«Gedenken ist Vollzug lebendiger Subjektivität»

Dieter Henrich erinnert an Leopold Lucas

 

Für 2008 hat die Eberhard-Karls-Universität Tübingen den Dr.-Leopold-Lucas-Preis von 40.000 auf 50.000 Euro aufgestockt. Die Evangelisch-Theologische Fakultät zeichnete am 27. Mai den Münchner emeritierten Professor für Philosophie Dieter Henrich aus. Sie würdigte damit sein wissenschaftliches Gesamtwerk und insbesondere seinen Beitrag zur systematisch-historischen Erschließung der Philosophie des Deutschen Idealismus.

Der Leopold-Lucas-Preis ehrt seit 1974 Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Erster Preisträger war der Journalist und Religionswissenschaftler Schalom Ben- Chorin. Später wurden Wissenschaftler wie Karl Rahner, Paul Ricoeur, Raimund Popper und Michael Walzer sowie politische Repräsentanten des Geistes und der Kultur wie Richard von Weizsäcker, Léopold Sédor Senghor und Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, ausgezeichnet.

Der Preis erinnert an den in Theresienstadt umgekommenen jüdischen Gelehrten und Rabbiner Leopold Lucas, der am 18. September 1872 in Marburg geboren wurde. Lucas entstammte einer seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Marburg ansässigen jüdischen Familie. Er studierte in Berlin Geschichte und jüdische Wissenschaft sowie, Philosophie und orientalische Sprachen. 1895 hatte er in Tübingen mit einer Dissertation über die «Geschichte der Stadt Tyrus zur Zeit der Kreuzzüge» zum Doktor der Philosophie promoviert. Im Jahre 1899 wurde er als Rabbiner nach Glogau berufen. Er diente dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinde vier Jahrzehnte lang als Lehrer, Prediger und Seelsorger.

Als Wissenschaftler fand Leopold Lucas sein besonderes Arbeitsgebiet in der Geschichte der Juden während der ersten christlichen Jahrhunderte. Lucas war 1902 Initiator der «Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums», deren Leitung er sich mit Martin Philippson teilte. Im Jahr 1940 folgte Lucas einem Ruf an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.

Am 17. Dezember 1942 wurde Leopold Lucas zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Auch hier wirkte er noch als Seelsorger seiner Leidensgenossen. Er erlag am 13. September 1943 den Strapazen des Konzentrationslagers. Seine Ehefrau Dorothea Lucas wurde im Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt und umgebracht.

Dieter Henrich antwortete am 24. Mai dem «Schwäbischen Tageblatt» anlässlich der Preisverleihung auf die Frage, was ihm das «Denken mit den Opfern» bedeute: «Wer ermordeter Menschen gedenkt, sollte dem, dessen er gedenkt, in dessen Leben mit seinem eigenen Leben zugewendet sein. Dazu gehört der Versuch, ihn in den Gedanken zu erreichen, die ihn in seinem Tod begleitet haben könnten - so schwer das immer auch sein mag. Es ist das gewiss viel schwerer als politische Bekenntnisse, die gegen die Täter gerichtet sind. Diese meine Meinung hat auch etwas mit meiner philosophischen Thematik zu tun: Gedenken ist ein Vollzug lebendiger Subjektivität; und er gilt einem verlorenen Leben, das der Gedenkende erreichen und von dem er so viel wie möglich bewahren, sich nahe kommen lassen und sich aneignen will.»

Der Wissenschaftler und Rabbiner Leopold Lucas steht für Henrich nicht nur als ein Mensch für die zahllosen anonymen Opfer des Nazismus: «Wir können viel von ihm wissen und sollten noch viel mehr über ihn wissen. Er war Teil einer wissenschaftlichen und theologischen Bewegung unter den deutschen Juden, die damals in der ganzen Welt als die bedeutendste wahrgenommen war. Er war Organisator der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft vom Judentum. Unter deren Veröffentlichungen war, um nur eines zu nennen, ein so bedeutendes philosophisches Buch wie Hermann Cohens „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Lucas' historische Forschungen galten der Verständigung über die Lage der Juden in Europa und waren von der Hoffnung auf eine Zukunft der Entfaltung in Freiheit gerade in Deutschland getragen. Im öffentlichen Wissen ist fast nichts von dieser intellektuellen jüdischen Bewegung bewahrt und damit von etwas, was gerade auch wir unwiederbringlich verloren haben und das wir als schmerzlich verloren kennen sollten. Das Gedenken an den Menschen, den Rabbiner, den Gelehrten Leopold Lucas sollte also immer die Stärkung der Erinnerung an seine Gedankenwelt einschließen.»

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Juni 2008