Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ende der Eiszeit ? –oder: ein Besuch im syrischen SperrgebietSyrien und Israel verhandeln über einen Frieden: wichtigster Punkt ist die Rückgabe des Golan
Kuneitra. Wie ein in die Jahre gekommener Kiosk sieht das Häuschen in einer unscheinbaren Seitenstraße des Damaszener Diplomatenviertels Malki aus, wo es die begehrten Stempel gibt. Für ein paar Lira und eine Stunde Wartezeit bekommen Angehörige westlicher Länder mit einem gültigen Visum für Syrien im Pass und sehr viel gutem Willen seitens des Dienst habenden Beamten einen Passierschein, der zum Besuch des Sperrgebiets am Fuße der Golan- Höhen berechtigt. Peter traut seinen Augen nicht, als er das Papier in den Händen hält. Mit allem hat der amerikanische Journalist gerechnet, nur nicht damit, dass er tatsächlich an die Frontlinie herangelassen wird, die vor über 40 Jahren zwischen Syrien und Israel entstand. Seitdem US-Präsident George Bush Syrien als Schurkenstaat bezeichnete, Sanktionen gegen das Land verhängte und Israel als «strammen Verbündeten » der USA bezeichnete, sind die syrischen Behörden gegenüber westlichen Einreisewilligen äußerst launisch. Noch immer herrscht offiziell Krieg zwischen Syrien und Israel. Diverse Verhandlungsrunden wurden in der Vergangenheit immer wieder abgebrochen. Man konnte sich nicht auf die Rückgabe des Golan einigen. Doch das macht die Regierung in Damaskus zur Bedingung, wenn Frieden herrschen soll zwischen beiden Ländern. Seit geraumer Zeit aber ist Bewegung in die lange erstarrten Beziehungen geraten. Nach acht Jahren Eiszeit wird jetzt wieder verhandelt. Die Straße führt 70 Kilometer von Damaskus nach Südwesten, durch Siedlungen mit Olivenhainen und Schafherden. Am Horizont erhebt sich die gelblich-braune Kulisse des Hermon-Massivs, dessen höchste Erhebung 2.600 Meter aufweist. «In diesen Dörfern wohnen sie», erklärt Taxifahrer Mohammed, «alles Araber und Drusen, die von der anderen Seite hierher gekommen sind». Fast 200.000 sollen es sein. Abu Khalil ist einer von ihnen. Mit seiner Frau und den Kindern bewohnt er ein kleines Haus in Khan Arnaba, das von einem unbedeutenden Dorf zu einer Kleinstadt angewachsen ist und unmittelbar am Sperrbezirk liegt. Mit einem winzigen Tante-Emma-Laden hält sich die Familie über Wasser. «Unsere Ländereien, unsere Olivenbäume und das große Haus liegen drüben», erzählt Abu Khalil und bittet die Besucher, sich auf den am Boden liegenden Teppichen niederzulassen. Sein Bruder sei noch dort drüben. Er habe ihn seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Verwandtenbesuche sind nach wie vor nicht erlaubt. Früher fuhr der 68-jährige Druse manchmal zum Sperrzaun nach Hadar, um mit dem Megaphon auf die israelische Seite seinem Bruder eine Nachricht zuzuschreien. Doch im Zeitalter des Internets ist dies nicht mehr nötig. Sie schreiben sich jetzt EMails. Lediglich ein Mal im Jahr öffnet sich die einzige Tür im Zaun für ein paar Stunden. Tränenreich werden Frauen in weißen Hochzeitskleidern von Israel nach Syrien geschleust, die dorthin versprochen worden sind und heiraten sollen. «Es ist dann ein Abschied für immer», kommentiert Abu Khalil die tragischen Szenen, «zurück können sie nicht mehr». Israel nennt ihn Sechs-Tage-Krieg, die Araber «die Niederlage». Vom 5. bis zum 10. Juni 1967 hat er die geopolitische Landkarte im Nahen Osten völlig verändert: Israels Staatsgebiet ist um das Dreifache gewachsen. Seitdem sind