Lasst uns mit Geschichte und Zukunft spielen

Im Herzen Deutschlands entsteht ein jüdischer Staat

 

Vorbote des jüdischen Staats? Ein israelischer Militärjeep vor dem Deutschen Nationaltheater. Foto:Medinat Weimar

Ich bin ein jüdischer Nationalist», sagt Ronen Eidelman voller Überzeugung. Das Bekenntnis kommt ihm leicht über die Lippen, denn der jüdische Staat ist für ihn logische Folge der Geschichte, Notwendigkeit der Gegenwart und Garantie für die Zukunft jüdischen Lebens zugleich. Deswegen setzt der 36-jährige Israeli alles daran, dass ein solcher Staat möglichst bald ausgerufen wird. Wir schreiben das Jahr 2008, der Versuch, den ersten jüdischen Staat der Neuzeit zu etablieren, ist bekanntlich bereits 60 Jahre alt. Wir befinden uns aber auch nicht in Palästina, sondern in Thüringen, der «Mitte Deutschlands», wie sich das Bundesland zwischen Wartburg, Harz und Thüringer Wald gern selbst bezeichnet. Ronen Eidelman sitzt im Studentencafé der Bauhaus-Universität in Weimar und spricht über seine Ideen. In den letzten Wochen hat er so intensiv darüber nachgedacht, dass er fast ohne Unterbrechung redet, von einem Punkt zum nächsten springt, Enthusiasmus funkelt in seinen Augen. Natürlich sprechen wir hier über ein Kunstprojekt, ein hoch subversives und politisches allerdings. Für den Künstler und inzwischen auch viele, die davon erfahren haben, ist es daher längst viel mehr geworden. «Der einzige Ort, an dem das Projekt wirklich existiert, ist mein Kopf» gibt Eidelman selbst zu bedenken. Und das Internet, ließe sich hinzufügen. Denn hier hat sich die Kunde von seiner Idee längst verbreitet, und hier wird auch heftig diskutiert. Auf hebräischen Sites anders als auf englischen. Auch einige Juden aus Rumänien diskutierten seine Vorschläge, wie der Künstler erfreut festgestellt hat. Er bedauert allerdings, dass er nicht versteht, was sie dazu sagen.

...dahinter verbergen sich - reichlich harmlos - nur ein Einkaufswagen und Ronen Eidelman. Foto: Medinat Wimar

Ronen Eidelman versteht sich nicht als Politiker, schon gar nicht als Anführer einer politischen Bewegung. Seine Aufgabe sieht er darin, eine Diskussion zu eröffnen, Vorschläge zu liefern, vor allem aber geht es ihm um einen Raum für gedankliche Möglichkeiten. Als Ausgangspunkt für sein Projekt dient ihm ein aus jüdischer Sicht höchst provokanter Ideengeber: Der iranische Präsidenten Mahmud Achmadinedschad. Im Dezember 2005 hatte dieser geäußert, wenn Deutschland und Österreich schon den Holocaust verursacht hätten, dann solle der jüdische Staat doch bitte auch irgendwo auf deren Staatsgebiet, und nicht auf dem Land unbeteiligter Araber errichtet werden. Zuerst dachte Ronen Eidelman deshalb an Bayern bei der Suche nach einem geeigneten Territorium. Denn ein Bayer ist für ihn nach wie vor Ausdruck des «typischen Deutschen» zwischen Geschichtsrevisionismus, viel Geld und starkem Nationalbewusstsein. Doch dann entwickelte er das Projekt weiter und aus der Idee des Ausgleichs für deutsche Verbrechen erwuchs der Gedanke einer zweifachen Fundierung des neuen Staats: Nicht nur Bestrafung, auch Belohnung soll der jüdische Staat für Deutschland sein. Und so kam Eidelman auf Thüringen. In wenigen Jahren wird der Freistaat völlig überaltert sein, es werden kaum noch junge Menschen hier leben, untermauert er mit offiziellen Statistiken seine Pläne. Es gebe also zwei Möglichkeiten für das bisherige Bundesland, erklärt er. Entweder man fördere gezielt eine Steigerung der Geburtenrate, was in wirtschaftlich schweren Zeiten jedoch dem deutschen Sicherheitsdenken widerspreche - oder eben die gezielte Zuwanderung. Und warum, fragte sich Eidelman, sollte diese angesichts der deutschen Geschichte keine jüdische sein? Zumal er die nibelungentreue Haltung der deutschen Politik gegenüber Israel für wenig differenziert hält, andererseits im Volksmund ebenso eine oft allzu schnelle Gleichsetzung von «Israel» mit «den Juden» ausmacht. Den Vertretern solcher Auffassungen, ebenso wie dem in anderen Kreisen der Bevölkerung existierenden Philosemitismus, der sich allzu oft allein auf «tote Juden» beziehe, möchte Eidelman deshalb lebende Juden entgegensetzen. Die deutsche Politik möchte er vor die Situation gestellt wissen, Fürsprecher einer nun unter jüdischer Führung stehenden Bevölkerung zu sein. Dabei soll der entstehende Staat beileibe ein liberaler sein: Im Prinzip kann jeder mitmachen. Ausschlaggebend ist allein die Entscheidung für eine gemeinsame Zukunft.

