Frankreich hat einen neuen «Grand Rabbin»

Gilles Bernheim sorgt nicht nur für Begeisterung – vor allem bei den Liberalen nicht

 

Gilles Bernheim Foto: dpa

«Wir waren alle in der Jeshiva [der jüdischen religiösen Ausbildung - Anm. der Red.], wir werden mit Hilfe Gottes eine neue Zukunft, eine neue jüdische Zukunft mit der jüdischen Kultusgemeinde Frankreichs aufbauen» Der Philosoph, Publizist mehrerer Bücher, Hochschullehrer an der Sorbonne für das Fach «Tora und Gesellschaft», Grand Rabbin von Paris, Gilles Bernheim, ist Mitte Juni bereits im ersten Wahlgang mit 63,3 Prozent auch zum Grand Rabbin Frankreichs, so der Titel für den Oberrabbiner und Vorsitzenden der französischen Rabbinerkonferenz, gewählt worden. «Ich habe Sie alle geliebt und ich werde Sie alle weiterhin lieben», so der doch enttäuschte Grand Rabbin Joseph Chaim Sitruk, der seit 21 Jahren Amtsinhaber war und 2001 zum Vorsitzenden einer europäischen Rabbinerkonferenz gewählt wurde. Das niemand in Paris diesen unglücklichen Satz mit dem ganz ähnlichen des ehemaligen Ministers für die DDR-Staatssicherheit vergleichen konnte, war ein Glück für Sitruk in seiner ohnehin schon traurigen Position. Denn auch Minister Mielke hatte erklärt: «Ich liebe Euch doch alle!»

Zwei Kandidaten hatten sich zur Wahl gestellt, zwei Rabbiner aus der gleichen orthodoxen Tradition. Ihre Programme unterschieden sich daher im Wesentlichen nicht besonders voneinander. Der 64-jährige Rabbiner Joseph Chaim Sitruk war in seinen Programmpunkten etwas realistischer. Er, der sehr viel später sein Programm herausgab als Gilles Bernheim, orientierte sich erst an den Stimmen seiner Gemeinschaft von etwa 600.000 Juden in Frankreich, indem er seit November letzten Jahres durch das Land reiste und eine Gemeinde nach der anderen besuchte. Rabbiner Bernheim indes stellte sein Programm nach Bekanntgabe seiner Kandidatur bereits am Anfang dieses Jahres vor, nachdem er sich zum zweiten Mal der Herausforderung dieser Wahl stellte. 1994 war der heute 56-Jährige zum ersten Mal Gegenkandidat Sitruks. Das Mandat für den Grand Rabbin in Frankreich dauert sieben Jahre. Rabbiner Sitruk hat als erster Grand Rabbin die lebenslange Amtsdauer beendet und für die regelmäßige Wahl alle sieben Jahre plädiert. 300 Vertreter der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs waren wahlberechtigt.

Seit Anfang des Jahres wurden ganzseitige Anzeigen in jüdischen Blättern geschaltet. Freunde des bisherigen Grand Rabbin inserierten als Gruppe «Zukunft des Judentums», Befürworter des Wechsels, die jüdische Studentenschaft und auch Gilles Bernheim selbst stellten sich vor. Von ihm erwartet man Öffnung, mehr Liberalität. Je mehr dieses Wort während der Kampagne verbreitet wurde, die im Übrigen sehr ruhig verlief, desto mehr bezog sich der neue Rabbiner auf seine Orthodoxie und die Lehre an sich, auf das intensive Studium des Talmud, alles zusammen wurde immer mehr zum Schwerpunkt seines Programm. Das wurde auch wesentlich für den Direktor des «Jüdischen Weltbund», der sich um die Verbreitung jüdischen Wissens bemüht: Jo Toledano hob mir gegenüber hervor, dass die Orthodoxie beider zur Wahl stehenden Rabbiner die gleiche, der Stil jedoch unterschiedlich sei. Die Hervorhebung der Lehre, die Gelehrsamkeit des neuen Kandidaten, sollte heutzutage vorrangig sein. Toledano betonte die Wichtigkeit der Publikationen von Gilles Bernheim, da es nicht mehr genüge «nur ein guter Rabbiner zu sein».

Auch wenn Rabbiner Sitruk seine Webside auf den neuesten Stand eingerichtet, ja sogar der Jugend angepasst hatte, fehlte einem großen Teil der jüdisch-französischen Gemeinschaft hier das Philosophische, das Intellektuelle. Der Wunsch nach einem Rabbiner, der lehrt und veröffentlicht, ist groß. So gaben es auch die Tageszeitungen Frankreichs seit Anfang des Jahres wieder.

Besonders begeisterten sich für den Kandidaten Gilles Bernheim die Vertreterinnen der WIZO Frankreichs, die wir vor wenigen Monaten an dieser Stelle ausführlich vorgestellt haben. Schon von Beginn der Kampagne an hatten sie sich für ihn eingesetzt. Die stellvertretende Präsidentin der WIZO France, Joelle Leymi, mit der ich noch direkt am Wahltag sprach, betonte, «wie gut er zuhören kann» und nicht zuletzt auch, dass er überhaupt zuhöre. Er verurteile nicht sogleich, verbiete nicht sofort, lasse auch andere Meinungen gelten. Bernheim schließlich sei auch der einzige Kandidat gewesen, der ihre Charta gegen Gewalt gegenüber Frauen unterschrieben habe, die vor zwei Jahren leider nötig geworden war. Leymi hat große Hoffnung in Bernheim gesetzt, weil sie in ihm den starken Vertreter der Rechte der Frauen, der Anerkennung der Frau, sieht. Die Rebbezin an der Seite von Gilles Bernheim, Psychoanalytikerin Freudscher Ausrichtung, hat sich diesbezüglich schon in einigen Artikel geäußert. Sie hat die Rolle, den Wert einer jüdischen Frau, wieder ins «rechte Licht» gerückt, das heißt ihre «Wertigkeit auf Grund unserer Schriften» wieder hervorgehoben.

