Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Von den Schwierigkeiten der ParallelenDüsseldorfer Polizisten zwischen Majdanek und Yad Vashem
Dass an der Wannsee-Konferenz auch hohe Polizeioffiziere teilgenommen haben, ist allgemein bekannt. Im Januar 1942 wurde auf dieser Beratung die «Endlösung der Judenfrage» und damit ihre geplante Vernichtung festgeschrieben. Für Angehörige der Polizei von heute ist das dennoch sehr abstrakt. Wenn indes an einzelnen Aktionen und Deportationen, vor allem der Juden, Polizisten direkt beteiligt waren, ist das fassbarer. Der Verein «Geschichte am Jürgensplatz» bemüht sich seit mehreren Jahren aktiv um die Aufarbeitung der NS-Geschichte der Polizei der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Noch heute wird in denselben Diensträumen gearbeitet, noch immer sind die nach allgemeinem Verständnis selben polizeilichen Aufgaben zu lösen. Und doch waren Polizisten zwischen 1933 und 1945 Helfer und Helfershelfer. Das macht nicht gerade stolz auf den Beruf. «Einige von ihnen sind wahrscheinlich sogar bis in die KZs abkommandiert worden. Was sie dort genau gemacht haben, wissen wir noch nicht, aber wir wollen dazu beitragen, es zu erforschen.», erfahre ich aus dem Kreise der Vereinsmitglieder. Schließlich habe sich inzwischen auch im Denken der Polizeiführung mehr und mehr durchgesetzt, dass es um die Wahrnehmung von Verantwortung gehe, nicht um Schuld. Vor zwei Jahren waren erstmals Polizistinnen und Polizisten auf privater Basis und ebenso finanziert in Auschwitz-Birkenau, um die Spuren von Verbrechern im Amt zurückzuverfolgen. Nun sind etwa 20 von ihnen nach Lublin gereist, der Stadt des KZ Majdanek. Sie haben in Dokumenten des Lagers und der Stadt über Polizeieinsätze ihrer damaligen Vorgänger im Amt recherchiert und konnten den Archivaren bei der speziellen Recherche zu polizeilichen Fragen sogar etwas unter die Arme greifen: Für ausländische Historiker ist das Amtsdeutsch von Schriftstücken zuweilen ein Grund dafür, ihre Aufarbeitung immer wieder zu verschieben. Besuche von Friedhöfen, des Konzentrationslagers selbst, wo die Gruppe vom Leiter der Mahn- und Gedenkstätte, Tomasz Kranz, empfangen und in deutscher Sprache geführt wurde und ein offizieller Empfang beim Polizeipräsidenten von Lublin, Miroslaw Sokal, gehörten zum fast einwöchigen Programm. Abgelehnt worden sei die deutsche Polizeigruppe nirgendwo in Polen. Mit dabei: Andreas Meßollen. Der Mitte 40-jährige Polizeioberkommissar interessiert sich für Düsseldorfer Polizeigeschichte, trifft sich mit Historikern, beliest sich und war an der Einrichtung eines Gedenkraumes im Polizeipräsidium beteiligt, der vom Verein «Geschichte am Jürgensplatz» unter Leitung des ehemaligen Polizeipräsidenten der Rheinmetropole, Michael Dybowski, betrieben wird. Dessen «rechte Hand» im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und zu Fragen der Minderheitenproblematik war Meßollen bis zur Pensionierung Dybowskis. Als der knapp 16-jährige Meßollen 1976 ausgebildet wurde, war der Holocaust nicht wirklich ein Thema. «Und wenn, dann nur als Riesenverdrängung. Das war damals auf jeden Fall zu spüren!» 1974 hatte er an der Realschule den ersten Holocaust-Überlebenden kennengelernt, seitdem lässt ihn das Thema nicht mehr los. Eine der größten Schwierigkeiten nach innen wie nach außen bei der Aufarbeitung der eigenen NS-Geschichte bestehe für die Polizeiangehörigen in ihrem eigenen öffentlichen Bild. «Der Bürger glaubt normalerweise an eine bestimmte „Polizeimentalität": Wenn „von oben" etwas „gewünscht" wird, wickelt die Polizei das möglichst reibungslos ab», erklärt Meßollen. Deshalb würden sich auch viele Polizisten immer und zu jeder Zeit als eine «staats- und damit vor allem gesetzestreue, also jederzeit „saubere" Berufsgruppe» begreifen und auch früher begriffen haben. Hier liege ein Grundproblem: Der Schutz durch das Gesetz. «Doch damals wie heute haben wir auch anderes geschworen, nämlich Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben, den Menschen Ängste zu nehmen, ein „subjektives Sicherheitsgefühl" zu schaffen.» Zur NS-Zeit habe die Polizei das für den größten Teil der Bevölkerung auch getan, nur eben nicht für die Juden und anderen Verfolgten des