Palmas jüdisches Erbe

Das andere Mallorca: Die Geschichte der Xuetes

 

Denkmal für den Kartografen Jafuda Cresques in Palma. Foto: H. Bomhoff

Ja, es ist ein ganz anderes Gefühl, auf Mallorca zu sein, wenn man um die jüdische Geschichte dort weiß», sagt Noa Lerner. «Ich hatte einmal das Erlebnis, im tiefsten Hinterland in der Nacht die Tür zu unserer gemieteten Finca zu öffnen, in die Küche zu stolpern und lauter Kacheln mit dem Magen David als Schmuck vorzufinden.» Tatsächlich finden sich bei einem Mallorca-Urlaub auch außerhalb Palmas auf den zweiten Blick überall jüdische Spuren. Zum Beispiel im Südosten der Insel bei Felanitx: der Nachbar des Feriendomizils erweist sich als der Künstler Ferrán Aguiló, der sich zusammen mit anderen Nachfahren der 1435 zwangskonvertierten mallorqinischen Juden in der Gruppe Memòria del Carrer auch auf die eigenen Familiengeschichte konzentriert. Eine von ihm gefertigte Menora schmückt die Sinagoga Mayor in Barcelona. In Felanitx selbst erinnert noch ein Straßenname, Calle de Call, an die einstige Existenz einer jüdischen Gemeinde, und in der Wallfahrtskirche San Salvador außerhalb des Städtchens findet sich neben dem Altar ein Sandsteinrelief mit der Passio Imaginis. Nacherzählt wird eine Geschichte, die sich 765 in Syrien zugetragen haben soll; der Künstler hat dabei um 1450 herum die Juden in dieser Szene in der zeitgenössischen jüdischen mallorquinischen Tracht dargestellt. Einer anderen Legende nach war Christoph Columbus ein Jude aus Felanitx.

«L'altra Mallorca»: Zum anderen Mallorca abseits der Hotelanlagen gehört unbedingt die Geschichte der Juden und der zwangsgetauften Conversos, die man hier als Xuetes bezeichnet. Noa Lerner, die zusammen mit Miriam Daur von Berlin aus die Agentur «Milk and Honey Tours» betreibt, hat inzwischen auch das jüdische Palma ins Programm genommen und vermittelt Stadtrundgänge, die einem die Augen öffnen. Mallorca hatte Jahrhunderte lang eine große jüdische Gemeinde, deren Anfänge auf das 5. Jahrhundert zurückgehen dürften. Palma war ein Zentrum der Kartographie, wobei Juden eine bedeutende Rolle spielten. Der berühmte Kartenmacher Jafuda Cresques (ca. 1350 - ca. 1427), dessen Werke auch Christoph Columbus benutzt haben soll, wurde erst letztes Jahr mit einer Statue in Palma gewürdigt. Er zeichnete zusammen mit seinem Vater Abraham Cresques 1375 den «Atlas Calaà», die erste Weltkarte überhaupt. Auf Vermittlung von Milk and Honey Tours führt der Göttinger Ethnologe Christian Riemenschneider, der über die Xuetes, die mallorquinischen Kryptojuden, promoviert und derzeit auf Mallorca lebt, interessierte Gäste durch das alte jüdische Viertel und gibt dabei einen historischen Überblick, macht einen aber auch mit aktuellen Problemen und Perspektiven jüdischen Lebens in Palma vertraut.

Zur Geschichte: Nach der Rückeroberung des arabischen Mallorcas durch König Jaime I. von Aragon im Jahr 1229 scheinen sich die Juden, die bereits in frühchristlicher Zeit und unter muslimischer Herrschaft in Palma lebten, dort im Umkreis der heutigen Calle de Santo Domingo und de la Victoria niedergelassen zu haben, aber auch nahe der maurischen Festung La Almudaina und der heutigen Calle Jaume II.. Die Juden von Mallorca widmeten sich vor allem dem Geldverleih, waren Gold- und Silberschmiede und im Seehandel sowie in der Landwirtschaft tätig. Königliche Privilegien zogen schließlich Juden aus Südfrankreich, Nordafrika und Alexandrien an. 1300 kam es zur Neuaufteilung von Stadtvierteln, Grundstücken und Häuser; dabei wurde ein besonderes Judenviertel den Templern und dem Calatrava- Orden unterstellt. Ein Rundgang durchs jüdische Palma beginnt beispielsweise in der Call Menor, führt zur Call Major und entlang der Calle Argentera, in der bis heute Goldschmiede jüdischer Herkunft ihre Werkstätten und Läden haben, zur Calle Montesión und zur Calle del Call. «Call» wiederum ist ebenso wie «Juderia» eine verbreitete Bezeichnung für die Judenviertel in Spanien; mag sein, dass der Begriff sich vom hebräischen «Kehilla», «Gemeinde», herleitet.

