Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Viele Diasporas prägen die ZukunftExperten-Tagung über religiöse MinderheitenMigrationsströme beschleunigen sich. Diasporisches Denken nimmt weltweit zu. Alte Konzepte, einst entwickelt von der jüdischen Diaspora, gewinnen neue Relevanz. Dies erklärten Experten auf einer Tagung in Zürich über Minderheiten in der Schweiz. «Daigkeit» hiess jenes Rechts-Prinzip, das jüdische Gelehrte und Politiker Ende des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa postulierten. Damit wollten sie unterstreichen, dass sie sich der jüdischen Nation zugehörig fühlten, aber - weil sie eben «da» waren - auch in den Ländern, in denen sie lebten, die Rechte und Pflichten von Staatsbürgern innehaben sollten. Monique Eckmann, Dozentin an der Genfer Hochschule für Sozialarbeit, illustrierte die Aktualität des Konzepts mit der Geschichte eines türkischen Familienvaters, der erklärte, dass er sich im Zweifelsfall für die Schweizer Staatsbürgerschaft entscheiden würde - denn: «Türke bin ich sowieso!» Kinder von Einwanderern werden in der Schweiz bisweilen als «Secondos» bezeichnet. Für Eckmann ein Unding: Von Migranten der zweiten und dritten Generation zu sprechen, habe wenig Sinn. Sie plädierte vielmehr für eine breite Verwendung des Diaspora-Begriffs. Aus jüdischer Sicht gibt es hierbei ein Paradox: Obwohl es jüdische Konzepte sind, die für die aktuelle Debatte um Mehr- und Minderheiten herangezogen werden, betrachtet die Öffentlichkeit Juden in der Schweiz, wie auch anderswo in der westlichen Welt, immer häufiger als Teil der Mehrheitsgesellschaft. Der aus den USA stammende Satz «Jews became white», zu deutsch «aus Juden wurden Weisse», gilt laut Eckmann auch in Europa. Die Muslime in Frankreich etwa seien von einer vergleichbaren Akzeptanz durch die Mehrheitsgesellschaft noch zwei bis drei Generationen entfernt. Eine der Folgen dieses tagespolitischen Zustandes sei Neid. Auf dem Hintergrund von Enttäuschungen im Gastland entstehe die «antisemitische Versuchung» für Jugendliche aus Migrantenfamilien, erklärte Eckmann. Ihrer Meinung nach fallen lokale Frustrationen, etwa über die Lage in den Pariser Vororten, weit stärker ins Gewicht als Ärger über globale Konflikte wie dem zwischen Israel und den Palästinensern. Antisemitismus als ideologische Haltung sei bei Jugendlichen überdies selten. Die Genfer Soziologin wollte wissen, ob «Holocaust Education» im Geschichtsunterricht in der Westschweiz - wie bisweilen in Frankreich - bei jungen Ausländern auf Widerstand stoße: Gemäß ihrer Untersuchung gibt es zwar Reaktionen wie «Nicht schon wieder die Juden», größere Konflikte kämen aber kaum vor. Die Lehrer reagierten, indem sie neben der Schoa weitere Genozide thematisierten. Ein richtiger Weg, findet Eckmann. Sie empfiehlt im Umgang mit der wachsenden muslimischen Minderheit in Europa «Opfersolidarität statt Opferkonkurrenz». Juden, Muslime und die christliche Mehrheitsgesellschaft sollten sich auch den Fragen der Globalität gemeinsam zuwenden, forderte Jacques Picard, Historiker an der Universität Basel: «Wir benötigen eine Diskussion über die Relativität der Traditionen», erklärte Picard. Neue Themen wie Finanz- und Umweltethik, Gleichstellung der Geschlechter oder Sterbehilfe, lägen außerhalb des Kernbereiches der Arbeit religiöser Gemeinschaften, seien für ihre einzelnen Mitglieder jedoch von zentraler Bedeutung. Hier gemeinsam Antworten zu finden, sei das Ziel jedes «Dialogs, Trialogs, Multilogs», betonte Picard: «Leicht abgrenzbare Dorfwelten gib es nicht mehr"» Die an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich durchgeführte Tagung «Religiöse Minderheiten in der Schweiz zur Zeit der Globalisierung» wurde gemeinsam durch das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel, das Zürcher Lehrhaus, das Center for Comparative and International Studies, von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus sowie der Gesellschaft für Minderheiten in der Schweiz organisiert. Der Optimismus überwiegte im Konferenzverlauf zweifellos. Die Dozenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen wie Soziologie, Politologie, Religions- und Geschichtswissenschaft gingen von ähnlichen Prämissen aus: Diasporisches Denken wird zunehmen. Sie alle kamen zu vergleichbaren, überwiegend optimistischen Schlüssen. Samuel-Martin Behloul, Professor an der Universität Luzern, referierte über die Frage, ob der Islam «aufklärungskompatibel oder demokratieresistent?» sei. Seine Antwort: «Die Frage wurde in Deutschland und den Niederlanden ganz ähnlich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gestellt - damals ging es um Ultramontane, Katholiken also. In diesem Diskurs widerspiegelt sich also eine alte Debatte. » Auch für die moderne Schweiz ist diese «alte Debatte» noch lange nicht am Ende. |