Wöchentliche Toralesungen

 

Foto: dpa

Der Priestersegen

Sidra Naso

Sonnabend, den 7. Juni 2008

den 4. Siwan 5768

Toralesung: Num 4:2 1-7:89

Haftara: Schoftim 13:2-25

«Und der Ewige redete zu Mosche also: Rede zu Aharon und seinen Söhnen und sprich: Also sollt ihr segnen die Kinder Israels, sprich zu ihnen: Es segne dich der Ewige und behüte dich; Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig; Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden! Und sie sollen meinen Namen legen auf die Kinder Israel, und ich werde sie segnen.» (Num 6:22-27)

Jedem Juden, der die Synagoge besucht, ist der Priestersegen vertraut, so vertraut, dass wir vielleicht dazu neigen, seinen wahren Inhalt und seine profunde Bedeutung zu schätzen vergessen. Die einfache Formulierung dieser Benediktionen haben viele unserer klassischen Kommentatoren in Erstaunen versetzt, so auch Isaak Arama: «Welchem Zweck dient die Vorschrift, dass diese Benediktionen vom Priester an das Volk gehen? Er, im Himmel oben, ist es, der segnet. Was wird erreicht oder hinzugefügt, wenn der Priester segnet oder nicht? Müssen sie Ihm assistieren?»

Tatsächlich wirft die Formulierung des Textes diese Frage auf. Der Segen wird durch eine Vorschrift eingeleitet, die sich an die Priester richtet: «Also sollt ihr segnen die Kinder Israel.» Er wird durch das göttliche Statement «und ich werde sie segnen» abgeschlossen. Eine einfache Lösung für das erwähnte Dilemma wäre es, das Objekt des letzten Satzes «und ich werde sie segnen» zu verstehen als bezöge es sich nicht auf ganz Israel, sondern auf die Priester, die Israel segnen. Dies bemerkt R. Ischmael im Talmud (Chullin 49a): «Bezüglich der Segnung Israels haben wir gelernt; aber bezüglich eines Segens für die Priester selbst haben wir nichts erfahren. Der Zusatz ‚und ich werde sie segnen' behebt diesen Mangel und bedeutet, dass die Priester Israel segnen und der Ewige, gepriesen sei Er, segnet die Priester.»

Die meisten Kommentatoren haben jedoch diese Interpretation nicht akzeptiert, darunter auch Raschbam. Er erklärt, dass den Priestern nicht geboten wurde, das Volk zu segnen wie einer den anderen segnet, sondern den göttlichen Segen auf es herab zu rufen. Gott versprach, auf ihr Gebet zu antworten, er werde Israel segnen und behüten. Die segnende Funktion der Priester wird im folgenden Zitat sogar noch mehr reduziert und jeder unabhängigen Bedeutung beraubt: «Woher wissen wir, dass Israel nicht sagen soll: Ihr Segen hängt von den Priestern ab? Und dass die Priester nicht sagen sollen: Wir sollen Israel segnen? Die Tora stellt fest: ‚Und ich werde sie segnen.'» (Midrasch Sifrei) «Man könnte denken, sie (die Priester) werden gesegnet, wenn sie Israel segnen. Wenn sie Israel nicht segnen, werden sie auch nicht gesegnet? Die Tora sagt: ‚Und ich werde sie segnen.' Ob sie wollen oder nicht, ‚ich werde sie segnen.' (Sifrei Zota) Diese Feststellungen unserer Weisen, die sorgfältig jeglichen Vorschlag magischer Wirksamkeit des Priestersegens vermeiden, geben uns keine klare Antwort auf die Frage des Hauses Israel: «Ewiger, Du gebietest den Priestern, uns zu segnen? Wir brauchen nur Deinen Segen.»

