Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Politik im Spannungsfeld der ReligionenBesucheransturm bei Podiumsdiskussion in München
Am 11. Juni lud die Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Israelitischen Kultusgemeinde anlässlich der Staatsgründung Israels vor 60 Jahren in das Jüdische Gemeindezentrum in München am St.-Jakobs-Platz ein. Rund 600 Besucher wollten sich diese kostenlose Veranstaltung trotz eines parallel laufenden Fußballspieles der EM ´08 nicht entgehen lassen. Auf dem Podium: Nathan Kalmanowicz, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden und Vorstandsmitglied der Münchener IKG, Ilan Mor, Gesandter der Botschaft des Staates Israel, Christian Schmidt, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, Udo Steinbach, Gastprofessor am Centrum für Nah- und Mitteloststudien in Marburg, Michael Stürmer, Chefkorrespondent der Tageszeitung «Die Welt», sowie Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München. Mit knapp 20minütiger Verspätung, das Publikum übte sich bereits in ungeduldigrhythmischem Klatschen, eröffnete Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, mit einem Grußwort den Abend. Sie ließ es sich nicht nehmen, kritisierend, vielleicht aber auch eher ermahnend darauf hinzuweisen, dass die Podiumsrunde nur aus Männern bestünde. Hans Zehetmair, Staatsminister a.D. und Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, bekräftigte in einem weiteren Grußwort eine von mehreren Maximen der Hanns-Seidel-Stiftung, durch das Engagement der Stiftung in Israel einen Beitrag für Frieden, Demokratie und Entwicklung zu leisten. Schließlich erteilte Stürmer, der die Funktion des Moderators innehatte, das Wort an seine fünf Kollegen. Als erstes bemühte sich Steinbach, nicht gerade als Israelfreund bekannt (indem er etwa den «palästinensischen Kampf gegen die israelische Besatzung» mit dem Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto vergleicht), um Verständnis für die Bevölkerung Irans, die zwar ihren Präsidenten demokratisch gewählt hatte, trotzdem aber mit ihrer politischen Führung angeblich derart unzufrieden sei, dass gemäß Studien über jugendliche Einwohner des Landes viele die Option der Auswanderung bevorzugten. Nathan Kalmanowicz gab einen Überblick über die Situation der Juden in Deutschland: ca. 110.000 Juden in rund 100 Gemeinden, zusätzlich ca. 3.000 liberale Juden. Worte wie noch vor fünf Jahren, wonach die Liberalen «außerhalb des Judentums» stünden (so in der «Süddeutschen Zeitung» vom 10.07.2003), fielen dieses Mal allerdings nicht. Kalmanowicz legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass die als streng orthodox geltende Münchner Kultusgemeinde nichts mit dem Vorkriegsjudentum gemein hätte. Der Kultusdezernent des Zentralrats verglich die Lage mit der in Israel und wies auch auf die Diskrepanz der offiziellen Positionierung zur Lage in den USA hin, wo sich über 80 Prozent der Juden einer progressiven Richtung zuordneten, während in Israel mit dem Oberrabbinat die Orthodoxie dominiert. Ilan Mor schilderte überzeugt und aus persönlichen Erfahrungen heraus die andauernde militärische und terroristische Bedrohung der Bevölkerung Israels. Er bekräftigte außerdem den von Israel vertretenen Grundsatz, dass mit Terroristen nicht gesprochen werden dürfe und diese ohne Wenn und Aber zu bekämpfen seien. Christian Schmidt, von der Podiumsleitung konkret nach der Entwicklung der diplomatischen Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel befragt, ging darauf nur in einem kurzen Satz ein; vielmehr meinte er unter anderem, dass die Deutschen «indirekte Schuld» am Leiden der Palästinenser träfe. Michael Wolffsohn schließlich trat in deutlichen Gegensatz zu seinem Universitätskollegen Steinbach. Er wies darauf hin, dass in Iran der Zionismus als Gotteslästerung betrachtet würde. Irans Forderung eines muslimischen Jerusalems konterte der Historiker mit dem Hinweis, dass weder aus dem Koran noch sonstigen Überlieferungen ein entsprechender «Anspruch von Territorialität und Heiligkeit» ableitbar