Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Frag mal Deinen Nachbarn!»Das Berliner Jüdische Theater Bimah plante die Illumination der Bücherverbrennung
Else Lasker-Schüler - «...lebt die eigentlich noch?» Erich Kästner - «... aber von dem haben sie doch wohl keine Bücher verbrannt!» So oder ähnlich waren die Antworten, die dem Intendanten des Berliner Jüdischen Theaters Bimah gegeben wurden, als er in der Vorbereitung seiner beiden Literaturabende im Juni diese Autorennamen nannte. Zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz der damaligen Reichshauptstadt vor 75 Jahren lasen Prominente aus den Werken jüdischer Schriftsteller, die Lahav zu sehr in Vergessenheit geraten sind. «Über Jahre musste ich feststellen, dass viele Autoren, selbst eine Nelly Sachs, die den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, so gut wie unbekannt sind». Meine zusammengezogenen Augenbrauen kommentierte er provokant: «Na dann frag' doch einfach mal Deinen Nachbarn nach Masha Kaleko! Tucholsky, Stefan Zweig und Thomas Mann mögen ja noch durchgehen, vielleicht auch Ringelnatz und sogar Kafka». Er behielt Recht: «... von der habe ich noch nie was gehört». Lahav fragte sich, wie die Nazis es hätten so weit bringen können, dass man diese Autoren vielfach bis heute nicht kennt. Zugleich war er sich bewusst, dass eine Lesung allein daran nichts ändern würde. Also plante der Theatermann eine große multimediale Erinnerungsshow, bei der er ganz bewusst auf technische Mittel der Eventorganisation zurückgreifen wollte: Eine riesige Illumination sollte den Platz neben der Staatsoper, den heutigen Bebelplatz, einen ganzen Abend lang ausleuchten und die Besucher in das Gefühl versetzen, inmitten eines haushohen Scheiterhaufens zu stehen. «Wie haben sich eigentlich die Bücher im Feuer gefühlt? », sinniert Lahav leise im Gespräch mit mir. Ohrenbetäubende Toneinspielungen von Originaldokumenten sollten die bedrückende Atmosphäre wiedergeben, die aus heutiger Sicht während der Bücherverbrennung geherrscht hat. Auch die Stimme Erich Kästners wäre dabei gewesen, der daneben stand, als die Nazis seine Werke ins Feuer warfen, alle, bis auf «Emil und die Detektive». Sogar die Stimme seines Entdeckers hätte Lahav eingespielt, als es seinerzeit bedrohlich über den Platz schallte: «Der Kästner ist da!», und er fliehen musste. Schließlich sollten Shuttlebusse die Menschen zum Theater fahren, um dort eine «Lange Nacht» Texte, immer wieder Texte, zu hören. Selbst «arische» Autoren wären dabei gewesen, die ihre jüdischen Kollegen solidarisch unterstützt und ihre Bücher selbst dem Feuer übergeben hätten. Eine Anzeigenkampagne und Plakatierungen sollten das Megaevent vorbereiten. «Jeder in dieser Stadt, der nun ein bisschen Gefühl im Herzen hat, hätte diese Nacht der jüdischen Autoren nie mehr vergessen», ist sich Lahav sicher. Die notwendigen Gelder wurden rechtzeitig beim Senat beantragt - und abgelehnt. Mit dieser unseligen Entscheidung werde sich der Kulturausschuss im Abgeordnetenhaus nach der Sommerpause auseinandersetzen müssen, versicherte Friedbert Pflüger, Oppositionsführer im Berliner Parlament, seine Fraktion werde eine entsprechende Vorlage erarbeiten. Pflüger gehörte zu denen, die aus den beiden Leseabenden, die schließlich doch veranstaltet wurden, wenn auch «nur» auf der hauseigenen Bühne, das Beste machte. Denn Lahavs Konzept hatte noch einen weiteren eventartigen Trumpf im Ärmel: Allesamt unentgeltlich wollten Prominente lesen - und sie taten es auch: die Schauspielerinnen Hannelore Elsner, Gabi Decker, Barbara Schöne, Maria Schrader, die 1999 die Felice Schragenheim in «Aimée & Jaguar» gespielt hatte, Anna Moik-Stötzer, Brigitte Grothum, die Sängerin Katja Ebstein und schließlich Gabrielle Scharnitzky. Letztere, Star aus der Vorabendserie «Verliebt in Berlin», las «die "unbekannte" Lasker-Schüler - und wie kann man sein Verliebtsein in diese Stadt und ihre Kunst besser wiedergeben, als mit einem solchen Abend», bestätigt Lahav. Politiker wie die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau, Justizsenatorin Gisela von der Aue, Sozial-, Arbeits- und Integrationssenatorin Heidi Knake-Werner, Innensenator Ehrhart Körting, der sächsische Staatssekretär Hansjörg König, Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages Monika Grütters, Gregor Gysi und Volker Beck, der Vorsitzende der Deutsch- Israelischen Gesellschaft Jochen Feilke, die Berliner Landesparlamentarier Franziska Eichstädt-Bohlig und der schon genannte Friedbert Pflüger, schließlich die Publizistin und Kuratorin des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, Lea Rosh - sie alle waren auf der Bühne, moderiert von Griseldis Wenner vom ARD-Boulevardmagazin «brisant» und dem Kabarettisten Manfred Kloss. Ein Aufgebot an Stars, das für mehr als einen «roten Teppich» gereicht hätte, über den dann auch Klaus Wowereit hätte gehen können, der jedoch nicht einmal ein Grußwort schickte. Pau, mit einem Wespenstich im Krankenhaus, und Gysi, kurzfristig für einen Anwaltskollegen einspringend, mussten zwar absagen, wünschten jedoch den Lesungen per E-Mail Erfolg. «Und das war auch so! Zwei Abende lang, ganze drei Stunden, war es brechend voll - und totenstill unter den weit über 200 Besuchern», berichtet Lahav stolz. Dann ein Cut, ein plötzliches Dunkel, «Ja! - genau im richtigen Moment», meinte die Dame leise neben mir, ergänzt von einem jungen Mann: «Das Maß des Erträglichen ist ja auch voll. Das sind jetzt irgendwie Scheißworte, aber Sie wissen, wie ich das meine...» Ja, ich weiß: Die Konzeptidee des Jüdischen Theaters Bimah ist aufgegangen. |