt erkennbar.

Hedy Epstein sagte bei der Premierenvorstellung in ihrem Grußwort: «Auf die Frage: „Was heißt frei sein?" antwortete der französische Philosoph Voltaire: „Es heißt, die Menschenrechte zu kennen."» In ihren Reden und Schriften betont Epstein, dass sich die Erinnerung und das «Nie wieder...» nicht nur auf Juden beziehe, sondern auf alle Menschen. Sie selbst setzt sich seit Jahrzehnten aktiv für Benachteiligte und auch für die Gleichberechtigung der Palästinenser ein. Im kommenden Sommer wird sie zusammen mit anderen Internationalen der Initiative «Free Gaza» mit einem Boot von Zypern nach Gaza fahren, um auf die bedrückende Situation dort aufmerksam zu machen. Mit diesem Engagement weicht Hedy Epstein vom israelischen und jüdischen Mainstream ab. Dabei ist sie um das Wohl Israels ernsthaft besorgt und sieht sich in der Verantwortung, zur Überwindung des Leidens im Heiligen Land beizutragen, so wie ihr Gewissen es ihr sagt. Gleiche Rechte für alle seien der einzige Garant für einen Frieden in Israel.

Anis Hamadeh

«Jüdische Zeitung», Juni 2008