Müdes Land

Das Werk des amerikanisch-israelischen Fotografen Judah Passow

 

Palästinensiche Frau vor einem Laden in Hebron. Israelische Soldaten haben an der Tür den Davidstern angebracht, um EIgentumsansprüche anzumelden Foto:Judah Passow, Copyright: Photo- und Presseagentur FOCUS

Der amerikanisch-israelische Fotograf Judah Passow ist kein pessimistischer Mann. Auf den Titel seiner Ausstellung «Shattered Dreams» Zerbrochene Träume angesprochen, wehrt er sofort ab: Als Mahnung an die Fehler der Vergangenheit und Erinnerung an ihre Folgen in der Gegenwart will Passow seine Fotografien und den Ausstellungstitel verstanden wissen, nicht als Projektion in die Zukunft.

«Es dauert noch eine Generation», sagt er ganz ohne jenen Eifer, der so oft bei diesem Thema in der Stimme mitvibriert, «dann wird Frieden in Israel sein. Die MTV-Generation auf beiden Seiten ist müde. Sie wollen ein Auto, ein Haus, eine gute Ausbildung für ihre Kinder und nicht immer wieder zum Dienst eingezogen werden.»

Passow hat in seiner Ausstellung prägnante Bilder für diesen Erschöpfungszustand gefunden: Ein vereinzelter Soldat, der sich, mit vornüber hängendem Kopf, auf der Heimfahrt vom Vier-Tage-Dienst in Gaza befindet, ein in sich zusammengesunkener Siedler am Straßenrand, ein wartender, ins Leere starrender Palästinenser am Grenzübergang - alle scheinen sie in erschöpfter Starre begriffen. «Israel macht den Menschen müde», heißt es auch in dem unter dem Titel «Beaufort» verfilmten Buch «Wenn es ein Paradies gibt» des jungen israelischen Autors Ron Leshem, das mehrfach ausgezeichnet jüngst auch auf Deutsch erschienen ist.

In der kleinen hellen Galerie des Café Leonar im Hamburger Grindelviertel möchte man der Friedenshoffnung Passows fast Glauben schenken. Passow schwärmt von Sonia Simmenauer, die mit Elan das Café und seine Ausstellung ermöglicht hat - kurz nach der Eröffnung funkelt das Café noch immer vor Optimismus und ist von frühlingshafter Betriebsamkeit.

Und doch ziehen die knapp 60 Schwarz-Weiß- Fotografien der Ausstellung den Betrachter augenblicklich hinein in die Geschehnisse jenes Stückchens Erde, das Palästinenser wie Israelis in Wut und Verzweiflung getrieben hat. Eindrücklich erzählen sie die Geschichte, die der heutigen Erschöpfung vorausgegangen ist. Passow interessiert dabei vor allem das menschliche Gesicht in seiner emotionalen Ausdruckskraft. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Portraits von israelischen und palästinensischen Kindern von Soldaten und israelischen Politikern. Passow, der in Israel aufgewachsen ist, heute in London lebt und im Auftrag großer Presseagenturen unter anderem über Israel, die Westbank, Gaza, aber auch den Libanon berichtet, begann mit ihnen in der Zeit der ersten Intifada in den 80er Jahren und setzte sie während des Libanonkrieges bis hin zur Auflösung der jüdischen Siedlungen in Gaza 2005 fort. Für seine Arbeit wurde er mehrfach mit dem World Press Award ausgezeichnet.

Passows Bilder sind eine Variation über die Bedrohung; gewaltsame Konfrontation wird in ihnen bildlich verdichtet. Die Konfliktpole rücken perspektivisch beunruhigend dicht aufeinander zu. Israelische Nationalsymbole, die bei Passow vor allem für aggressive Besitzansprüche zu stehen scheinen, drohen wie Damoklesschwerter über palästinensischen Köpfen. Immer wieder zeigt er offene Gewehrmündungen und davor eine Gruppe wartender Männer oder ein spielendes Kind. Die Opfer erhalten stets ein Gesicht, während die Waffenträger meist nicht zu sehen sind. Die Opfer, das sind bei Passow oft Kinder, aufgewachsen in einer Zone des Konflikts, darin eingeengt, wie das Mädchen, das sich an der Grenzmauer in Abu Dis durch eine Lücke zwängt. Einer Kindheit beraubt, wie der Junge, der in Jenin mit der Waffe sein Zuhause verteidigt. Es sind sehr erwachsen Blicke, die die Kinder aus Passows Bildern dem Betrachter zuwerfen.

Die Bildsprache Passows beschwört, nicht nur im Falle des bereits erwähnten erschöpften Soldaten, eine Sinnbildlichkeit, die stets vom Situativen ins Metaphorische zu verweisen scheint. Und sie entwirft kraftvolle Thesen. Diese Fotos wollen immer auch Zustandsbeschreibung eines Landes sein. Gleichzeitig lässt die Inszenierung starker Kontraste und Perspektiven dem Betrachter wenig Interpretationsspielraum, weil der das Auge nicht schweifen lassen kann, sondern sich in eine vorgegebene Sehordnung fügen muss, in der Täter- und Opferrollen klar zugewiesen werden, manchmal vielleicht auch allzu klar.

Bilder eines zivilen, säkularen, nicht-militärischen Lebens, eines Alltags in den Straßen Tel Avivs, sind bei Passow selten, und wenn dann eher als Kuriosum oder exotisch in Szene gesetzt. Überhaupt wirken die Bilder der Soldaten, Orthodoxen, verzweifelten Mütter, also der allzu bekannten Protagonisten, mehr für das europäische Auge gemacht. Sie drohen, Israel auf „den Konflikt" zu reduzieren.

Die Schönheit, die mit der technischen Perfektion und der ausgefeilten Kompositionskunst Passows einhergeht, zeugt auch von der Unersättlichkeit des fotografischen Auges, das stets fasziniert ist von der heftigen Emotionalität des Konflikts und das starke Schwarz-Weiß-Kontraste liebt. Die amerikanische Kunsttheoretikern Susan Sontag hat das Sehen mit der Kamera als intensiv und zugleich kühl, engagiert und zugleich fasziniert von der Disharmonie bezeichnet. Zugleich engagiert und kühl in der technischen Perfektion, magisch angezogen vom Konflikt, so möchte man die Fotos Passows charakterisieren. Er selbst bezeichnet seine Fotografien als Aufforderungen, als ein „Sieh hin!" Zwar glaubt Passow nicht daran, dass seine Bilder die politische Situation in Israel verändern können. Aber ein Wunsch bleibt doch. Er würde sich freuen, wenn jemand aus seiner Ausstellung kommt und befindet: «Ich hatte keine Ahnung, dass es so aussieht».

Sonja Galler

«Jüdische Zeitung», Juni 2008