Geboren wurde Ronen Eidelman in New York. Ende der 1970er Jahre - er selbst war gerade einmal sieben Jahre alt - zogen seine Eltern nach Israel. In Jerusalem besuchte er die Schule, danach leistete er seinen Militärdienst ab, ging nach Tel Aviv zum Studium. Jaffa ist bis heute sein geografischer Bezugspunkt. Im Oktober 2006 kam er an die Bauhaus-Universität nach Weimar, um einen Abschluss im Studiengang «Kunst im öffentlichen Raum» zu machen. Zu diesem Zeitpunkt habe er noch das Weltbild der meisten Israelis verinnerlicht gehabt, das vorwiegend vom Holocaust und der Auffassung, dass die Diaspora ein Übel sei, geprägt war. Israel sei die einzig legitime Antwort auf die Paradigmen dieses Weltbilds. «Lasst uns mit der Geschichte, aber auch mit der Zukunft spielen», war der Ausdruck seines langsam aufkeimenden Unwohlseins angesichts solcher Überzeugungen, die ihm allmählich schlicht zu einfach gestrickt erschienen. Weimar schien ihm der geeignete Ort. In der Stadt Schillers und Goethes sei ein derart humanistisches Projekt bestens beheimatet, mit der Geburt der ersten deutschen Demokratie und dem KZ in Buchenwald seien positive wie negative Eckpfeiler deutscher Geschichte vorgegeben. Natürlich habe hier auch Friedrich Nietzsche durchaus merkwürdige Ideen geboren, die später so mancher Nationalsozialist bestens als argumentative Grundlage habe nutzen können. Aber, so gibt der kleingewachsene Mann mit Vollbart verschmitzt zu bedenken, dass gerade hier in Weimar auch der eine oder andere Jude dem Irrationalismus den Treueid geleistet hat.

«Medinat Weimar» soll dabei kein Ersatz für Israel sein. Vielmehr sieht Eidelman in dem Projekt eine gedankliche Alternative zu seinem Heimatland, auch wenn er dieses gegenwärtig mit gravierenden Problemen konfrontiert sieht. Dabei meint er weniger die äußeren Feinde des Landes, deren Existenz er keinesfalls in Abrede stellt, als vielmehr innere Probleme, wie zunehmende religiöse Intoleranz, wie sie sich jüngst etwa in Bücherverbrennungen geäußert habe. Oder die beunruhigend erstarkende Siedlerbewegung sowie die ausufernde Form von Hyperkapitalismus, die das Land ergriffen habe. Dennoch soll «Medinat Weimar» keine Konkurrenz zu Israel darstellen, eher einen «starken Ort der Diaspora», einen Ort in einer globalisierten Welt. Heute stelle sich mehr denn je die Frage nach nationaler Identität, gemeinsamer Geschichte und gemeinsamer Zukunft. Deshalb ist das gesamte Projekt für den Künstler vor allem ein Ort, an dem Räume für Fragen nach Erfahrung, Kultur und Sprache aufgemacht werden.

Es verwundert wohl kaum, dass ein nach vielen Seiten ebenso offenes wie provozierendes Projekt auch auf Gegenstimmen stößt. Die Vertreter der jüdischen Landesgemeinde Thüringens, die ernst zu nehmen Eidelman ohnehin sichtlich schwer fällt, hätten ihm gesagt, dass spätestens in zehn Jahren sowieso die NPD die Macht im Lande übernommen hätte. Für den jungen Künstler scheinen die Gemeinden also kaum der geeignete Ansprechpartner.

Weitaus heftiger noch fiel die Auseinandersetzung mit der Universitätsleitung aus. Obzwar diese den Studiengang und mögliche politische Kunst in vollem Umfang unterstütze, so heißt es in einem Schreiben an Eidelman, könne sie in diesem Fall eine Ausstellung des Kunstwerks im Rahmen der Universitäts-Galerie im Neuen Museum nicht befürworten. Eidelman hatte geplant, das Organisationsbüro im Museum zu installieren. Es bestehe die Gefahr, dass die «Unterstützer der politischen Bewegung zur Gründung eines jüdischen Staates in Thüringen/ Weimar wahrgenommen werden. Das ist nicht möglich».

Weiter heißt es: «Die Hochschulleitung hinterfragte zudem die Wahrnehmung des Projektes bzw. der Hochschule in dem Projekt durch Dritte (Besucher, Presse, jüdische Gemeinden, Staat Israel, Palästinenser, andere arabische Besucher, Neonazis etc.).» Nicht jeder sei in der Lage, das Projekt als Kunst zu identifizieren, wird die bemerkenswerte Aufzählung weiterhin kommentiert. Um sich aus der Grauzone verfassungswidriger Sektiererei zu begeben, musste Eidelman sein Projekt dahingehend ändern, nur von einer «Rückkehr» der Juden nach Thüringen zu reden. Zwar bezieht der Künstler die ehemals reiche jüdische Tradition des Landes durchaus in sein Projekt mit ein, der Kern seiner Idee wird jedoch damit nicht getroffen.

Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. Yasmin aus Jerusalem und ihr Mann Osama aus Ramallah etwa, die weder in Israel noch den Palästinensischen Autonomiegebieten leben können und deshalb heute «unter Fremden» in Berlin leben, haben bereits die Hoffnungen, die sie an «Medinat Weimar» knüpfen, an Ronen Eidelman gesandt. Auch ein Holocaustüberlebender, der aus Breslau stammt und heute in Montreal lebt, hat ihm geschrieben, dass er das Projekt, sollte es kein dummer Scherz sein, sehr begrüßt.

Insofern ist «Medinat Weimar» bereits dabei, vom rein imaginären Raum zu einem realen jüdischen Ort der Hoffnung zu werden. Auch ein Symbol hat der neue Staat bereits: Eine weiße Fahne.

Moritz Reininghaus

 

Am 22. Juni veranstaltet «Medinat Weimar» eine öffentliche Versammlung, zu der Menschen aller Nationalitäten eingeladen sind:

www.medinatweimar.org.

 

 

«Jüdische Zeitung», Juni 2008