Vom Versuch, Grenzen zu überschreiten

Israelische Studentenaktivisten stellten ihre Projekte bei «Berlin 08» vor

 

Beim "Seeking Peace"-Seminar sprachen Israelis und Deutsche über die Situation in Nahost. Foto: C. Teichert

Jugend und Politik müssen keine Gegensätze sein. Wie lebendig studentische Aktivitäten in Israel im 60. Jahr des Bestehens des Staates sind, konnten Interessierte auf dem Mitte Juni stattgefundenen «Berlin 08 - Festival für junge Politik» lernen. Die mitausrichtende Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) lud zum Festival, das im Rahmen des «Aktionsprogramms für mehr Jugendbeteiligung» von über 800 deutschen Jugendlichen organisiert und gestaltet wurde, eine Delegation von insgesamt 22 israelischen Studenten ein. Erklärtes Ziel sollte es sein, so der BPB-Präsident Thomas Krüger, den Jugendlichen in Deutschland das zeitgenössische Israel zu zeigen. Innerhalb der 17 Projektwerkstätten schnitten die geladenen Israelis Themen an, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind. Kontrovers diskutierte Fragen in der israelischen Gesellschaft, wie beispielsweise die des Militarismus in der Gesellschaft oder der Homosexualität, wurden dabei aufgegriffen. In jedem Workshop fand sich die Frage nach der gesellschaftlichen Partizipation und Verantwortungsübernahme wieder, über die mit den deutschen und internationalen Jugendlichen bei «Berlin 08» diskutiert werden sollte. Bei einem Teil der Workshops konnte dies auch verwirklicht werden. Andere dagegen wurden nur spärlich besucht, so dass keine ergiebige inhaltliche Diskussion zustande kam.

 

15 Prozent sind aktiv

«Wir repräsentieren nicht „das Israel" oder die parlamentarische Politik Israels, sondern nur uns selbst», stellt Carmen Godeanu, Studentin der Politikwissenschaften, gleich zu Beginn im Interview mit der «Jüdischen Zeitung» klar. Den 18-bis 24jährigen Israelis, viele von ihnen die zweite Einwanderergeneration, ging es auf dem Festival nicht darum, ihr Land zu rechtfertigen oder zu verteidigen, sondern in einen wirklichen Dialog zu treten, erklärt die 24jährige Godeanu, selbst Tochter rumänischer Einwanderer. Als Koordinatorin war Godeanu an einem Freiwilligenprojekt zum Wiederaufbau Nordisraels nach dem Zweiten Libanonkrieg beteiligt. Sie ist Mitglied der internationalen NGO «Crossing Borders», «Grenzen überschreiten ». Die Organisation setzt sich laut eigenem Bekunden «für Weltfrieden mit besonderem Fokus auf den Nahen Osten» ein und schult dazu Jugendliche und Pädagogen aus Krisengebieten im Bereich Konfliktmanagement und gewaltfreier Kommunikation. «Crossing Borders» vermittelt elementare journalistische Fähigkeiten, die für die Bedürfnisse und das Niveau der Zielgruppe geeignet sind. Gleichfalls werden Teilnehmer geschult, in den Medien aufzutreten. Diese Fertigkeiten sollen den Mitgliedern der Organisation die Möglichkeit verschaffen, innerhalb der Konflikte zwischen Muslimen und Juden, Israelis und Palästinensern eine aktive Vermittlerrolle einnehmen zu können.

Die Gruppe der «Berlin 08»-Teilnehmer selbst zeichnete sich durch ihre Heterogenität aus. Neben größtenteils jungen säkularen Juden zählten zwei muslimisch-arabische Israelinnen zur Delegation. Für die Festivalteilnahme mussten die jugendlichen Aktivisten, die teilweise schon mehrere Jahre in Nichtregierungsorganisationen aktiv sind, ein hartes Auswahlverfahren mit über 70 Bewerbern durchlaufen.

Natürlich sind auch in Israel längst nicht alle Studenten und Jugendlichen politisch und gesellschaftlich so aktiv, wie die nach Berlin gereisten. Höchstens 15 Prozent der Studenten seien dies wirklich, meint Godea. Doch Jugendaktivismus in Israel werde immer populärer. Das Bewusstsein, als aktives Mitglied einer Zivilgesellschaft auf Missstände aufmerksam machen und Druck auf die Regierung ausüben zu können, würde immer stärker werden. Sowohl Godeanu als auch Jonathan Kislov, der schon mit 13 Jahren Mitglied der jüdischarabischen Jugendbewegung «Re'ut Sadakka», «Freundschaft», war, fühlen sich einer neuen Friedensgeneration angehörig. Kislov sieht bei den Friedensbestrebungen seiner Generation einen großen Einfluss durch die westliche Welt und die Globalisierung. «Die Leute in Israel beschäftigt, dass sie sehen können, wie andere Menschen normal und in Frieden in ihren Ländern leben. Das verstärkt das Streben, den Konflikt zu beenden», so Kislov.

 

Drei Stühle freigelassen

Fast alle der Delegationsmitglieder sind in israelischen Studentenorganisationen eingebunden, die zum Ziel haben, den Austausch und die Vermittlung zwischen Muslimen und Juden zu fördern. So zum Beispiel die Organisation «Together at the Campus», «Zusammen auf dem Campus». Ihr geht es um die direkte Interaktion zwischen arabischen und jüdischen Studenten. «Nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben und studieren », bezeichnet die 20jährige Jurastudentin Haneen Jounis, eine der zwei muslimischen Teilnehmerinnen, die Vision von «Together at the Campus». Jounis ist auch Mitglied bei «Crossing Borders» und dem Studentenprojekt «Perach», «Blume». Bei diesem staatlich initiierten Projekt helfen Studenten bedürftigen Kindern aus unterprivilegierten Familien, gleich ob Juden oder Arabern, bei schulischen und privaten Belangen. Im Projekt «Perach» sind aktuell 15 Prozent der israelischen Studenten aktiv. Für ihre Mitarbeit wird den Studenten ein Teil der Studiengebühren erlassen.