Die Frage erhebt sich: Warum brauchen wir überhaupt die Priester? Das Prinzip der menschlichen Zusammenarbeit mit Gott wird an verschiedenen Stellen gefunden. In Dtn 10:16 lesen wir: «Beschneidet nun die Vorhaut eures Herzens. », in Dtn 30:6: «Und der Ewige, dein Gott, wird beschneiden dein Herz.» Ähnlich lesen wir in Ezechiel 18, 31: «Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist», in Ezechiel 36, 26: «Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist.» Auf diese symbolische Zusammenarbeit zwischen Gott und Mensch bezieht sich der Talmud in Schabbat 89a: «Als Mosche hinaufstieg, fand er den Ewigen, gepriesen sei Er, wie er die Buchstaben der Tora mit Kronen schmückte. Der Ewige sagte: Mosche, ist es in deiner Stadt nicht üblich, nach dem Wohlergehen des anderen zu fragen? Mosche antwortete: Grüsst so ein Sklave seinen Herrn? Der Ewige erwiderte: Du hättest mir eine helfende Hand reichen sollen.»

 

«Und es geschah, wenn die Lade aufbrach ...»

Sidra Be‘cha‘aloteicha

Sonnabend, den 14. Juni 2008

den 11. Siwan 5768

Toralesung: Num 8:1-12:16

Haftara: Sacharja 2:14-4:7

«Und es geschah, wenn die Lade aufbrach, da sprach Mosche: Erhebe dich, Ewiger, dass sich zerstreuen deine Feinde und deine Hasser fliehen vor deinem Antlitz. Und wenn sie sich niederließ, sprach er: Kehre ein, Ewiger, bei den Myriaden der Haufen Israels. (Num10:35 - 36). In der Torarolle und im gedruckten Pentateuch werden diese beiden Verse durch ein spezielles Symbol in Form eines umgedrehten großen «Nun» eingeschlossen. Der Talmud schenkt dieser Kennzeichnung Aufmerksamkeit: «Unsere Rabbinen lehrten: ‚Und es geschah, wenn die Lade aufbrach, da sprach Mosche' - der Ewige, gepriesen sei Er, markierte diese Passage am Anfang und am Ende.» (Schabbat 115b) Was ist die Erklärung für diese Kennzeichnung und was bedeutet das umgedrehte «Nun»? Der Sifrei [halachische Midraschsammlungen] stellt fest: «Es wurde ober- und unterhalb mit Punkten markiert.»

Daraus kann geschlossen werden, dass die gesamte Passage ober- und unterhalb mit Punkten markiert war, d. h. von Anfang bis Ende, so wie einzelne Wörter in der Tora mit Punkten geschmückt sind. Diese Passage wurde mit Symbolen markiert, um auszudrücken, dass auf sie hingewiesen wird. Um das «Nun» (der erste Buchstabe und die Abkürzung des hebräischen Wortes «hinweisen») nicht irrtümlich für einen Buchstaben zu halten, wurde es umgedreht. Aber warum wird gerade diese Passage markiert? Wir zitieren hier die Erklärung von Rabbi Judah Hanasi, dem Redaktor der Mischna: «Weil es ein eigenes Buch darstellte.

Denn R. Shemuel bar Nachmani sagte im Namen von Rabbi Jochanan: ‚Die Weisheit hat ihr Haus erbaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen' (Sprüche 9:1) - dies sind die sieben Bücher des Pentateuch; gemäß wem? Gemäß Rabbi Judah Hanasi.» (Schabbat 116a)

