Schnell auf eigenen Füßen stehen

Das Integrationsbüro der Berliner Gemeinde schaut auf zehn arbeitsreiche Jahre zurück

 

Noch ein bisschen offiziell - später wurde bei der Festveranstaltung dann richtig gefeiert! Foto: Intergrationsbüro

In einer europaweit fast einzigartigen Einheitsgemeinde aus orthodoxen, liberalen und reformorientierten Juden, in einer Gemeinde, deren über 11.000 Mitglieder sich zu zwei Dritteln aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zusammensetzt, in der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, der Berliner, liegen Kraft und Potential der Zuwanderung dicht neben enormen Problemstellungen. Seit dem Beginn der 1990er ist das so, als die Sozialabteilung, seinerzeit noch in der Joachimstaler Strasse, beinahe über Nacht mit einer Zuwanderungswelle konfrontiert und zur ersten und wichtigsten Anlaufstelle für die Neuberliner wurde.

Seit genau zehn Jahren hat das Integrationsbüro für Neu- und Altzuwanderer aus aller Welt die Aufgaben der beruflichen, sozialpolitischen, wirtschaftlichen und sprachlichen Bildung und Integration übernommen. Die Angebote zur Beratung und Betreuung umfassen beinahe alle Bereiche der sozialen Daseinsvorsorge und sind nicht nur für «die Alten» da. Das Büro bietet Jugendlichen wie Erwachsenen gleichermaßen Unterstützung beim Einstieg in den Beruf, aber auch entspannte Abende zum Sich-Verlieben oder Hilfen bei der Integration in ein neues Wohnumfeld. Nicht zu vergessen die Vielzahl an Kulturveranstaltungen aller Genres, Rechtsberatungen, Einführungen in das Judentum und schließlich die interkulturelle Öffnung, ohne die unsere Zuwanderer in dieser Stadt zu einem neuen Ghettodasein verdammt sein würden.

«Heute existiert hier ein vollwertiger Integrationsfachdienst. Dieser erarbeitet Leitlinien der Integrationspolitik in einem breiten gesellschaftlichen Konsens und legt konkrete Arbeitsschwerpunkte zur Integrationspolitik fest, um diese Arbeit auf einer noch breiteren Basis fortzusetzen», heißt es in der Festrede zum Jubiläum. Das klingt sehr sachlich und fast nüchtern, ist es aber nicht. Denn Integrationspolitik wird in der Berliner Gemeinde zwar ernsthaft gemacht, aber nicht trocken zelebriert!

Einfach ist es nicht, individuelle Lebenslagen, Defizite und Stärken jedes Einzelnen, in einer Stadt, in der die Wirtschaft nicht gerade boomt, mit dem Möglichen zu koordinieren. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist, heißt es bei Brecht. Denn bei Zuwanderern ist ein Universitätsprofessor nicht selten genau so schwer vermittelbar, wie ein Mensch ganz ohne Beruf, gar nicht zu reden von der Arroganz des deutschen Staates, den Professorentitel unter Umständen erst gar nicht anerkennen zu wollen. Da ist dann viel mehr zu leisten als reine Arbeitsvermittlung. Eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, ist im Europa der offenen Grenzen für die jüdischen Zuwanderer noch immer nicht problemlos denkbar, die Einbürgerung, der Passtausch, die Umsiedlung nach Berlin aus dem In- und Ausland im Rahmen der Familienzusammenführung, die Beratungen der Jobbörse über die Aus-, Weiter-, Um- und Fortbildungsmöglichkeiten, über Fördermaßnahmen, Firmen in Berlin, Deutschland und auch im Ausland: Die Gesamtzahl der Beratungen pro Jahr beträgt durchschnittlich über 1.600, das sind sechs am Tag, rechnet man die Sonn- und Feiertage nicht mit; das ist eine pro Stunde, zieht man die Pausen ab. Das klingt auf den ersten Blick nicht viel, ist es aber: Denn an jeder Beratung hängt Nacharbeit, hängen Recherchen und Vorbereitungen auf das nächste Gespräch.