In Palma gab es im Mittelalter vermutlich vier Synagogen. Unumstritten ist, dass eine Synagoge als Ersatz für den ersten Bau aus dem 13. Jahrhundert (heute Iglesia de Montesión) errichtet wurde, die man nach 15 Jahren wieder konfisziert und zur Kirche Santa Fé umwidmete. Die Christen beklagten sich aber über eine Kirche im Judenviertel, so dass ein neues Kirchengebäude bei der Plaza Temple errichtet wurde; ihr Vorgängerbau wurde erst privat genutzt und nach dem Pogrom von 1391 zur Kirche Santa Maria del Montesión umgewidmet, im Volksmund Iglesia del Call genannt. An einer Kirchenwand findet sich ein zugemauertes Tor, früher womöglich ein Zugang zur Synagoge. 1315 wurde nach der Konfiszierung des Gebäudes in der Calle Montesión eine Art Notsynagoge errichtet, und zwar mit Genehmigung des Königs und durch Papst Johannes XXII: «Wir erlauben, wenn schon keine Synagoge, dann doch wenigstens eine Schule oder ein Haus zum Gebet (zu errichten).» 1373 wurde mit dem Nachlass von Arón Mahani die Sinagoga Menor gebaut, die man 1391 ebenso wie den Schwesterbau zerstörte. Im Sommer 1391 kam es auf der ganzen Insel zu schweren Pogromen. Die jüdische Gemeinden von Inca, Sóller, Sineu und Alcudia wurden ausgelöscht. In Inca etwa hatten die Juden zunächst inmitten der christlichen Bevölkerung gelebt, bis Mitte des 14. Jahrhunderts die Spannungen so anstiegen, dass man beschloss, die Wohngebiete zu trennen. Umgesetzt wurde dies 1372 in Form eines Judenviertel mit drei Stadttoren, die nachts verschlossen wurden - ein Brauch, der noch bis in die 1940er Jahre hinein beibehalten wurde! Bis heute verweisen überall auf der Insel Ortsbezeichnungen auf die einstige jüdische Präsenz. So trennt etwa der Torrent dels Jueus den Ort S‘Arenal an der Playa de Palma in eine Palma-Hälfte und in die von Llucmajor. In einigen Orten bewahren Straßennamen die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Gemeinde, beispielsweise die Calle de Call hinter dem Rathaus von Porreras.

Auf das Massaker vom 24. August 1391, bei dem in Palma 300 bis 400 Juden im Bereich der heutigen Calle de Montesión ermordet wurden, folgten erst eine hohe Geldstrafe für die christlichen Bewohner, dann ihre Amnestie. 1393 versprach ein Edikt neuen Schutz für die jüdischen Einwohner. Prompt ließen sich zahlreiche jüdische Zuwanderer aus dem westlichen Mittelmeerraum auf Mallorca nieder, darunter im Jahr 1394 150 Familien aus Portugal, so dass es Anfang des 15. Jahrhunderts auf der Insel wieder mehr als 1.000 jüdische Haushalte gab. 1395 wurde die Sinagoga Menor wieder eröffnet und 1419 durch Astruch Xibili an Stelle der Sinagoga Mayor eine Betstube eingerichtet. Unter König Ferdinand von Aragon nahmen die Diskriminierungen aber wieder zu, und 1425 kam es in Palma zu einem großen Aufruhr, weil angeblich zwei deutsche Christen unerlaubterweise beschnitten und in die die jüdische Gemeinde aufgenommen worden waren. 1435 machten ein Ritualmordprozess und die Kollektivkonversion der jüdischen Gemeinde ein Ende: In Palma wurde das Gerücht gestreut, die Juden wollten zu Ostern den Leidensweg Jesu wirklichkeitsgetreu nachvollziehen und einen arabischen Sklaven kreuzigen. Über 200 Juden nahmen die Taufe an, und als die Inquisition 1492 auf Mallorca um sich griff, gab es keine praktizierenden Juden mehr. Aber auch die Neuchristen blieben Verfolgungen ausgesetzt: es kam bis zum Ende des 15. Jahrhunderten zu 346 Prozessen der Inquisition.1679 wurden nach der Entdeckung einer heimliche Synagoge zahlreiche Xuetes gefangen gesetzt. Im Mai 1691 wurde Rafel Valls, der geistliche Führer der Xuetes, zum Tod verurteilt. Daran erinnern bis heute Lieder wie « En Valls duya se bandera, Y en Terongi‘s pano, En sos Xuetes derrera, Qui feyan se processo.»