Mit anderen Worten: diese Passage stellt ein eigenes Buch dar und teilt Bamidbar (Numeri) in drei Bücher. Das macht zusammen mit den anderen vier Büchern der Tora sieben. Aber es bleibt uns noch immer zu entdecken, warum ausgerechnet diese Stelle so besonders gekennzeichnet wurde. Sehen wir uns zuerst die beiden Verse an: Mosches Anrufung des Ewigen, sich zu erheben, wenn die Lade aufbricht und einzukehren, wenn sie sich niederlässt, erweckt den Eindruck, Mosche habe das Aufbrechen und Niederlassen der Lade bestimmt. Dem widerspricht jedoch das vorher Erwähnte, dass sie nur auf das Gebot des Ewigen vor ihnen herzog. Die Sifrei weisen auf diesen Punkt hin: «Da sprach Mosche: ‚erhebe dich Herr', und an anderer Stelle hießt es: ‚auf Befehl des Ewigen ließen sie sich nieder, auf Befehl des Ewigen brachen sie auf.' Wie können diese beiden Verse miteinander in Einklang gebracht werden? Womit kann dies verglichen werden? Mit einem König, der in Begleitung seines besten Freundes auf Reisen ging. Wenn er seine Reise aufnimmt, sagt er: ich breche nicht auf, bis es mein Freund befiehlt, wenn er anhält, sagt er: Ich werde nicht halten, bis mein Freund herbeikommt. Dies bringt diese Verse in Einklang: ‚Da sprach Mosche: erhebe dich Herr' und ‚Auf Befehl des Ewigen ...'.»

Dieser Midrasch illustriert anschaulich den höchsten Grad an Gemeinschaft und Nähe zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer und die vollständige Gleichheit des Zieles. Samson Raphael Hirsch bemerkt, Mosche Anruf «Erhebe dich» folge unmittelbar der vollendeten Tat, in Übereinstimmung mit dem von Rabban Gamaliel in Pirkei Awot ausgedrückten Prinzip: «Mache Seinen Willen deinen Willen.»

 

Hat Gott seine Meinung geändert?

Sidra Schlach Lecha

Sonnabend, den 21. Juni 2008

den 18. Siwan 5768

Toralesung: Num 13:1-15:41

Haftara: Joschua 2:1-24

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit dem Ende des Abschnittes über die Kundschafter, und zwar mit dem letzten Vers. Ihre Bestrafung wurde ihnen bereits erklärt und nun durch einen Eid bekräftigt: «So wahr ich lebe! ist der Ausspruch des Ewigen, wenn ich nicht, so wie ihr geredet habt vor meinen Ohren, euch tue. » (Num 14:28) Sie hatten gebettelt: «Wären wir doch in Ägypten gestorben, wären wir doch in der Wüste gestorben.» Daher: «In dieser Wüste sollen eure Leiber fallen und all eure Gemusterten nach eurer ganzen Zahl, vom zwanzigsten Jahre und darüber, die ihr wider mich gemurret habt. [...] (14:29) Und euere Söhne sollen umherziehen in der Wüste vierzig Jahre und euren Abfall tragen, bis eure Leiber dahin sind in der Wüste. Nach der Zahl der Tage, die ihr das Land ausgekundschaftet, vierzig Tage, je ein Tag auf ein Jahr, sollt ihr eure Schuld büssen vierzig Jahre, und ihr sollt meine Abwendung erfahren.» (14:33-34)

Die Bestrafung wurde unmittelbar erfahren, als die böse Gemeinde der zehn Kundschafter getötet wurde (14:37): «Diese Männer, die das üble Gerücht von dem Lande ausgebracht, starben durch eine Plage vor dem Ewigen.» Danach trauerte das Volk. Und am Morgen: «Und sie machten sich auf am Morgen, dass sie den Gipfel des Berges erstiegen, und sprachen: Hier sind wir, dass wir hinaufziehen an den Ort, von dem der Ewige gesprochen; denn wir haben gesündigt. » Die Reaktion darauf war: «Warum doch wollt ihr übertreten den Befehl des Ewigen? Es wird doch nicht gelingen! Ziehet nicht hinauf, denn der Ewige ist nicht in eurer Mitte, dass ihr nicht geschlagen werdet von euren Feinden. ... Doch sie trotzten, hinanzusteigen den Gipfel des Berges; aber die Bundeslade des Ewigen und Mosche wichen nicht aus des Lagers Mitte.»

