Gemeinsam für die Zukunft

Die Kandidatin für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, Judith Epstein, im Gespräch

 

Judith Epstein. Foto: privat

Herz und Geist sind ihr Credo: Judith Epstein vereint Jüdischkeit, klares Denken und Einfühlungsvermögen zu einem vielversprechenden politischen Programm für die Israelitische Kultusgemeinde München. In München geboren und aufgewachsen, arbeitet die verheiratete Mutter von zwei Söhnen als erfolgreiche Immobilienunternehmerin und kandidiert nun erstmals für den Vorstand der Einheitsgemeinde. Mit Integration, Dialog und innovativen Projekten im Bereich Kultur, Sozialem und Jugend möchte Judith Epstein die gesellschaftlichen Aktivitäten hin zu einem Zusammenwachsen der Gemeindemitglieder fördern und aktiv unterstützen. Im Interview mit der «Jüdischen Zeitung» spricht Judith Epstein über ihre ehrgeizigen Projekte, mögliche Ideen und mögliche Perspektiven.

 

Über 30 Leute kandidieren für den Vorstand der Münchner Gemeinde. Weshalb sollen Sie gewählt werden?

Ich kann ein sehr gutes Programm bieten, weil ich mich als Verbindungsglied zwischen unserer etablierten Gemeinde und den russischen Einwanderern gut zu positionieren vermag. Ich glaube, dass ich zwischen beiden Teilen eine Brücke schlagen kann und interkulturelle Projekte erfolgreich etablieren kann.

 

Was sind dabei Ihre konkreten Programmpunkte?

  • Persönliches Engagement und direkte Hilfe
  • Effiziente und effektive Integration unserer Zuwanderer in den Münchener Arbeitsmarkt
  • Materielle Hilfe für neu zugewanderte Senioren
  • Eine moderne jüdische Ausbildung an der Sinai-Schule, die unsere Kinder optimal auf die Zukunft vorbereitet und beste Ausbildungschancen sichert
  • Bildung einer Plattform, die soziale, kulturelle und familienpolitische Projekte finanziell unterstützt.

 

Wie würden Sie dies umsetzen?

Ich bin in meiner Welt wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich gut vernetzt. Diese Beziehungen möchte ich gewinnbringend einsetzen. Ich werde eine Plattform zur Unterstützung interkultureller Projekte einrichten, durch die unsere russischen Neuzuwanderer besser integriert und etabliert werden als bisher.

 

Was soll hierbei bewirkt werden?

Diese Plattform könnte ganz unterschiedliche soziale, finanzielle, wirtschaftliche oder religiöse Projekte unterstützen. Beispielsweise würde ich gerne einmal monatlich ein jüdisches Tafelessen für Senioren in der Gemeinde unterstützen, ebenso meinen Bat-Mizwa-Klub für die russischen Mädchen weiterführen. Ich werde auch ein Programm entwickeln, mit dem die Neueinwanderer Hilfe bei der Stellensuche bekommen, so dass eine schnelle Integration in den Münchner Arbeitsmarkt erfolgt. Ferner werde ich gesellschaftliche Anlässe organisieren, die sich vor allem an die große Altersgruppe zwischen 30 und 50 wende: etwa After- Work-Parties im Gemeindezentrum, Planung von Familien- oder Singlewochenenden oder Veranstaltung von Konzertabenden für Alteingesessene und Neuzuwanderer. Kurz: Wir werden die Gestaltung unterschiedlichster, themenübergreifender Projekte fördern.

 

Also eine Zusammenführung zweier eigener, unabhängiger Welten, aber auch tatkräftige Alltagshilfe?

Ja. Letzteres könnte zum Beispiel auch mit einschließen, Leuten finanziell zu helfen, die keine Wohnung finden, weil sie die Kaution nicht bezahlen können.

 

Wenn solche Dinge bis jetzt nicht zustande gekommen sind, welchen neuen Weg wollen Sie dann dafür gehen?

Die einzelnen Abteilungen der Gemeinde haben sich in den letzten Jahren sehr darum bemüht, solche Dinge vorwärts zu treiben. Aber es sollte im Vorstand eine bessere Koordination der einzelnen Themen geben, denn offenbar werden die vielen kleinen Initiativen gar nicht richtig wahrgenommen.

 

Gibt es in der Münchner Gemeinde einen Graben zwischen Einwanderern und Alteingesessenen?

Es gibt eigentlich zwei Parallelwelten. Wir Etablierten haben unsere Strukturen, aber die Neuzuwanderer leben in anderen Strukturen, wenn auch sehr gut organisiert und betreut von Sozialabteilung, dem Jugend- und Kulturzentrum unserer Gemeinde. Ein Austausch zwischen den beiden Welten findet allerdings nur in sehr geringer Weise statt.

 

Sie haben einmal provokativ gesagt, dass nicht die Gemeinde die russischen Zuwanderer integrieren müsste, sondern umgekehrt. Stimmt das?

Quantitativ ja. Qualitativ glaube ich, dass von keiner der beiden Seiten eine Integration stattfinden kann, sondern dass ein sehr intensiver und engerer Dialog wichtig wäre. Integration bedeutet ja nicht Selbstaufgabe und Assimilation, sondern Stärkung der eigenen Identität in einer größeren Gemeinschaft. Mit diesem Ansatz könnten die beiden Parallelwelten miteinander funktionieren.

 

Was würde Sie überdies als Vorstandsmitglied qualifizieren?

Ich möchte den Leuten persönlich helfen. Ich werde eine Struktur aufzubauen, die die vielen konkreten Probleme aufnimmt, konkret bearbeitet und eine direkte Antwort gibt.

 

Bringen Sie denn hierzu überhaupt schon entsprechende Erfahrung und Qualifikationen mit?

Durch meine langjährige karitative Arbeit im Vorstand unserer WIZO-Gruppe München weiß ich aus unmittelbarer Erfahrung und Anteilnahme, wo unseren Alteingesessenen wie auch den neuen Gemeindemitgliedern, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, der Schuh drückt. Ich habe auch in den letzten Jahren aktiv für das Chaim-Sheba-Krankenhaus, das größte Krankenhaus im Nahen Osten, das sich in der Nähe von Tel Aviv befindet, einen kraftvollen und engagierten Einsatz geleistet. Und nicht zuletzt habe ich in München den Bat-Mitzwa- Klub gegründet, der jungen neuzugewanderten Mädchen traditionelle Werte und das Bewusstsein der Frau im Judentum nahebringt. Hier begehen wir im Anschluss an den Unterricht eine große fröhliche und festliche Bat- Mitzwa-Feier und bringen damit die Freude und Tradition der jüdischen Kultur zum Ausdruck.

 

Könnten Sie dies alles denn nicht auch außerhalb des Vorstandes weiterhin in die Hand nehmen?

Ich habe festgestellt, dass man Politik machen muss, um große Ideen und Visionen voranzubringen, weil es sonst bei lauter kleinen Einzelinitiativen bleibt, die früher oder später wieder an Kraft verlieren. Man muss große Taten mit kleinen Schritten koordiniert in Bewegung setzen und Politik machen, um kleine Einzelinitiativen zu Erfolgen zu machen.

Das Gespräch führte Alexander Kaiser

«Jüdische Zeitung», Juli 2008