Mr. Hisbollah handelt neuen Austausch aus

Libanesische Gefangene gegen sterbliche Überreste entführter Soldat

 

Demonstration in Jerusalem für die Freilassung der entführten Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Foto:dpa

Ende Juni entschied das israelische Kabinett über einen Gefangenenaustausch mit der libanesischen Hisbollah. 22 Minister in der Knesset stimmten dafür und drei dagegen. Gleichzeitig verkündete Premierminister Ehud Olmert, dass die beiden im Libanon entführten israelischen Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser tot seien. Es geht demnach um eine Rückführung der sterblichen Überreste der beiden Soldaten. Das entspricht dem eisernen Vorsatz Israels, jeden vermissten Soldaten, ob tot oder lebendig, nach Hause zu bringen. Gemäß diesem Prinzip drängte Premierminister Ehud Olmert auf eine Zustimmung des Kabinetts. Nur drei Minister, aus den Zuständigkeiten Finanzen, Justiz und Wohnungsbau, stimmten dagegen. Auch der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, Meir Dagan, und sein Kollege vom inländischen Nachrichtendienst Shin Beth, Juval Diskin, rieten vom Austausch ab. Sie argumentierten, das Abkommen ermuntere Nachahmer und schade Israels Fähigkeit zur Abschreckung. Dies sind vertraute Töne des Mossad-Chefs, der kürzlich zum Präventivschlag gegen den Iran riet. Für Olmert, der unter Korruptionsverdacht steht, wird das Thema zum weiteren Schlagabtausch, nachdem er nicht seinen Rücktritt einreichte und sich frühestens bei vorgezogenen Neuwahlen in drei Monaten der Volksmeinung stellt.

Der Austausch sieht die Freilassung von vier gefangenen Hisbollah-Kämpfern und die Übergabe der Leichname von acht weiteren vor. Außerdem soll Israel der Hisbollah detaillierte Karten der im Südlibanon angelegten Minenfelder übergeben. Im Gegenzug dazu soll die Hisbollah die Leichname der israelischen Soldaten Regev und Goldwasser an Israel übergeben, sowie weitere Informationen zum Schicksal des 1986 über dem Libanon abgeschossenen und seitdem vermissten Piloten Ron Arad übermitteln. Regev und Goldwasser wurden am 12. Juli 2006 von der Hisbollah entführt. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach an schweren Verletzungen gestorben, die sie beim Angriff auf ihre Grenzpatrouille erlitten. Die Angehörigen der beiden reagierten gefasst auf die Nachricht, waren allerdings von der Art und Weise empört, in der sie vom Tod erfahren mussten, während sie vor dem Regierungsgebäude in Jerusalem auf den Kabinettsbeschluss warteten.

Der Gefangenenaustausch wird in der israelischen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Streitpunkt ist besonders die geplante Freilassung von Samir Kuntar. Kuntar hatte mit einem Guerillakommando der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) im Jahre 1979 einen blutigen Anschlag auf die nordisraelische Küstenstadt Nahariyya verübt. Er wurde schwer verletzt gefangen genommen und zu 542 Jahren Haft in Israel verurteilt. Bereits 1987 versuchte die PLF, Kuntar mit der Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro vor Ägypten freizupressen. Auch die Hisbollah hat großes Interesse an der Freilassung Kuntars. Er gilt als Symbol des Widerstandes, viele Libanesen kritisieren seine fast 30-jährige Haft. Den Überfall auf Nahariyya im Jahr 1979, bei dem Kuntar unter anderem zur Last gelegt wird, ein Kleinkind mit dem Gewehrkolben erschlagen zu haben, sehen viele als Teil des libanesischen Widerstandes gegen die israelische Besatzung Südlibanons, bei der zahlreiche Zivilisten umkamen.

Die Hisbollah wollte Kuntars Freilassung bereits im Zuge eines Gefangenenaustauschs im Jahre 2004 erwirken. Damals blieb die israelische Regierung hart. Im Juli 2006 griff die Hisbollah eine israelische Grenzpatrouille an, wobei mindestens drei israelische Soldaten starben, und entführte Regev und Goldwasser. Die Entführung, die als Teil der Freipressversuche politischer Gefangener von Seiten der Hisbollah interpretiert wird, löste einen 34 Tage währenden Krieg zwischen Israel und der Hisbollah aus, bei dem insgesamt 1.200 Libanesen und 160 Israelis ums Leben kamen. Die Hisbollah bezeichnete denn auch ihre Operation als «Erfüllung des Versprechens» von Generalsekretär Hassan Nasrallah, Kuntar nach Hause zu holen; sie sollte ihre Verhandlungsposition stärken.

In maßgeblicher Weise war der Bundesnachrichtendienst (BND) am jetzigen Austausch beteiligt. Ein BND-Mitarbeiter, der auf Verhandlungen mit der Hisbollah spezialisiert ist, arbeitete zwei Jahre lang an dem Abkommen. Bereits kurz nach dem Krieg von 2006 erklärte Nasrallah, er habe Verhandlungen über den Austausch von Gefangenen mit einem von der UNO ernannten Vermittler aufgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um den deutschen Verhandlungsspezialisten «Mr. Hisbollah», der im bürgerlichen Leben Gerhard C. heißen soll. Er verhandelte bereits den großen Gefangenenaustausch im Jahre 2004, bei dem Israel 400 Palästinenser und 31 andere Gefangene, darunter 23 Libanesen, im Austausch gegen einen israelischen Reservisten und die Leichname von drei israelischen Soldaten frei ließ. Deutsche Schattendiplomatie führte auch damals zum Erfolg. Als Ort des Austausches des diesjährigen Gefangenenaustauschs wird wie im Jahre 2004 ein deutscher Flughafen erwartet, damals war es der Bundeswehrflughafen Köln-Wahn.

Insgesamt wäre dies der vierte Gefangenenaustausch einer solchen Größenordnung. Im Jahr 1983 tauschte Israel mit der Fatah fast 5.000 Häftlinge gegen sechs gefangene Soldaten aus. 1985 wurde ausgehandelt, drei Israelis gegen 1.150 palästinensische Häftlinge auszutauschen. Der Deal von 2004 war der bisher letzte große Gefangenaustausch. Mit der Hamas wird währenddessen unter ägyptischer Vermittlung über die Freilassung des ebenfalls im Jahr 2006 entführten Gilad Shalit verhandelt.

Samir Darvish

«Jüdische Zeitung», Juli 2008