«Wüstentage»

von Klaus Reichert

Der Essayist, Lyriker und Übersetzer Klaus Reichert (geboren 1938), seit 2002 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtun unternahm zum Jahreswechsel 2005/2006 eine zwölftägige Reise mit Beduinen durch die karge Steinwüste des Sinai. Sein neunzig Seiten umfassendes, äußerst lesenswertes Tagebuch dieser Reise ist soeben erschienen. Als gefeiertem Neuübersetzer des «Hohelieds Salomos" (lieferbar bei dtv) und ausgewiesenem Kenner des Hebräischen der Bibel, ist Reichert die Wüste als literarische Landschaft durchaus vertraut. Aber das unmittelbare Erlebnis dieser archaischen, lebensfeindlichen Gefilde war eine so fundamental neue Erfahrung für den begabten Sprachkünstler, dass sein Bericht zu einer fesselnden Auseinandersetzung mit der Natur und unserer modernen westlichen Zivilisation geraten ist. So empfindet der auf dem Rücken eines Dromedars Reisende das Zurückgeworfensein auf seine eigenen Gefühle und Gedanken angesichts der Leere der Landschaft und der kurzen Tage (Sonnenuntergang: 16.00 Uhr) zunehmend als Befreiung, seine Sinne schärfen sich zugunsten einer überwachen Wahrnehmung der Details der Wüste, sein Bewusstsein für die wenigen wesentlichen Handlungen wächst: «Ich höre zum erstenmal, was es heißt, was geschrieben steht, ‚Er nahm das Brot, dankte und brachs'». Oder die erfrischend banale Erkenntnis, wofür die beiden gottesfürchtigen Beduinen die vielen Wasserkanister mitschleppen: «Der Bedarf Allahs an Wasser ist größer als unserer.» Ungeheuer aufschlussreich auch die knappe Beschreibung der «Übergangszone», den zu dieser Jahreszeit nur von einigen wenigen an der Zivilisation gescheiterten Existenzen bewohnten Strandhütten. Klaus Reichert ist eine der ehrlichsten, fesselndsten und poetischsten Beschreibungen der Wüste gelungen, die man seit langem lesen konnte.  

Florian Hunger

 «Wüstentage»
mit Illustrationen von Marion Victor
Insel-Taschenbuch, 91 Seiten
6,- Euro

 

«Jüdische Zeitung», Februar 2007