wäre. Das heißt, dass unter Einhaltung des derzeitigen Status quo Jerusalems den religiösen Ansprüchen der Moslems bzgl. des Tempelbergs mit Felsendom und Al-Aqsa- Moschee eigentlich Genüge getan sein müsste. Im der nachfolgenden Fragerunde konnten etwa ein Dutzend Besucher ihre Fragen direkt an die Podiumsteilnehmer abgeben. Nicht alle Podiumsmitglieder sahen sich aber gemüßigt, direkte Antworten zu geben - so etwa Schmidt, der um einen Kommentar zu Kanzlerin Merkels Aussage bei ihrem letzten Besuch in Jerusalem gebeten wurde, wonach «eine Bedrohung Israels in Deutschland einer Bedrohung der eigenen Sicherheit gleichgesetzt» werde. Unvereinbar erschienen des Weiteren die Positionen von Steinbach und Wolffsohn, die - beide sich, wie sie explizit betonten, auf historische Fakten stützend - konträre Positionen zu den Spannungsfeldern Israel - Palästinenser sowie westliche Welt - Iran vertraten. Das Gros des Publikums jedenfalls schien sich weit mehrheitlich auf die Seite Wolffsohns geschlagen zu haben. Nathan Kalmanowicz schließlich wies in seiner Replik unmissverständlich darauf hin, dass Antizionismus verkappter Antisemitismus sei. Bemerkenswert war auch seine «gar nicht neue» Aussage, dass man eigentlich nur in Israel selbst Zionist sein könne. Noch einmal im persönlichen Gespräch im Anschluss an die Veranstaltung befragt, erläuterte Nathan Kalmanowicz, dass der «Zionismus eine Bewegung im Judentum» sei, «die den Staat Israel unterstützt», gewissermaßen «eine politische Mission». Auf die zionistischen Gruppierungen Deutschlands angesprochen erwiderte er, dass man heute nicht mehr von «Herzls Zionismus» sprechen könne. Diese seien vielmehr «überlebte Strukturen», die heute nicht zur Einwanderung nach, sondern vielmehr zur materiellen und ideellen Unterstützung Israels beitragen sollten. Einem Juden, der sich heute in Deutschland als Zionist bezeichnete, empfehle er allerdings umgehend, morgen das Flugzeug nach Israel zu nehmen. Dies wohl in Anspielung an Yig'al Allon, dessen Rede als damaliger israelischer Außenminister vor der XXX. Generalversammlung der UNO am 30. September 1975 eine klärende Definition des Begriffes Zionismus enthielt. Auf die kommenden Gemeindewahlen der IKG München angesprochen, meinte Nathan Kalmanowicz, dass sich nach jahrzehntelangem Bemühen um den Bau eines Gemeindezentrums für das Präsidium nun die wesentliche Frage stelle, wie diese nun fertiggestellte Einrichtung mit Leben zu füllen sei. Nach rund zwei Stunden erklärte Stürmer die Podiumsdiskussion für beendet. Die Veranstalter, namentlich die Hanns-Seidel-Stiftung, luden im Anschluss zu einem Empfang ein, den etliche Besucher in Einzeldebatten zu einer Fortsetzung der Thematik des Abends benutzten. Nicht alle Besucher schienen jedoch über den Verlauf der Podiumsdiskussion glücklich gewesen zu sein. Laut Programm sollten drei Problemfelder zur Sprache kommen, nämlich neben der «Politik im Spannungsfeld der Religionen», welches überwiegend auf den Nahostschauplatz bezogen ohne Zweifel Beachtung fand, ebenso die innenpolitischen Probleme Israels: Hier zum einen «das Zusammenleben zwischen Moslems, Juden und Christen», zum anderen aber auch die starken Spannungen, die innerhalb der jüdischen Bevölkerung Israels bestünden. Dass diese beiden zuletzt genannten Punkte an diesem Abend praktisch überhaupt nicht zur Sprache kamen, hat wohl Podiumsleiter Stürmer zu verantworten. Letztlich fand auch kaum eine Diskussion statt: Die Podiumsmitglieder gaben ihre viel zu breit gefächerten Meinungen zum ersten Problemfeld ab, wenige Zuhörer erhielten die Gelegenheit, dazu Fragen zu stellen, die dann, ob zufriedenstellend oder nicht, annähernd beantwortet wurden. Von angeregtem Meinungsaustausch, einer Diskussion eben, keine Rede! Beim Empfang schließlich wurde bis spät in die Nacht hinein die Frage erörtert, inwieweit sich Religion und Politik gegenseitig beeinflussen. Das Anliegen von Nathan Kalmanowicz, Leben in das neue Gemeindezentrum der Münchner Kultusgemeinde zu bringen, hatte sich so für einen Abend erfüllt. |