Naziregimes. Wie mit den Juden umzugehen sei, war in Nazideutschland schlicht und einfach für Recht erklärt worden. Auch heute sei zwar nach wie vor das gesetzlich gesicherte Machtmonopol des Staates eine entscheidende Grundlage der Polizeiarbeit, dennoch dürfe man die Machtausübung der Polizei von heute mit der von damals nicht gleichsetzen: «Wenn wir heute „Macht" ausüben, dann tun wir mit Gewalt Gutes, so verrückt das auch klingen mag oder bei dem einen oder anderen Polizeieinsatz auch rüberkommt», erläutert Meßollen diese Gratwanderung. Gerade der tief dahinter liegende Zwiespalt sei bei der Reise, wie schon vor zwei Jahren in Auschwitz, «von unten nach oben gekehrt» worden: «So unverständlich und wenig nachvollziehbar das auch klingen mag - aber für mich ist es verständlicher und nachvollziehbarer geworden, wie es in der damaligen Polizeiarbeit so weit kommen konnte. Immerhin hieß ein „Nein!" sofort Ostfront. Immerhin hießen die Privilegien eines Polizisten für seine Familie oft ganz einfach: Überleben.» Die Manipulierung der Polizeibediensteten sei «ein nationales Paradebeispiel an Machtmissbrauch - und eben nicht an bloßem deutschen Beamtentum » gewesen. Auschwitz sei dann «nur noch das Ende einer Spirale von brennenden Büchern zu brennenden Menschen» gewesen, so Meßollen, der damit aus einem Vortrag des 85-jährigen Überlebenden Isaak Behar vor dem schwul-lesbischen Polizeiverein VelsPol zitierte. Wo man als Polizist mitmachen müsse und wobei man nicht mehr mitmachen dürfe, das sei ihm seither deutlicher geworden, ebenso für ihn wie für seine Kollegen, auch und vor allem für ihren heutigen Dienst: Es müsse darum gehen, jeglichen Machtmissbrauch zu verhindern! Selbst zu Diskriminierungen innerhalb der Polizei, die dort, wie in jeder anderen Gruppe der Gesellschaft, vorkämen, habe er seine Haltung gestärkt gefunden: «Wenn Diskriminierung innerhalb der Polizei nur deshalb nicht vorkommt, weil sie einfach nicht vorkommen darf, dann ist das etwas, womit man sich auseinanderzusetzen muss!» Nicht nur diese Einsicht habe die Reise gebracht, deren Verlauf und alle seinen persönlichen Empfindungen Meßollen in einem Tagebuch zusammengefasst hat. Die Gruppe habe Extremsituationen dokumentiert gesehen, Verhaftungen, Deportationen, Lagerhaft. Daher könne man jetzt mit alltäglicher Gewalt im Dienst viel professioneller umgehen, habe bessere Argumente bei Diskussionen um Antisemitismus oder allgemein fremdenfeindlichen Auseinandersetzungen in Kneipen oder auf der Strasse. In Auschwitz vor zwei Jahren und vor wenigen Tagen erneut in Majdanek habe er ein mehr und mehr sichereres Gefühl dafür bekommen, wie man sich als Minderheit fühle - und zugleich dafür, wie man einer Minderheit positiv gegenübertreten sollte, wie man Brisanz aus Konflikten herausnehmen könne. Heute habe er ebenso wenig Scheu davor eine Synagoge oder eine Moschee zu besuchen, wie seinen klassischen Polizeiaufgaben nachzugehen. Es sei den meisten Vereinsmitgliedern nun wichtig, das innerhalb des Kollegenkreises weiterzugeben. Meßollens Dienstzimmer ist jetzt nahe dem Düsseldorfer Hauptbahnhof - und auch hier, in diesem Schwerpunktbereich mit ausgeprägter Minderheitenproblematik macht er seine Arbeit gerne! «Im Kiez wie im Team sind wir uns einig: Es geht nur ein Miteinander!» Das heutige Lublin dagegen war für die Reisenden ungewohnt: «Keine Minderheiten auf der Strasse, keine multikulturelle Vielfalt, keine Spur von den kulturellen Einflüssen der Juden bis zur Shoa. Das haben wir im „Oxford des Ostens" eigentlich ganz anders erwartet. Nicht einmal Hinweise auf das Judenviertel oder KZ sind im Stadtbild präsent.» Umso gespannter sind die Düsseldorfer Polizistinnen und Polizisten des Geschichtsvereins auf Israel: Man ist zu einem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem eingeladen worden. Recht schnell wurde durch dieses private Engagement der Polizisten ein derartiges Interesse bei der Politik geweckt, dass sogar der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, Überlegungen geäußert hat, mit den Polizisten gemeinsam zu reisen: aus der Stadt des Majdanek-Prozesses von 1975 bis 1981 gegen 16 ehemalige SS-Angehörige an die wichtigste Erinnerungsstätte ihrer Opfer und Gegner. |