Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Unser Bund am SinaiSchawuot ist das Fest der Tora-Gabe
Auch das Wochenfest sollst du feiern zur Zeit der Erstlinge der Weizenernte», heißt es in Ex 34:22. Schawuot, das Wochenfest, ist wie Pessach und Sukkot eines der drei Wallfahrtsfeste im jüdischen Jahreskreis. Es fällt dieses Jahr auf den 9. und 10. Juni unseres bürgerlichen Kalenders. Schawuot war zunächst ein Erntedankfest, an dem die Bauern die Erstlingsfrüchte im Tempel darbrachten, und hat wie Pessach einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren. Die Tora stellt noch gar keinen Bezug zwischen Schawuot und der Offenbarung Gottes auf dem Berg Sinai dar. Dies geschieht erst im Talmud, wo von «seman matan toratenu», «die Zeit der Gabe unserer Tora» die Rede ist. Nun erinnert Schawuot zunächst an die Offenbarung der Zehn Gebote am Berg Sinai, weswegen für die Toralesung auch Ex 19-20 bestimmt worden ist; die Zehn Gebote werden dabei von der Gemeinde stehend vernommen. Der Tradition nach wurde die Tora im Jahr 2448 nach der Erschaffung der Welt gegeben. Zu Schawuot beendete das Volk Israel die Gerstenernte und begann mit der Ernte des Weizens; im Land Israel markiert der Monat Siwan das Ende des Frühlings und den Beginn des Sommers. Der Bedeutungswandel hat fünf verschiedene Bezeichnungen für das Fest mit sich gebracht: In der Tora heißt das Fest «chag haschawuot», «Wochenfest», und zwar nach den sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot: «Sieben Wochen sollst du dir abzählen; von da, wo man die Sichel an das Getreide legt, sollst du mit dem Zählen der Wochen beginnen. Und dann sollst du dem Ewigen, deinem Gotte, das Wochenfest feiern mit den freiwilligen Gaben, welche deine Hand je nach dem Segen zu spenden vermag, den der Ewige, dein Gott, dir verleiht.» (Dtn 16: 9-10). Die Tora nennt kein spezifisches Datum für Schawuot, da das Fest auf den 50. Tag des Omerzählens fällt (Lev 23:16), also immer auf den sechsten Siwan. Da den Kindern Israels zu Schawuot die Tora übergeben wurde, wird das Fest auch «chag matan tora», «Fest der Tora-Gabe» genannt. Die Rabbinen betonen, dass die Kinder Israels erst durch die Tora ein freies Volk wurden. Sie empfingen die Tora freiwillig und bewusst (Ex 24:7), und ohne die Annahme des «Jochs des himmlischen Königreichs» wäre die Befreiung aus der auch geistigen Knechtschaft zu Pessach nicht vollendet worden. Ein dritte Name ist «chag hakatzir », das «Fest der Ernte» nach Ex 23:16: «Ferner das Fest der Ernte, der Erstlinge des Ertrags deiner Aussaat, mit der du das Feld bestellt hast.» Die Gerstenernte beginnt zu Pessach und endet zu Schawuot, wenn die Weizenernte beginnt. Unmittelbar damit verbunden ist der vierte Name «chag bikkurim», das «Fest der ersten Früchte »: «Auch das Wochenfest sollst du feiern zur Zeit der Erstlinge der Weizenernte.» (Ex 34:22). So wie zu Pessach das Omer der neuen Gerste während des Festes «seiner ersten Ernte» geopfert wurde, so wurden zu Schawuot, dem Ende der Gerstenernte, einst die beiden Schaubrote dargebracht. Diese Opfer sind religiöse Pflichten, die nicht an den Einzelnen gebunden sind, sondern an die Öffentlichkeit. Heute ist es in Israel üblich, Erstlingsfrüchte, also Obst und Gemüse, an Arme zu verteilen. Die fünfte Bezeichnung für Schawuot ist schließlich «atzeret». Mischna und Talmud kennen Schawuot unter diesem Begriff als festliche Versammlung des Volkes in Erinnerung daran, dass die Pilger, die nach Jerusalem