Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mit der Kippa in die KantineHamburgs Joseph-Carlebach-Schule hat ihre Anfangsschwierigkeiten überwunden
Der Uniformierte grüßt freundlich aus seiner kleinen, containerhaften Polizeistation. Am Rande des Hamburger Universitätsviertels, wo die Sonne den Tag in eine einzige Kaffeepause verwandelt hat, wirken der Polizeiposten und der hohe Metallzaun um das erhabene Gebäude seltsam unernst. Eine Beklommenheit stellt sich auch innerhalb des lichtdurchfluteten Gemäuers nur für kurze Momente ein - einmal am Anfang, als Ruben Herzberg mit ruhiger Stimme auf die Gedenktafeln im weiträumigen Treppenaufgang der alten Talmud-Tora-Schule am Grindelhof weist: «Im ersten Weltkrieg sind Lehrer und Schüler unserer Schule als Soldaten gefallen, im Zweiten hat man andere von hier deportiert und umgebracht.» Umso erfreuter ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, dass die Joseph-Carlebach- Schule an diesem symbolträchtigen Ort nun ihre anfänglichen Querelen und Startschwierigkeiten überwunden hat. Die Zahl der Kinder für das kommende Schuljahr ist von 12 auf 40 gestiegen und hat damit «die großen Sorgen ausgeräumt», sagt Herzberg, für den die Schule eine ganz zentrale Einrichtung der Gemeinde darstellt: «Denn nur dort, wo Juden ihre eigene Identität ausprägen können, gibt es auch jüdisches Leben.» Noch vor einigen Monaten war aus finanziellen Gründen ungewiss, ob es eine Zukunft für die junge Ganztagsgrundschule geben würde. Jetzt sind mit den Neuanmeldungen alle Bedenken ausgeräumt und auch über die internen Streitereien um die Schule und den Vorstand der Gemeinde will Herzberg sich seinen ergrauten Kopf mit der runden Brille nun nicht mehr zerbrechen: «Es gab damals einen fliegenden Wechsel im Vorstand, der natürlich nervenaufreibend war.» Damals heißt im August vorigen Jahres, als die Joseph-Carlebach-Schule wiedereröffnet wurde, nachdem sie schon einmal zuvor drei Jahre lang bis 2005 bestanden hatte. Er winkt ab. «Jetzt müssen wir uns auf die Entwicklung dieser Schule hier konzentrieren.» Und dafür hat er im Schulleiter Heinz Hibbeler einen Verbündeten und Vertrauten gefunden. Die Herren tragen heute beide ein sommerliches Hemd. Herzberg ziert eine Krawatte, während Hibbeler sportlich kurzärmelig den Flur entlang kommt. Sie sprechen von einem «professionellen Draht», der sie verbinde und der immer wieder spürbar wird, wenn einem von beiden eine Idee kommt, die man noch umsetzen könnte. «Das wollte ich auch schon mit Ihnen besprechen», sagt dann der eine zum andern, als es beispielsweise darum geht, Kontakte zur Jugendmusikschule oder dem Thalia-Theater aufzubauen. Herzberg ist selbst Pädagoge, er leitet das renommierte Ganztagsgymnasium Klosterschule in St. Georg. Für Hibbeler, der seit vorigem August maßgeblich an der Konzeptentwicklung der Schule mitwirkt, besteht der besondere Reiz darin, «jetzt die Erfahrungen aus 30 Jahren im pädagogischen Beruf hier einbringen zu können.» Noch sei das das junge Team aus zwei staatlichen Lehrern, zwei Sozialpädagogen und einer Religionslehrerin in der Entwicklungsphase. Bisher gibt es lediglich eine Vorschulklasse und eine erste Klasse, weswegen die Kräfte noch auf Teilstellen arbeiten. «Wir sind auf Zuwachs angelegt », sagt Herzberg dazu optimistisch. Die Erstklässler, die gerade in ihrem sonnenhellen Klassenzimmer an den Wochenaufgaben sitzen, werden zum nächsten Schuljahr die erste Zweite Klasse der Joseph-Carlebach- Schule bilden. Sie sollen Worte und Bilder einander zuordnen, einfache Rechenaufgaben lösen. Die Buchstaben der Woche sind das «ü» und das «ö». Ein Mädchen mit Zöpfen und quietschorangem Pullover kommt hinter dem Regal hervor, wo sie andächtig gemalt hat, und hält der jungen Lehrerin ihr Werk unter die Nase: «Fertig!». «Oh, noch lange nicht», erwidert Sandra Stickan und weist sie auf Fehlendes hin. Sie selbst ist keine Jüdin, habe sich aber schon immer für das Judentum interessiert. Außerdem sei diese Schule wichtig - «nach allem, was war.» Man dürfe das aber nicht überbewerten, fügt sie hinzu. «Das sind ganz normale Kinder.» Diese stürmen nun durch die Gänge und das Treppenhaus auf den Pausenhof. «Lass‘ weiterspielen! Jetzt bin ich der Spion», ruft Colin, der zuvor am häufigsten ermahnt werden musste und nun sichtlich befreit nach Draußen rennt. «Eine Gemeinde, die ihre Kinder nicht ernst nimmt, wird bald ohne Leben sein», sagt Herzberg. Er sieht den Aufbau der Joseph-Carlebach- Schule als wichtigen Auftrag, an traditionsreicher Stätte für die Zukunft der jüdischen Gemeinde zu sorgen. In Hamburg gab es bis zum Dritten Reich ein renommiertes jüdisches Schulwesen, an dem auch der Oberrabbiner und Reformpädagoge Joseph Carlebach mitwirkte. «70 Jahre danach sind wir nun dabei, das wieder aufzubauen», sagt er mit einer Stimme, in der gleichzeitig die Trauer über das Untergegangene und die Freude über das Entstehende mitschwingt. Das explizit Jüdische im neu Entstehenden wird interdisziplinär zusätzlich zum Standardlehrplan vermittelt: Jüdische Feste werden vorbereitet und gefeiert, Hebräisch wird unterrichtet, jüdische Kultur und Religion gelehrt. Das Mittagessen ist immer koscher. Heute gibt es Fischfrikadelle, Couscous und Salat. Am Tisch tragen die Jungs eine Kippa. Auch Hibbeler sagt, er finde es sehr wichtig, dass es in Hamburg wieder ein blühendes jüdisches Leben gebe. Sein Interesse und sein Respekt für die fremde Religion und Kultur werden immer wieder deutlich. Viel lieber spricht er aber über das pädagogische Konzept der Schule. Dann blitzt die Begeisterung aus seinen Augen. «Wir sind eine bewegte Schule », sagt er. Der Schulalltag ist rhythmisiert, es gibt keinen Frontalunterricht, aber fächerübergreifendes, projektorientiertes Lernen, Fremdsprachen schon in der Vorschule. Die Schule geht nach Draußen, zum Beispiel in die Kunsthalle, und holt Externe rein, zum Beispiel das Kommissariat aus der nächsten Straße. Aber Hibbeler ist nicht von einem blinden Aktionismus getrieben: «Gerade bei der Erziehung darf man nicht experimentieren », sagt er und muss doch zumindest improvisieren, denn die Mittel sind knapp. «Auch wenn die Schule sich weiter entwickelt, bleibt dennoch immer die Frage der Finanzierbarkeit », sagt Herzberg, dessen finanzschwache Gemeinde die Schule mit trägt. Die Jüdische Gemeinde kämpfe mit einem jährlichen Defizit in sechsstelliger Höhe und bestehe hauptsächlich aus armen und alten Mitgliedern. Neben Mitteln der Gemeinde erhält die Joseph-Carlebach-Schule Zuschüsse von der Hamburger Schulbehörde und die Gebühren der Eltern. Der Höchstsatz beläuft sich dabei auf 300 Euro monatlich, wobei Gemeindemitglieder nach Einkommen gestaffelt zahlen. Circa ein Drittel der Plätze ist für nichtjüdische Schüler offen. Aber die beiden Pädagogen sind zuversichtlich. «Wir müssen uns viel einfallen lassen, Geduld haben und Klinken putzen», sagt Hibbeler. Für den Sportunterricht will er andere Schulen um die Mitnutzung ihrer Sporthallen bitten und für Spielgeräte im Pausenhof Sponsoren suchen. Selbst eine Austauschbeziehung mit Israel ist ein Ziel - wenn auch in der Ferne. «Das werden wir auch noch hinkriegen, die Kinder müssen nur größer werden», sagt Herzberg. |