Hier die Reaktion auf ihr Verhalten (14:45): «Da kamen der Amalekiter und der Kenaaniter herab, die auf demselben Berge wohnten, und schlugen und zersprengten sie bis gen Chormah.» Unsere Kommentatoren fanden dies rätselhaft. Arama formuliert seine Schwierigkeiten damit in seiner «Akedat Itzchak»: «Nachdem sie sich angemaßt hatten, auf den Gipfel des Berges zu steigen: warum bewegten sich Moses und die Lade nicht aus dem Lager und warum wurden ihnen die Tore der Reue verschlossen? Verletzt diese Geschichte nicht die goldene Regel, dass derjenige, der seine Sünden bereut und büßt, Gnade finden soll? War es nicht der Wunsch des Ewigen, sie sollten ihre Furcht überwinden, sie sollten sich nicht vor dem Volk des Landes fürchten und hinaufgehen und kämpfen? Wurde ihnen nicht geboten: ‚Zieh hin ... Sei nicht furchtsam und nicht bang' (Dtn 1:21)? Wurde nicht von ihnen erwartet, hinaufzusteigen? Oder hatte der Ewige seine Meinung geändert?»

Ein ähnliches Problem finden wir in den Botschaften der Propheten. So ruft Jesaja seinen Brüdern zu: «Hüte dich, bewahre die Ruhe und sei ohne Furcht! Dein Herz verzage nicht.» (Jesaja 7:4) Er forderte Widerstand vor dem Feind und versprach, die Rettung werde kommen. Als aber Jeremias seinen König aufsteigen und das Volk sich für die Rebellion begeistern sah, prophezeite er Katastrophe und Zerstörung, forderte unmittelbare Aufgabe und Annahme der Oberherrschaft des babylonischen Königs. Er wusste, dass das Volk nicht länger geläutert und auf den wahren Weg zurückgebracht werden konnte, außer durch brennende Leiden, die Zerstörung des Tempels und das Joch des Exils. Es war nicht mehr möglich «aufzubauen und zu pflanzen», ohne die Botschaft des «siehe, ich habe dich heute über die Völker und Königreiche gesetzt, auszurotten und niederzureißen, und zu verderben und zu zerstören» zu erfüllen (Jeremias 1:10). Das Aufbauwerk konnte vor dem Prozess der Zerstörung nicht erwogen werden.

 

Die Klagen der Rotte Korach

Sidra Korach

Sonnabend, den 28. Juni 2008

den 25. Siwan 5768

Toralesung: Num 16:1-18:32

Haftara: 1. Schemuel 11:14-12:22

«Und es vermass sich Korach, Sohn Jizhar, Sohn Kehat, Sohn Levi, und Datan und Abiram, Söhne Eliab und On, Sohn Pelet, Söhne Reubens, dass sie sich erhoben gegen Mosche und zweihundertundfünfzig Männer von den Kindern Israel, Fürsten von der Gemeinde, Berufene zur Versammlung, Männer von Namen. Und sie versammelten sich wider Mosche und Aaron und sprachen zu ihnen: ‚Zuviel für euch! Denn die ganze Gemeinde sind lauter Heilige, denn unter ihnen ist der Ewige, und warum erhebt ihr euch über die Versammlung des Ewigen?'» (16:1-3)

Wer waren diese 250 Männer, die sich an Korach, Datan und Abriam anschlossen, um gegen Mosche, der die Kinder Israel aus Ägypten herausführte, durch die Wüste, dem Propheten des Ewigen, der die Tora am Sinai empfangen hatte, zu rebellieren? Worüber beklagten sie sich? Nach Ibn Ezra enthielt diese Meutererbande alle Arten von Nörglern und Unzufriedenen. Dazu gehörten Leviten, die sich bei der Ernennung von Assistenten für die Priester übergangen fühlten, Reubeniten, die dachten, sie seien des Geburtsrechtes, das auf den Stamm Joseph überging, beraubt worden.