kamen, das Fest dort gemeinsam begingen. Schawuot ist der letzte Tag der Pessachperiode, so wie der Tag Schemini Atzeret das Laubhüttenfest im Herbst beschließt. Zu den drei Wallfahrtsfesten schreibt die Tora vor, nicht zu arbeiten und sich am Fest zu erfreuen. Die drei Tage vor Schawuot, also der 3., 4. und 5. Siwan, werden Tage der «hagbala», «Tage der Beschränkung», zur Heiligung und Vorbereitung auf den Empfang der Tora genannt: «Du aber bezeichne eine Grenze für das Volk.» (Ex 19:12). Es ist Brauch, in der Schawuotnacht wach zu bleiben und gemeinschaftlich Kapitel aus der Tora, der Mischna, der Gemara und dem Sohar zu lesen. Dieser Brauch der Lernnacht, «tikkun leil schawuot», hat seinen Ursprung in der Mischna, die erzählt, dass die Israeliten die Übergabe der Tora vernachlässigt hätten, weil sie in der Nacht zuvor schliefen und Moses sie mehrmals wecken musste. In aschkenasischen Gemeinden wird zu Schawuot vor der Toralesung die Akdamut («Vorbereitung ») als eine Art Eröffnung eingeschaltet, ein aramäisches liturgisches Gedicht aus dem 11. Jahrhundert, das dem Wormser Vorbeter Meir bar Jitzchak zugeschrieben wird. Es schildert die Verfolgung der Juden zur Zeit der Kreuzzüge und ihr Sterben zur Heiligung Gottes und ist so im Sinne von Schawuot Ausdruck von Israels Treue zur Tora. Sefardische Gemeinden bezeichnen den Schabbat vor Schawuot als Schabbat der Braut: Die Tora wird mit einer Braut verglichen, und das jüdische Volk ist der Bräutigam. Daher schufen die Dichter Hochzeitslieder und eine spezielle Version der Ketubba, des Ehevertrages, der in der Synagoge vorgelesen wird, wenn man die Tora aus dem Schrein herausnimmt, so wie bei Eheschließungen die Ketubba unter dem Hochzeitsbaldachin gelesen wird. Es ist Brauch, zu Schawuot Haushalt und Synagoge mit Blumen und grünen Pflanzen zu schmücken, denn die Aggada erzählt, dass der Berg Sinai bei der Übergabe der Tora plötzlich voller Blumen, Bäume und Gras gewesen sei. Die Pflanzen erinnern zudem an den Brauch, zur Zeit des Tempeldienstes die Erstlinge der «sieben Arten» (Gerste, Weizen, Trauben, Feigen, Granatapfel, Oliven, Datteln) als Erntedankopfer darzubringen. «Wir essen Milchiges an Schawuot, um die Gabe der Tora mit Demut zu feiern. Milchiges: das zeigt, dass wir uns als kleine Kinder sehen, die noch zu jung sind, um Fleisch zu essen», lautet ein Satz des Koretzer Rebben. Jeder Feiertag hat seine traditionellen Speisen, auch Schawuot. Es ist Brauch, milchige Speisen zu essen, da die Tora für jeden die Quelle des Lebens ist, wie die Milch für den Säugling. Ebenfalls üblich sind hohe Kuchen zur Erinnerung an die Übergabe der Tora am Sinai und Obst, vor allem von den „sieben Arten". Es gibt noch weitere volkstümliche Erklärungen für den Genuss milchiger Speisen: Als Mose aus dem Nil gezogen wurde (der Überlieferung nach am 6. Siwan, also zu Schawuot), wollte er nur von einer Hebräerin gestillt werden. In Erinnerung an die Verdienste von Mose als Vermittler zwischen Gott und dem Volk Israel werden deshalb milchige Speisen genossen. Bis zum Empfang der Tora war es den Kindern Israel erlaubt, sowohl Fleisch von unreinen Tieren als auch ungeschächtetes Fleisch zu essen. Von diesem Tag an mussten sie aber alle Speisegebote (die Kaschrut) einhalten, denn es heißt, dass in den Zehn Geboten auch alle 613 Ge- und Verbote der Tora enthalten sind. Die Speisegerätschaften waren damals aber noch nicht gekaschert, also noch nicht rituell rein, denn der Tradition nach fiel