1773 erklärte König Carlos III. die Neuchristen zu gleichberechtigten Bürger. An die Sonderstellung der Xuetes erinnern aber bis heute Redewendungen wie « tirar de la manta», «das Büßergwand wegziehen», also «den Stammbaum eines Menschen erforschen, ein Geheimnis lüften». Christian Riemenschneider kennt auch Sprüche, die auf den italienischen Hafen Livorno als heimlichen Fluchtort mallorquinischer Neuchristen verweisen: «Qui va a Livorna, mai torna» meint «Wer nach Livorno fährt, kommt nie wieder», «Vete a Livorno!» so viel wie «Geh dahin, wo der Pfeffer wächst, wo Du hingehörst». Heute finden sich im Archiv des Königreiches Mallorca in Palma noch hebräische Schriften, darunter eine Ketubba aus dem 13. Jahrhundert. Beim Stadtrundgang trifft man auf mittelalterliche Gänge, die Häuser und Höfe verbinden und einst womöglich den Neuchristen Schutz boten, aber auch immer wieder auf die fünfzehn bekannten Familiennamen der Xuetes. Ihnen verdankt die Dokumenation «Dies sind die Namen» von Paula Zimerman Targownik und Daniel Targownik, die in ihrem Film die Geschichte der Juden von Palma de Mallorca erzählen, ihren Titel.

Es bietet sich an, bei einer Tour durchs jüdische Mallorca auch Orte aufzusuchen, die mit Persönlichkeiten wie Albert Vigoleis Thelen (er half in den 1930ger Jahren jüdischen Emigranten), Gertrud Stein, Fritz Landshoff oder Erika und Klaus Mann verbunden sind: «Das Hotel ist sehr fein geführt. Publikum fast rein englisch, Nazis nicht in Sicht», schrieb Klaus Mann 1936 über das Grand Hotel Camp de Mar. Und natürlich bietet es sich bei einem Urlaub auf Mallorca an, die Geschichte der Juden der Insel in Ruhe nachzulesen: So beschreibt Vicente Blasco Ibánez (1867-1928) in seinem Roman «Die Toten befehlen» das Leben der Xuetes im 19. Jahrhundert. Ebenfalls auf Deutsch liegt ein Roman von Carme Riera (geb 1948) vor, «Ins fernste Blau», der das Schicksal einer Gruppe zwangskonvertierter mallorquinischer Juden behandelt - ein Thema, das der Xueta Pere Bonnin auf andere Weise in seinem Buch «Sangre Judia» aufgegriffen hat. Seit 1971 besteht in Palma wieder eine kleine jüdische Gemeinde mit gut 100 Mitgliedern in Palma, die aus Spanien und Großbritannien, Argentinien und Deutschland stammen. Die Comunitat Israelita de Mallorca veranstaltet jeden Freitagabend um 19:00 Uhr und an jedem ersten Schabbat eines jüdischen Monats um 10:00 Uhr Gottesdienste in ihrer kleinen Synagoge in der Calle Monsenyor Palma 3.

Hartmut Bomhoff

 

 

Informationen über Rundgänge durch das jüdische Palma mit Milk and Honey Tours gibt es unter www.jewishmallorca.com oder www.milkandhoneytours.com .

 

 

«Jüdische Zeitung», Juli 2008