Etikettenschwindel in Brüssel

CER weiht Europäische «Hauptsynagoge» ein

 

Für den 4. Juni lädt die Conference of European Rabbis (CER), die orthodoxe Rabbiner aus über 40 Staaten vertritt, zur Umwidmung der Brüsseler Synagoge La Regence zur «Großen Synagoge» von Europa ein. Bei dieser Zeremonie wird der orthodoxe Brüssler Oberrabbiner Albert Guigui amtieren; als Festredner sind der Präsident der Europäischen Kommission, Jose Manuel Barroso, und der Oberrabbiner der United Hebrew Congregations of the Commonwealth of United Kingdom Sir Jonathan Sacks, vorgesehen. Erwartet werden Rabbiner aus der ganzen Welt, das diplomatische Korps sowie Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft Belgiens. Der Präsident der Jüdischen Gemeinde Brüssels, Raymond Cahen, soll, wie die Jewish Telegraphic Agency meldet, das Einweihungsdokument zusammen mit Barroso unterzeichnen.

Angesichts der Tatsache, dass die Conference of European Rabbis nur einen Teil der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft Europas vertritt, keinesfalls aber konservative und liberale Gemeinden, werten Kritiker die Festveranstaltung als eine Art Etikettenschwindel. Traditionell ist jede Synagogengemeinde autonom, so wie auch jeder Rabbiner in seinen Entscheidungen unabhängig ist; offen bleibt auch, welcher Nussach für die so genannte Hauptsynagoge von Europa maßgeblich sein soll. Die Conference of European Rabbis wurde 1956 als Zusammenschluss von Oberrabbinern und Dayanim gegründet; ihr derzeitiger Präsident ist der orthodoxe Oberrabbiner von Frankreich, Joseph Sitruk. Die Conference of European Rabbis sieht sich in Brüssel zudem erheblicher Konkurrenz durch das RCE ausgesetzt, des rührigen Rabbinical Center of Europe. Diese Chabad-Organisation, die ebenfalls bei Brüssel ansässig, im Namen von Rabbinern in ganz Europa spricht und gut vernetzt ist, nimmt Namensverwechslungen offenbar gerne hin. Grund genug für die Conference of European Rabbis, sich auf ihrer Website ausdrücklich vom RCE zu distanzieren und ihren eigenen Anspruch zu bekräftigen: «Die Conference of European Rabbis bleibt die wesentliche Vertretung der europäischen jüdischen Gemeinden gegenüber den Regierungen, der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament.» Ein ähnliches Interesse dürfte aber auch das Rabbinical Center of Europe (RCE) haben, wie es etwa der Besuch seiner hochrangigen Delegation bei Präsident Barroso im Dezember 2005 deutlich gemacht hat.

2004 hatte das RCE bereits Barrosos Amtsvorgänger Prodi medienwirksam in Wien ausgezeichnet: zu der dreitägigen Rabbinerkonferenz, bei der Israels aschkenasischer Oberrabbiner Yona Metzger den österreichischen Bundespräsidenten segnete, hatte das RCE zusammen mit dem Jewish Welcome Service und der Ronald S. Lauder Foundation eingeladen.

JZ

«Jüdische Zeitung», Juni 2008