der Empfang der Tora auf einen Schabbat, an dem alle Arbeit einschließlich des Kascherns verboten war. Deshalb war das Volk Israel zu dieser Zeit gezwungen, nur Milchiges zu sich zu nehmen. In Num 28:26 heißt es schließlich «eine neue Gabe für Gott an eurem Schawuotfest ...». Fügt man die hebräischen Anfangsbuchstaben der einzelnen Worte zusammen, so ergibt sich daraus im Hebräischen «mechalav», «aus Milch». Der Zahlenwert des Wortes «chalav», «Milch» beträgt wiederum 40 und entspricht den 40 Tagen, die Mose auf dem Berg Sinai verbracht hat, um die Tora zu empfangen. Zu Schawuot wird die «Megillat Ruth» gelesen, das Buch Ruth, das sich auf das ursprüngliche bäuerliche Fest bezieht: es spielt zwischen der Gersten- und Weizenernte. Der Überlieferung nach starb König David zu Schawuot. Die Legende erzählt den Beginn der Dynastie Davids, denn Ruth war die Mutter von Davids Großvater. Daher ist es zu Schawuot auch Brauch, das Grab König Davids am Zionsberg in Jerusalem zu besuchen. Dass das Volk Israel die Tora zu Schawuot empfing und Ruth der biblischen Erzählung nach während der Erntezeit die jüdische Religion annahm, schafft eine weitere Verbindung. Israel erhielt 613 Mitzwot, die nichtjüdischen Völker erhielten nur sieben Gebote. Als Ruth zum Judentum übertrat, hielt sie zunächst diese sieben Mitzwot, um dann die zusätzlichen 606 Gebote auf sich zu nehmen. 606 ist wiederum der Zahlenwert für das Wort ««Ruth» gemäß der Gematria. Die Moabiterin Ruth, die sich aus Liebe zu ihrer Schwiegermutter Noemi dem Volk Israel und seiner Religion anschloss, gilt als Muster für Glaubenstreue, und Israel, das sich am Berg Sinai ebenfalls in freiwilliger Entscheidung zu Gott bekannt hat, soll sich Ruth immer wieder zum Vorbild nehmen. Während orthodoxe Juden davon ausgehen, dass die Tora am Sinai wortwörtlich übergeben wurde, haben liberale Juden ein anderes Verständnis vom Offenbarungsgeschehen und stehen damit in einer langen Tradition. So bezieht sich der im 14. Jahrhundert wirkende Rabbi Jom Tow ben Avraham Ischbilly aus Sevilla, «Ritba» genannt, in seinem Talmudkommentar auf Eruwin 13 b: «Als Mose auf die Höhe stieg, um die Tora in Empfang zu nehmen, wurden ihm im Zusammenhang mit einer jeden Sache 49 Gründe gezeigt, warum es erlaubt sein sollte und 49 Gründe, warum es verboten sein sollte. Als Mose den Heiligen - Gepriesen sei er! - um endgültige Entscheidungen bat, wurde ihm gesagt, dass derartige Entscheidungen den Weisen Israels in jeder einzelnen Generation vorbehalten seien und dass die Entscheidungen, die sie dann jeweils träfen, die gültigen Entscheidungen seien.» Dem Menschen wird also bei der Offenbarung des Willens Gottes ein hohes Maß an Mitwirkung gegeben. Der andauernde Prozess menschlicher Interpretation wird so zum stetigen Offenbarungsprozess, der weit über das Sinaigeschehen hinausgeht. Bisher verborgene Wahrheiten und Ansichten werden entdeckt und die alten Gebote ständig in neue Bezüge gesetzt. Damit verändert und wandelt sich das Judentum, so wie es zu jeder Zeit geschah: Es hat den Glauben der Erzväter mit der Gesetzgebung am Sinai in Einklang gebracht, mit dem Idealismus der Propheten, mit den praktischen Anliegen der Rabbinen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts feiern jüdische Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren in liberalen Gemeinden zu Schawuot als Alternative oder Ergänzung zur Bar und Bat Mitzwa auch Kabbalat Tora, den Tora- Empfang, als eine Art Konfirmation. |