Der Präsident der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, Florence Taubmann, ist ob der Wahl ebenso begeistert. Bernheim ist seit Jahren Vertreter der jüdischen Seite und hat vor kurzem ein Buch in Zusammenarbeit mit einem Bischof geschrieben. Taubmann betont das, seinem Empfinden nach, bessere Wissen über das Judentum des neugewählten Grand Rabbin Bernheim. Für mich eine eigentlich recht anmaßende Aussage für einen Nichtjuden und zugleich außerordentlich pikant gegenüber einem verdienten Rabbiner, der seit mehr als zwei Jahrzehnten dieses Amt quasi verinnerlicht hatte.

Wieweit sich Bernheim mit dem neuen Vorsitzenden der muselmanischen Gesellschaft, Mohammed Moussaoui, verstehen wird, der übrigens am gleichen Tag gewählt wurde, weiß man noch nicht. Mit dem ehemaligen Vorsitzenden, Dalil Boukakeur, der nicht mehr zur Wahl antrat, gab es im Großen und Ganzem Übereinkunft, wobei die Schwierigkeiten, der unterschiedliche Blickwinkel, was innenpolitische Fragen der muslimischen Zuwanderung und des Staatsbürgerschaftsrechts, vor allem aber das Verhältnis zu Israel betraf, blieben. Einladungen von jüdischen Institutionen wurden bis heute von islamischer Seite nicht erwidert. Das wird auch vom neuen, wiederum am gleichen Tag gewählten Präsidenten des Consistoire France, der oben schon erwähnten jüdischen Dachorganisation Frankreichs, Joel Mergui, zu bedenken sein. Dieser folgt nun dem langjährigen Präsidenten Jean Kahn im Amt, der sich nicht mehr zur Wahl gestellt hatte und nun als Ehrenpräsident fungiert. Mergui, bislang Präsident des Consistoire Paris, hatte sich gegen vier andere, auch im Consistoire engagierte Kandidaten durchgesetzt. Aber eine gute Zusammenarbeit, gegenseitige Toleranz, vorrangig auch das Bekämpfen von Gewalt muss ebenso von islamischer Seite geleistet werden.

Bei aller Zustimmung gab und gibt es auch andere jüdische Stimmen, die ihr Wort gegen Bernheim in Frankreich erheben. Diese kommen in erster Linie aus der starken jüdisch-liberalen Gemeinschaft, die bis heute noch nicht ins Consistoire France aufgenommen wurde. Die Liberalen, die inzwischen sehr viele Mitglieder für sich gewinnen konnten, die immer mehr Synagogen bauen ohne Unterstützung des Staates, wie es das Gesetz der Laizität seit 1905 festgesetzt hat, plädieren nur zu Teilen für Gilles Bernheim - und dies ausdrücklich in der Hoffnung, dass sie nun endlich ins Consistoire aufgenommen werden. Aber auch Zweifel regen sich unter den Liberalen: «Kann man ein Rabbiner sein, ohne Moses Mendelssohn, Leo Baeck, Abraham Geiger und Louis-Germain Levy zu kennen? », so ihr Rabbiner Gabriel Farhi. Wie wird der Philosoph Grand Rabbin Bernheim, der seinen Schwerpunkt im Studium des Jüdischen sieht, damit umgehen? Und da wären dann noch die Stimmen anderer Liberaler, etwa eine Stimme einer Rabbinerin, die von ihrer Sorge um nicht genügend Menschlichkeit, Herzlichkeit und Wärme spricht.

Grand Rabbin Sitruk, der zwar keine Bücher schrieb, dafür aber ein Herz für Kinder und Familien hatte, konnte sich bis zur letzten «Wahlkampf»-Veranstaltung im «Zenith», einem der größten Veranstaltungsräume der französischen Hauptstadt, eines enormen Echos aufgrund seiner Warmherzigkeit und seines Humors erfreuen. Er wolle sich für niedrige Preise bei kosheren Produkten einsetzen, sehe die Notwendigkeit von Sponsoring für jüdische Einrichtungen, vorrangig Schulen, damit auch sozial schwächere Eltern ihre Kinder im Glauben unterrichten lassen könnten. Denn auch in Frankreich ist die Anzahl derjenigen Menschen angestiegen, die an der Armutsgrenze leben.

Sitruk war es, der «seinen» Yom Hatorah, von dem wir hier im Dezember 2007 berichteten, mit großem Erfolg für alle seine Gäste gestaltete, um sie alle für das Judentum zu begeistern, Junge wie Ältere, Kinder, Familien, dieser Grand Rabbin Sitruk, der trotz seiner Niederlage von der Liebe zu den Menschen spricht, von Menschenliebe gegenüber der vom neuen Oberrabbiner betonten Gelehrsamkeit und Offenheit, diesen Sitruk hat die Mehrheit von Frankreichs Juden, Gemeinden und Rabbiner nicht mehr gewollt, sondern den Wechsel eingeleitet. Man wird sehen: Ab dem 1. Januar 2009 hat Rabbiner Gilles Bernheim das Wort.

Brigitte Zinniel

«Jüdische Zeitung», Juli 2008