«Wer nach Deutschland zieht, soll schnell auf eigenen Füßen stehen», erklärt mir Eleonora Shakhnikova vom Integrationsbüro, der an diesem Abend oft dankbar die Hand geschüttelt, die schmale Schulter umarmt wurde. Kein Problem - wenn man sich auf Behördengängen nicht verläuft, alle Formulare brav ausgefüllt hat, ein Handy beherrscht oder mit seinem Laptop im WWW zurechtkommt. Nicht mal alle Deutschen können das. Für die Zuwanderer hat das Integrationsbüro deshalb eine Vielzahl an Veranstaltungen organisiert, vom Fachvortrag, um in Wissensfragen nicht einzurosten, von Informationen über politische und administrative Prozesse bis zu Diskussionsabenden zur öffentlichen Meinungsbildung und ihre kulturelle und interkulturelle Entwicklung, von Kontaktbörsen mit Unternehmen, bezirklichen Einbürgerungsstellen, Volkshochschulen und Ausbildungsträgern bis zu Anpassungsmaßnahmen mit integrierten Deutschkursen als Grundlage für, ja wofür eigentlich: für alles! Die Vor- und Nachbereitung dieser 420 Nachmittage und Abende ist im Zeitplan der Beratungen übrigens noch nicht mit drin!

Seit kurzem gibt es auch die Integrathek: Hier werden regelmäßig Seminare und Veranstaltungen zu jüdischer Tradition, Geschichte und Moderne angeboten und auf so angenehme Dinge wie ein jüdisches Kochstudio, Hebräisch für Anfänger und Reiselustige, oder Konversationstrainings in Iwrit und Deutsch gelenkt. Das waren in den letzten Jahren nochmals über 400 Veranstaltungen, ganz zu schweigen von der Unterstützung von wissenschaftlichen Klubs oder kulturellen Initiativen. Rechnen Sie immer noch mit?

Das Jubiläum war dem Berliner Integrationsbeauftragten, Günter Pienig, einen Besuch der Festveranstaltung wert. Dankeschön. Doch damit ist es nicht getan. Zehn Jahre hat das Büro durchgehalten, ein guter Zeitpunkt sicherlich, darüber nachzudenken, wie man noch effektiver, was nicht unbedingt mehr heißen muss, den vielen Menschen helfen kann, die auf das Büro angewiesen sind und im bürokratischen Sprachgebrauch deutsche Mitbürger ausländischer Herkunft heißen. Bleibt zu hoffen, dass Pienig nicht nur ein Grußwort mitgebracht, sondern diese Botschaft auch mitgenommen hat.

Den Rahmen für die Festveranstaltung, an der dankenswerterweise auch der Generalsekretär der Juden in Deutschland und Mitglied des Kuratoriums der «Jüdischen Zeitung», Stephan J. Kramer, teilgenommen und mit einem Grußwort seiner Wertschätzung Ausdruck gegeben hat, bildeten drei Preisverleihungen an Menschen mit positiven Integrationsbiographien: Nadejda Istakharova, Jakov Reznik und Grigori Gorodetski, sowie vier künstlerische Ensembles, die unter dem Dach des Integrationsbüros ihren Anfang genommen haben: Das Kindermusikensemble «Kids Groove» unter Leitung von Stas Warschavsky, das inzwischen bei internationalen Wettbewerben im spanischen Lloret de Mar, in Moskau, Prag und Berlin erfolgreich war, weiterhin junge Sänger und Sängerinnen unter der Leitung von Irina Babaewa, die ebenfalls bei internationalen Musikwettbewerben mit hohen Preisen ausgezeichnet wurden, die Theatergruppe «Mendel & Söhne» des Literaturtheaterstudios und schließlich die Jüdische Chorgruppe der Gemeinde.

Sagen wir also «Massel tov!» zum 10. - aber nicht bis 120.

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Juli 2008