Jüdisches Leben feiern

In San Francisco wurde Daniel Libeskinds «Contemporary Jewish Museum» eröffnet

 

Synthese von neu und alt: Der Blick auf Libeskinds Jüdisches Museum in San Francisco. Foto: Bruce Damonte/Courtesyof the Contemporary Jewish Museum, San Francisco

Selbst für denjenigen, der sich nur beiläufig für Architektur interessiert, sind die Gebäude von Daniel Libeskind inzwischen wohl unverkennbar: Zackige Wände, spitze Winkel und schräge Fenster, Beton im Wechselspiel mit kühl glänzenden Außenfassaden, auf denen sich Sonne und Schatten effektvoll brechen, sind die Markenzeichen dieses Popstars unter den Architekten und Stadtplanern. Das Jüdische Museum in Berlin, von Libeskind entworfen, gehört nicht nur zu den meistbesuchten Museen der Stadt. Es hat auch ein breites Publikum dafür sensibilisiert, Museen nicht allein als funktionale und neutrale Räume für darin ausgestellte Exponate, sondern auch als eigenständige ästhetische Erlebnisse wahrzunehmen.

Erfolgsrezept dieser wirksamen Architekturinszenierung ist nicht zuletzt das von Libeskind wirkungsvoll durchgeführte Spiel mit symbolträchtigen Formen: Angefangen mit dem Grundriss eines zerborstenen Davidsterns über den Einbau so genannter «Voids» oder Leerstellen zum Gedenken an die unwiderrufliche Lücke, die die Schoa in das jüdische Leben Deutschlands gerissen hat, bis hin zum dunklen und leeren Holocaust-Turm - die Räume des Berliner Jüdischen Museums von Libeskind appellieren ebenso daran, sie als architektonische Botschaften zu lesen, wie sie die Besucher emotional zu berühren suchen.

Auch in San Francisco hat man für den Umbau des 1984 gegründeten Contemporary Jewish Museum den heute in New York lebenden Libeskind verpflichtet. Das Museum, im Yerba- Buena-District gelegen, wurde nach zweijähriger Bauzeit am 9. Juni eröffnet. Ähnlich wie in Berlin, wo Libeskind ein Kollegienhaus der königlichen Justizverwaltung mit seinem Neubau verband, geht Libeskind auch in San Francisco mit einer historischen Vorgabe um: mit einem stillgelegten Umspannwerk aus dem Jahr 1907. Den Bau mit roter Ziegelsteinfassade, Stuckengeln und Terrakottaverzierungen hat Libeskind mit einer Dachkonstruktion und einem Vorbau in Form zweier überdimensionaler Prismen aus 3000 metallischblauen Platten versehen, die im spitzen Winkel in den Himmel ragen. Das Bewahren alter Baustrukturen, wie der Stahlträger oder Lichtanlagen des alten Kraftwerks, geht mit spektakulären Anbauten einher, die nicht allein als Funktionsräume zu begreifen sind, sondern Aufmerksamkeit evozieren und höchste Anforderungen an die Ausstellungsmacher formulieren: Nur ein kleiner Teil des Museums bietet einen Galeriebereich für Malerei und Skulptur im klassischen Sinne, die beiden Prismen, in die 36 schräge Fenster eingelassen sind, sollen vor allem Veranstaltungen dienen. Auch hier gehören Architektur-Führungen durch das Gebäude zum Veranstaltungsprogramm.

Auch die Lobby wird von konischen Formen dominiert. Foto: Bruce Damonte

Libeskind liefert eine Reihe symbolischer Erklärungen für seinen Umbau. So vergleicht er die beiden blauen Prismen mit den hebräischen Buchstaben «Chet» und «Yud», die zusammen das Wort «Chai» (Lebewesen, lebendig) ergeben: Diese dynamische und zugleich bedeutende Form sei ihm anstelle einer weiteren musealen White Box geradezu zwingend erschienen. Denn um die Betonung des Lebendigen geht es Libeskind, wie der Museumsleitung, primär: Einen Ort zu schaffen, der «jüdisches Leben feiert », war die Zielvorgabe: «Es hat richtig Spaß gemacht, etwas zu schaffen, wo es lebhaft zugehen wird, wo jüdische Traditionen gefeiert werden und sich Leute aus aller Welt kreativ damit auseinandersetzen», sagt Libeskind.

Das Museum in San Francisco ist mit diesem Programm ein weiteres Zeugnis der seit einigen Jahren eingeleiteten Wende, wie jüdisches Leben museal repräsentiert wird: Begonnen hatte diese mit einer Kritik an einer allzu verengten Darstellung jüdischen Lebens in Bezug auf die Schoa - eine Problematik, die vor allem in Deutschland virulent ist, in dem der «Schatten der Vernichtung », so Libeskind, eben nicht wegzudenken sei. Die Kritik zielte nicht zwangsläufig darauf, der bestehenden Erinnerungskultur und ihren Monumenten die Berechtigung abzusprechen, sondern darauf, das Spektrum bestehender Repräsentationsorte und -weisen zu erweitern: nicht nur den Toten ein Denkmal zu setzen, sondern den Lebenden einen Aufmerksamkeitsraum zu schaffen und zu zeigen, dass es eine vielfältige, lebendige jüdische Lebensrealität gab und gibt.

Um dieses Konzept von Lebendigkeit, Zeitgenossenschaft und Vielfalt zu unterstreichen, verzichtet die Museumsleitung unter Connie Wolf nicht nur vollständig auf eigene Exponate und eine permanente Ausstellung. Auch einen Fokus auf den Holocaust werde es nicht geben. Stattdessen steht das Museum als Werk- und Begegnungsraum im Vordergrund, das Museum als Gastgeber wechselnder Ausstellungen und anderer Kunstveranstaltungen. Vor allem die blauen Prismen sollen für Performances, Klanginstallationen und Musik genutzt werden, zum Beispiel für das «Aleph Bet Sound Project», kuratiert von dem innovativen Experimental-Saxophonisten und Produzenten John Zorn.

Daneben machen den Anfang des Ausstellungsprogramms zwei eher „klassische" Ausstellungen: «In the Beginning: Artists Respond to Genesis» zeigt künstlerische Auseinandersetzung mit der Schöpfungsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die zweite Ausstellung präsentiert das Werk des 1907 in New York geborenen Cartoonzeichners und Kinderbuchautors William Steig, der nicht nur jahrelang für den «New Yorker» tätig war, sondern auch «Shrek» erfunden hat - den ebenso grünen wie sympathischen Helden einer Reihe von Animationsfilmen aus den Dreamwork-Studios. Die beiden Ausstellungen, so unterschiedlich sie sind, markieren zugleich die zu erwartende Bandbreite, der sich dieses jüdische Museum verschrieben hat.

Sonja Galler

«Jüdische Zeitung», Juli 2008