Ost-Jerusalem, der Gazastreifen, Teile des Westjordanlandes und die Golan-Höhen israelisch besetzt. Mit einem Präventivschlag hat das israelische Militär die Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens vernichtend geschlagen. Im so genannten «Yom-Kippur-Krieg» im Oktober 1973 konnten syrische Truppen Teile der Golan-Höhen zurückerobern. Aus den in einem Entflechtungsabkommen fest geschriebenen Rückgewinnen machte Syriens Propaganda einen «Sieg über den Zionismus». Doch der Großteil des Golan blieb in israelischer Hand. Es ist einsam geworden um Hajji Ziad am Fuße des Golan. Als einziger wohnt der 75-jährige noch in Kuneitra. Durch völlig verwüstete Straßen geht er freudig im dunkelblauen Trainingsanzug auf die Besucher zu. Aus seiner Heimatstadt, die früher einmal die «Blume des Golan» genannt wurde, ist nur ein einziges Trümmerfeld übrig geblieben. Als Symbol sinnloser Zerstörung will die syrische Regierung Kuneitra so lange unangetastet lassen, bis der Golan wieder vollständig an Syrien zurückgegeben sei. Dabei war es gar nicht der Sechs-Tage-Krieg, der die «Blume» hat sterben lassen. Ohne größeren Widerstand konnten israelische Soldaten die Stadt am 10. Juni 1967 im Handstreich erobern und zu ihrer Frontgarnison deklarieren. 50.000 orthodoxe Christen, Muslime, Drusen und Tscherkessen, die Einwohner Kuneitras, flohen ins Landesinnere. Einige wenige Familien blieben. Dann im Oktoberkrieg, sechs Jahre später, wurde die fast entvölkerte Stadt zum Schlüsselproblem zwischen Israel und Syrien. Seitdem liegt Kuneitra in der von Uno-Friedenstruppen kontrollierten, entmilitarisierten Pufferzone, untersteht aber formell syrischer Zivilverwaltung. Zwischen den Ruinen blüht jetzt wilder Jasmin, streunen verwilderte Hunde: Kuneitra ist zur Geisterstadt geworden. Hajji Ziads Kinder leben in Damaskus, aber er will nicht aus Kuneitra weg. «Sagen Sie ihrem Präsidenten, er soll sich das hier mal anschauen», gibt der kleine Syrer dem Amerikaner mit auf den Weg. «Vielleicht hat er dann auch für uns etwas übrig und nicht immer nur für die Israelis.» Peter nickt. Syriens Regierung hat in den letzten Monaten immer wieder seinen Willen bekundet, endlich zu einer Lösung der Golan-Frage zu gelangen. Als Vermittler bemüht sich die türkische Regierung. Schon im April ließ Premierminister Erdogan verlauten, Beamte aus Ankara würde Botschaften von Damaskus nach Jerusalem und zurück überbringen. «Wir wollen Land für Frieden», sagt Sulyeman Haddad, im Einklang mit der Deklaration des Gipfels der Arabischen Liga vom März in Damaskus. Demnach soll Israel alle besetzten Gebiete zurückgeben und wird im Gegenzug von den arabischen Staaten diplomatisch anerkannt. Haddad glaubt, dass mit der Lösung dieser Frage auch das Problem des Extremismus in der Region erledigt sein werde. Der hoch gewachsene Syrer im eleganten schwarzen Anzug war von 1987 an zehn Jahre lang Botschafter seines Landes in der Bundesrepublik Deutschland. Syrien gebe derzeit fast 70 Prozent seines Haushalts für die Rüstung aus und dies, obwohl die Armee aus dem Libanon abgezogen sei. «Der Preis ist Israel», begründet Haddad, «und das wollen wir nicht mehr». Am Rande der Konferenz für Mittelmeeranrainerstaaten unter französischer EU-Ratspräsidentschaft, die in diesem Monat in Paris stattfinden wird, wollen sich erstmals Israels Premier Ehud Olmert und Syriens Präsident Bashar al-Assad zu einem Tete à Tete Gespräch treffen. Vielleicht ist das das Ende der Eiszeit. |