Buchcover

«Lipshitz»

von T Cooper

«Dieses Scheißbuch werde ich niemals fertig schreiben» steht am Ende von T Coopers zweitem Roman «Lipshitz», der in den USA wochenlang die New York Times Bestsellerliste anführte und in Deutschland seit der Veröffentlichung im September letzten Jahres immerhin schon in dritter Auflage lieferbar ist. Natürlich ist «Lipshitz» alles andere als ein Scheißbuch, sondern ein äußerst gelungener, origineller Familienroman, dessen traditionelle Erzählstruktur im letzten Drittel des Buches durch die Sprache des Hip-Hop und Elemente aus der Biographie der schillernden Persönlichkeit der Autorin auf sehr gekonnte Art und Weise aufgebrochen wird. Der Verlag lässt das Geschlecht der (lesbischen) Autorin (Jahrgang 1972) im Klappentext ausdrücklich offen, berichtet vielmehr, dass sie unter dem Namen T-Rok als Gründungsmitglied der Boyband «The Backdoor Boys» beispiellose Erfolge gefeiert habe. Tatsächlich war diese Playback-Band eher eine Art «Gender-Projekt», in dessen Rahmen vier Frauen mit angeklebten Bärten versuchten, Parallelen zwischen Popkultur und Schwulenbewegung herauszuarbeiten. Auch T Coopers Alter Ego im letzten Drittel der Romans ist sich seines Geschlechts nicht sicher: «er» tritt als Bar-Mitzwa-DJ und Eminem-Double auf, polemisiert wie sein Vorbild gegen «Schwuchtel», offenbart im Krankenhaus aber auch organisch unklare Geschlechtsverhältnisse. T Cooper gelingt es auf brillante und zum Brüllen komische Art und Weise, Geschlechterrollen in unserer modernen Gesellschaft zu karikieren und bloßzustellen. Man spürt dieses persönliche Anliegen der Autorin ebenso stark wie das gänzlich andere im ersten Teil des Romans, in dem sie eine lupenreine, klassisch erzählte jüdische Familienchronik von der Flucht vor russischen Pogromen Anfang des 20. Jahrhunderts bis ins Amerika der 1940er Jahre vorlegt. «Lipshitz» ist in gewissem Sinne die jüdische Version von Jeffrey Eugenides' großem Erfolg «Middlesex».  

Florian Hunger

 

«Lipshitz»
aus dem Amerikanischen
von Brigitte Jakobeit
marebuchverlag, 490 Seiten
24,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Februar 2007