Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wunder und BereicherungJüdisches Leben in Brandenburg heute
Wie viel weiß man eigentlich über das jüdische Leben im eigenen Bundesland? Ist es bekannt, dass es nicht allein die Jüdische Gemeinde in der Landeshauptstadt Potsdam gibt, sondern dass weitere sechs Gemeinden in Städten wie Frankfurt (Oder), Cottbus und Brandenburg an der Havel, aber ebenso im Landkreis Barnim, in Königs Wusterhausen oder im Landkreis Oberhavel bestehen? Und wie gestaltet sich das jüdische Leben in Brandenburg, in einem Land, wo am Ende der DDR keine Jüdische Gemeinde mehr bestand? Ein junger Potsdamer Verein, der in diesem Jahr bereits sein fünfjähriges Jubiläum feiert, nahm sich diesen Fragen in der Veranstaltung «Jüdisches Leben heute in Brandenburg» an. Der Verein Zeitpfeil versteht sich als Netzwerk für kulturelle Bildung in Berlin und Brandenburg. Das Anliegen der aus verschiedenen Studienrichtungen kommenden sympathischen jungen Leute ist es, Räume zu schaffen für kontroverse politische, gesellschaftliche und kulturelle Dialoge. Was sich erstmal sehr theoretisch anhört, gelingt in der Praxis durchaus. Die Initiatorin Claudia Nickel führte in einer abendlichen Runde im Potsdamer Multikulturellen Zentrum «Black Flowers» mehrere Vertreter aus dem jüdischen Leben Brandenburgs sowie zwei Wissenschaftler zu einem gemeinsamen Gespräch an einen Tisch. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Einführungsvortrag von Wolfgang Bialas, Hochschuldozent und Referent in der politischen Bildung, der der Entwicklung jüdischen Lebens von 1945 bis 1990 in der DDR und der Bundesrepublik nachging. Der Ansatz, die Ausgangssituation von 1945 ins Gedächtnis zu rufen, erwies sich als sehr aufschlussreich, vergisst man doch heute allzu schnell, wie schwierig sich der Neuanfang in den unterschiedlichen Besatzungszonen beziehungsweise späteren deutschen Staaten für die jüdischen Überlebenden aus den befreiten Konzentrationslagern, dem Untergrund oder den so genannten Mischehen gestaltete. Schien es für die einen unvorstellbar, sich am Wiederaufbau eines Landes zu beteiligen, das ihre Vernichtung gefordert und durchgeführt hatte, sahen andere Überlebende es als ihre Aufgabe, gerade im Dableiben den Juden in Deutschland ein Denkmal zu setzen. Das Misstrauen gegenüber der ehemaligen, manchmal auch zurückgewonnenen Heimat hielt bis zum Ende der 1980er Jahre an: Anfangs war in den Gemeindestatuten oft noch ein Passus enthalten, der Deutschland als Durchgangsland auf dem Weg der Auswanderung nach Israel definierte. Auf der Suche nach einer Neubestimmung jüdischen Lebens nach 1945 erwiesen sich ebenfalls traditionelle Abgrenzungen als schwierig. So konnte etwa in der Jüdischen Gemeinde Hannover nach 1945 zunächst nur Mitglied werden, wer bereits vor 1933 deutscher Staatsbürger war - osteuropäische Juden waren nach dem Statut somit nicht vorgesehen und mussten sich selbst organisieren. Die Aufforderung zur Alijah wurde in den 1990er Jahren zurückgenommen, an ihre Stelle rückte die Aufgabe, jüdisches Leben vor Ort im jeweiligen Land aufzubauen, auch in Deutschland, das lange aufgrund der Geschichte als undenkbarer Lebensort galt. Mit dem Fall der Mauer 1989 veränderte sich die Situation grundlegend. Für Brandenburg und die anderen östlichen Bundesländer stellte die 1991 verabschiedete Kontingent-Regelung eine politische und gesellschaftliche Herausforderung dar. Vladimir Oks, Mitglied der Jüdischen Gemeinde und Historiker, erzählte von den schwierigen Anfängen in Potsdam. Am Ende der DDR gab es nur noch acht jüdische Gemeinden mit ungefähr 350 Mitgliedern, keine davon in Potsdam. Seit 1990 sind ungefähr 7.500 russische Juden nach Brandenburg eingewandert. Heute leben noch 3.500 Zuwanderer in Brandenburg, davon 1.200 in Potsdam. Diese Zahl ist aber weit höher als die Mitgliederzahlen der Jüdischen Gemeinden. Nach gesetzlicher Regelung galt als Jude bei der Einwanderung, wessen Vater nach ethnischer Zugehörigkeit in der ehemaligen Sowjetunion Jude war, die Halacha stand damit nur an zweiter Stelle. Nach dieser konstituiert sich allerdings jede jüdische