«Mein erster Krieg»

von Yiftach Ashkenazy

Buchcover

Die unterschiedlichsten Orte und Gegenstände sind in der Vergangenheit schon zum integrativen Objekt einer Romanhandlung gemacht worden, vom unscheinbaren Hotelzimmer über ein vermeintlich unsinkbares Kreuzfahrtschiff bis zur Stradivari-Violine. In Yiftach Ashkenazys Erzählung «Bett Nummer sechs», die fast drei Viertel seines neuen, zweiten Erzählungsbandes nach «Die Geschichte vom Tod meiner Stadt» (2007) einnimmt, ist es ein Bett auf der Intensivstation des Krankenhauses von Haifa, um das herum der junge neue Star der israelischen Literaturszene seine Handlung gruppiert. Erneut erweist sich Ashkenazy als höchst eigenständiger Schriftsteller, dem es scheinbar mühelos gelingt, einen schonungslos harten und offenen Blick auf die Realität seines Landes mit einem geradezu inniglich zu nennenden Ansatz von allumfassendem Mitgefühl zu versöhnen, der die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strömungen Israels mit einschließt. Das Bett eines Sterbenden muss zwangsläufig Ort einer letzten und äußersten, umso verzweifelteren, wahrhaftigen Lebensäußerung des betreffenden Menschen sein, Ort aber auch, um herauszuarbeiten, was der Todgeweihte seinen Freunden und Angehörigen bedeutet, welchen Platz er im Leben eingenommen hat. Wir lernen die Familie und Anhängerschaft eines hochbetagten chassidischen Gelehrten kennen, die sich das Wartezimmer einträchtig mit einer palästinensischen Großfamilie teilen, die Nöte einer Schwangeren, deren erstes Kind unheilbar an Leukämie erkrankt ist, Opfer von Selbstmordanschlägen und einen verwundeten Soldaten - ein mit vielen inhaltlichen Querverweisen ausgestattetes Panorama der aktuellen israelischen Lebenswirklichkeit, das den Leser tief bewegt und erschüttert, mitunter auch völlig schockiert zurücklässt. Wenn man Yiftach Ashkenazys zweites Buch als weitere gelungene Fingerübung verstehen möchte, darf man sich schon jetzt auf seinen ersten echten Roman freuen.

 

«Mein erster Krieg», aus dem Hebräischen von Barbara Linner, erschienen bei Luchterhand, 176 Seiten, 7 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juni 2008