Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die Russen sind da – Hurra!
Kalten Krieges der Albtraum der Deutschen, der Juden und des Westens allgemein. Heute können wir Juden sagen: «Die Russen sind da.» Ich meine natürlich die «russischen Juden». Damit sollte eigentlich ein deutschjüdischer Wunschtraum in Erfüllung gegangen sein: Eine Wiedergeburt bzw. Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland. Bevor «die Russen» kamen, war unsere deutschjüdische Gemeinschaft nach dem Millionen-Massen-Mord der Nazis sowohl biologisch-demografisch als auch intellektuell und religiös vom Aussterben bedroht. Doch statt «Hurra» zu rufen, jammern manche und sagen «oi weh». Gerade als alter Jecke finde ich das sehr bedauerlich, denn «unsere Russen» sind ein Geschenk des Himmels. Ja, ich weiß, es gibt Riesenprobleme. Für die Gemeinden und «die Russen». Die Gemeinden hatten und haben Herkulesaufgaben zu bewältigen: Mehr als viermal so viele Neu- wie Altmitglieder mussten seit 1991 aufgenommen werden. Das wäre ungefähr so, als ob sich die Bevölkerung Deutschlands seit der Wiedervereinigung von 80 Millionen auf 320 Millionen vergrößert hätte. Unschwer kann man sich vorstellen, was in diesem Land passiert wäre: Unruhe, Aufruhr, «Ausländer-raus»-Gegröle und Gewalt. Nichts davon bei uns. Gewiss, Unruhe hier, Unzufriedenheit und Meckern dort - aber man findet letztlich doch zusammen. «Und das ist auch gut so», denn wir brauchen einander. Wir Jeckes sollten zudem nicht vergessen: Neuankömmlinge haben es immer schwerer als Alteingesessene. Gerade wir alten Jeckes sollten nicht vergessen, dass wir sowie unsere Eltern und Großeltern nach der Schoa die «Ostjuden» damals auch nicht gerade herzlich aufgenommen haben. Ohne sie hätte es selbst die jüdische Mini- Gemeinschaft nicht gegeben, die wir bis 1990 in der Bundesrepublik hatten. Den «Ostjuden» aus Polen und jetzt Russland sollten wir Jeckes also doppelt dankbar sein. Die neue jüdische Gemeinschaft wird und muss, sie wird, wirklich sein. Sie wird eine Verbindung aus deutschem, polnischem, russischem, baltischem, ukrainischem, weißrussischem und auch israelischem Judentum sein. Klingt doch spannend. Oder? Unseren nichtjüdischen Mitbürgern schreiben wir diese beiden Sätze ins Stammbuch: Deutschland braucht Neubürger. Und so großartige Neubürger wie die «jüdischen Russen» könnt ihr euch nur malen. Michael Wolffsohn
Michael Wolffsohn ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.
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