Nach Ibn Ezra hatten sie Josua (einen Ephraimiten) in Verdacht, seinen Einfluss zugunsten seines eigenen Stammes zu nutzen. Dann gab es die Erstgeborenen Israels, die sich übergangen fühlten, da ihnen das Privileg der Priesterschaft genommen und den Leviten, die das Goldene Kalb nicht angebetet hatten, gegeben worden war. Es ist leicht, die Flamme der Unzufriedenheit zu entfachen. Ein solcher Vorgang ist besonders leicht, wenn wir Nachmanides‘ Zeitplan für die Rebellion genau nach dem Zwischenfall mit den Kundschaftern akzeptieren: «Stellte jemand zu einem anderen Zeitpunkt Moses‘ Autorität in Frage, das Volk hätte ihn auf der Stelle gesteinigt, da es Moses glühend liebte und ihm gehorchte. Daher bezog sich Korach auf das hohe Amt Aarons, die Erstgeborenen auf die stolze Position der Leviten und alle auf Mosches Handlungen. Als sie in der Wüste Paran ankamen und in Taberah das Feuer gegen die Israeliten entbrannte (Num 11: 1-3) und sie in Kibrot Hataavah (33-34) starben, als sie mit den Kundschaftern sündigten, die Fürsten der Stämme von einer Seuche hinweggerafft wurden und das Volk dazu verurteilt war, in der Wüste zu sterben, da wurde es bitter und einige fingen an, an der Führerschaft Mosches zu zweifeln. Diesen Augenblick fand Korach geeignet, seine Meuterei zu beginnen. Und darauf bezog sich die Bedeutung seiner Worte an sie, in die Wüste gebracht worden zu sein, um getötet zu werden.»

Korach wollte diese schwelende Unzufriedenheit zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Aber die Tora teilt uns keine Details über sein Entfachen der Unzufriedenheit gegen Mosche mit. Dies rekonstruierten unsere Weisen für uns: «Selig der Mann, der nicht folgt dem Rate der Frevler, der nicht auf dem Wege der Sünder geht, noch sitzet in der Runde der Spötter.» (Ps 1:1) Der Midrasch (Schocher Tow) kommentiert diese Verse: «‚In der Runde der Spötter' - dies bezieht sich auf Korach, der Mosche und Aaron verspottete. Was tat Korach? Er versammelte die ganze Gemeinde, wie es heißt: ‚Und sie versammelten sich wider Mosche und Aaron.' Er fing an, Worte des Spottes zu reden: ‚In meiner Nachbarschaft gab es einst eine Witwe mit zwei vaterlosen Töchtern und einem Acker. Als sie ihn pflügen wollte, verbot ihr Moses, mit einem Ochsen und einem Esel zusammen zu pflügen' (Dtn 22:10). ‚Als sie säen wollte, verbot er ihr die Bestellung mit gemischten Saaten.' (Lev 19:19)» In diesem Auszug wird die Tora, die den Weg des Friedens geht, mit verzerrenden Brillen gesehen. Korachs Rede enthält die wohlbekannten Bestandteile der Demagogie, mit denen der Mob aufgestachelt wird. Zuerst einmal gibt es keine konstruktive Kritik des Gesetzes, keine vernünftige Argumentation, sondern nur eine Beschwerdegeschichte mit persönlichen Details, die zeigen soll, wie eine bestimmte Person unter der Strenge des Gesetzes leidet. Selbstverständlich ist die Hauptperson der Geschichte jemand, der Mitleid erregt: eine Witwe. Wessen Herz schmilzt nicht angesichts der Leiden einer Witwe? Zweitens erwähnt die Geschichte nicht, dass dieselbe von den grausamen Gesetzen der Tora unterdrückte und verletzte Witwe gemeinsam mit den Waisen und Fremden das Thema einer sehr speziellen und beschützenden Gesetzgebung ist: «Du sollst nicht pfänden das Kleid einer Witwe» (Dtn 24:17) und «Keine Witwe und Waise sollt ihr bedrücken» (Ex 22:21).

Nechama Leibowitz

«Jüdische Zeitung», Juni 2008