Der Workshop, den Carmen Godeanu gemeinsam mit Schlomit Atzaba für «Berlin 08» erarbeitete, sollte zeigen, was die verschiedenen studentischen Organisationen in Israel bewirken können. Unter dem Titel «Student activism in Israel» stellten die jungen Frauen ein Hilfsprogramm für die seit sieben Jahren unter Beschuss von Mörserraketen radikaler Gruppen aus dem Gazastreifen stehende südisraelische Stadt Sderot vor. Die Studentinnen versuchen in ihrem Projekt in Sderot, die Lebensqualität der traumatisierten Stadtbewohner zu verbessern. So renovieren sie dort beschädigte Häuser, bemalen die «Betonada», die Luftschutzbunker, und veranstalten regelmäßig Basare. Auf der Grundlage dieses Beispiels sollte auf dem «Berlin 08»-Workshop über gesellschaftliche Verantwortung im Allgemeinen diskutiert werden. Eine wirkliche Diskussion entstand jedoch nicht, da nur vier Teilnehmer zum Workshop kamen, die relativ verstört wirkten. Das Beispiel für soziales Engagement und Verantwortungsübernahme in einer Gesellschaft konnten die deutschen Gäste nicht auf ihr eigenes Leben und ihre Erfahrungswelt übertragen. Schlomit Atzaba ist nach Ende des Workshops enttäuscht über die geringe Anteilnahme. Die junge Israelin ist Sprecherin der Studentenorganisation der Hebräischen Universität Jerusalem und hat einige medienwirksame Aktionen initiiert, die auf aktuelle Probleme im Land aufmerksam machen. Bei einer dieser Aktionen bildeten Studenten aus Jerusalem eine lange Stuhlreihe vor dem israelischen Parlament, der Knesset, bei der sie drei Stühle freiließen: für Ehud Goldwasser, Eldad Regev und Gilad Schalit. Die im Libanon und dem Gazastreifen entführten Soldaten hätten nun, als Anfang Zwanzigjährige, in die Mitte der Studentenschaft in Israel gehört. Atzaba war vor Beginn des Workshops noch davon überzeugt, dass sich deutsche Jugendliche für ihr Engagement interessieren würden. «Scheinbar haben wir uns einfach nicht verstanden», sagt sie resigniert im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Einschätzung drängt sich tatsächlich auf. Nach der eindringlichen Veranschaulichung ihrer Erfahrungswelt scheint der Abstand zwischen ihrer und der Umgebung, in der die deutschen Jugendlichen leben, nur noch größer. Das «Aneinandervorbeireden» lag sicherlich auch an der Sprachbarriere. Die israelischen Workshops waren die einzigen des Festivals, die auf Englisch abgehalten wurden, was tiefergehende Diskussionen verhinderte.

Erwartungen nicht erfüllt

Godeanus Erwartung, «gehört zu werden, selber zuzuhören und voneinander zu lernen - ohne Vorurteile den anderen gegenüber», hatte sich in ihrem Workshop nicht erfüllt. Noch schlimmer traf es jedoch Lior Haimovich, der seine Werkstatt «Human rights youth activism in Israel», «Menschenrechtsaktivismus von Jugendlichen in Israel» erst gar nicht hielt. Kein Festivalbesucher hatte sich in die entlegenen Räume, in denen die Workshops der Israelis stattfanden, verirrt.

Anders verhielt es sich jedoch beim Vortrag «Seeking Peace: The Israeli-Palestinian Situation», «Die Suche nach Frieden: die israelisch-palästinensische Situation» von Jonathan Kislov. Das Thema lockte ein großes Publikum an, in dem auch viele Israelis der Festivaldelegation beisaßen. Kislov zeigte in dem Vortrag seinen Lösungsansatz des Konflikts auf: die Jugend zu involvieren, besser auszubilden und vor allem Muslimen und Juden gleiche Rechte und Sicherheit zu geben. Die israelischen und deutschen Jugendlichen diskutierten angeregt über diesen Ansatz und brachten andere Aspekte, wie das Interesse der Waffenindustrie am Konflikt, in die Debatte, ein. Die muslimisch-arabische Israelin Janan Adawi, auch Mitglied bei «Together at the Campus» und «Crossing Borders», warf auf der Diskussion ein, dass es schwierig sei, Frieden zu wollen. «Die Fronten verhärten sich, weil viele Freunde oder Familienangehörige bei Anschlägen oder Militäreinsätzen verloren haben. Das wird auch von Parteien und Medien ausgenutzt, die keinen Frieden wollen und den Hass weiter schüren.» Auch für Adawi sei es anfänglich schwierig gewesen, da sie selbst einen Freund verloren hat.

Carmen Godeanu ist trotz ihres kaum besuchten Workshops im Ganzen mit dem Festivalpräsenz zufrieden. Für sie war es «eine tolle Erfahrung, zu sehen, wie Demokratie in ihren mannigfaltigen Farben gefeiert wurde. » So könnte man sagen, dass mit dieser Einladung der BPB zwar der richtige Ansatz für einen Austausch zwischen israelischen und deutschen Jugendlichen gemacht wurde, jedoch die Art der Durchführung den erwünschten Dialog verhinderte.

Corina Teichert

«Jüdische Zeitung», Juli 2008