Gemeinde; die Potsdamer hat heute 400 Mitglieder. In Potsdam fehlt zudem der «große Bruder», wie Vladimir Oks es bezeichnet. Während in Berlin bereits vor 1989 eine entsprechende Infra- und Vereinsstruktur innerhalb wie außerhalb der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bestand, musste sich dies in Potsdam erst entwickeln. Zudem besteht die Jüdische Gemeinde Potsdam ausschließlich aus russischen Zuwanderern, diese bestimmen somit das Gemeindeleben. Die mitgebrachte religiöse Tradition aus der ehemaligen Sowjetunion ist zu 90 Prozent aschkenasisch geprägt. So erleichterte Vladimir Oks das von den Großeltern gelernte Jiddisch, sich in die deutsche Sprache einzufinden. Es gibt daneben aber ebenfalls orientalisch-jüdische Traditionen aus dem Kaukasus, die sich ganz anders gestalten als die aschkenasische. Diese Vielfalt an Traditionen macht ein gemeinsames Leben nicht immer einfach. Dazu kommt, dass sich in Potsdam eine Gruppe von Zuwanderern zu einer separaten Gesetzestreuen Jüdischen Gemeinde zusammengeschlossen hat. Dass es überhaupt wieder ein jüdisches Gemeindeleben gibt, bezeichnete der für ganz Brandenburg zuständige Rabbiner Nachum Presman anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Jüdischen Gemeinde im Barnim als «große Freude und ein Wunder». In Potsdam selbst gibt es inzwischen mehr und mehr Angebote, die eine religiöse Lebensführung ermöglichen, von der Chabad- Kindergruppe im Kindergarten «Märchenland » bis hin zu einem jüdischen Bestatter. Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion mussten neue Bedingungen für die neu gegründeten und wachsenden Gemeinden geschaffen werden. Eine Reaktion war 1999 die Gründung der ersten und bislang einzigen Ausbildungsstätte für Rabbiner in Deutschland - des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam. Mit der Ausbildung von Rabbinern für liberale Gemeinden sollen regelmäßige Seelsorge, Religionsunterricht und Gottesdienste in den Gemeinden gewährleistet werden. Zuvor kamen Rabbiner - oft aus den angelsächsischen Ländern und Israel - meist nur zu den Hohen Feiertagen nach Deutschland, ein kontinuierliches Gemeindeleben konnte sich daher abseits der besser ausgestatteten Großgemeinden nur schwer etablieren. Aber auch den russisch geprägten Jugendlichen sowie den weiblichen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft, die in ihrem Herkunftsland ein emanzipiertes berufliches Leben führten und die für sich keinen Platz im orthodox geprägten Gemeindeleben finden, soll auf diese Weise ein Zugang zur jüdischen Religionspraxis eröffnet werden. Dieses Vorhaben gestaltet sich manches Mal in den umliegenden Bundesländern leichter als in Potsdam selbst, wie Hartmut Bomhoff vom Abraham-Geiger-Kolleg berichtet. Während die Rabbinerstudenten - derzeit sind es sechzehn - im Rahmen ihrer praktischen Ausbildung in Gemeinden in ganz Deutschland geschickt werden, bestehe kaum Kontakt zur orthodox ausgerichteten Jüdischen Gemeinde vor Ort, die von Rabbiner Nachum Presman (Chabad Lubawitsch) betreut wird. Auch in das Potsdamer Synagogenbauprojekt ist das Kolleg nicht eingebunden. Es gebe in Potsdam aber eigene Pläne für das Abraham-Geiger- Kolleg. Dies zeigt, dass es nach wie vor nicht einfach ist, die verschiedenen Ausrichtungen jüdischen Lebens miteinander zu verknüpfen. Dabei bietet gerade die Potsdamer Landschaft mit der Jüdischen Gemeinde, dem Abraham- Geiger-Kolleg und dem seit 1992 bestehenden Moses-Mendelssohn-Zentrum für Europäisch- Jüdische Studien ein einzigartige Potential für eine vielfältige Zusammenarbeit, in der die Diskussion um die unterschiedlichen Positionen auch ihren Platz finden könnte. Der Veranstaltung ist es gelungen, nicht nur den unterschiedlichen Standpunkten einen Raum zu geben, sondern die Vertreter außerdem in ein gemeinsames Gespräch zu bringen. Hartmut Bomhoff beschloss den Abend mit dem Wunsch, dass das jüdische Leben in Potsdam einmal so gefestigt sei, dass man sich nicht allein um die Belange der eigenen Gemeinschaft, sondern ebenfalls um die Bedürfnisse Dritter kümmern könne - ein sozialer Auftrag, der in der jüdischen Tradition tief verankert sei. |