Abi Pitum goes East

Münchner Vorstandsmitglied engagiert sich auch international und interkonfessionell

 

Abi Pitum Foto:Sergej Kovinev

Als Abi Pitum in unserem ersten Gespräch von den Problemen der Zuwanderer in der Israelitischen Kultusgemeinde München sprach, war er bei der Aufzählung seiner ganz praktischen Lösungsvorschläge kaum zu bremsen. So baten wir den Kandidaten für die Vorstandswahlen in der bayerischen Hauptstadtgemeinde noch einmal zu uns, um genau darüber mit ihm zu reden.

Seine Ideen könne man auf einen einzigen Nenner bringen, so Pitum: «Wir müssen den Begriff „Raum" ganz anders definieren: Es kann uns nicht nur darum gehen, den Zuwanderern einen Saal für ihre Veranstaltungen und Feste zu geben, sondern wir müssen ihnen „Raum" im Sinne der Möglichkeit schaffen, sich bei uns zu verwirklichen - mit allen ihren Erfahrungen, ihren Werten und Bereicherungen für uns.» Auch könnte er sich vorstellen, dass die Gemeinde aktiv nach Coaches sucht, die Neustartern im Beruf mit ihren Erfahrungen im deutschen Geschäftsleben unter die Arme greifen. Er schlägt also vor, die Gemeinde als Servicezentrum zu etablieren, das bei allen behördlichen und auch gemeindeinternen bis hin zu religiösen Problemen für die Zuwanderer da sein und sich an deren Anspruchshaltung orientieren muss. «Wünsche muss man ausleben, Lebenserfahrungen weiterleben können », so Pitum. Wenn dann der eine oder andere die Gemeinde doch nicht als seine verstehen will, dann «sind wir allerdings der falsche Ansprechpartner », richtet Pitum seinen Appell an alle, die sich dem Neubeginn der Gemeinde entziehen wollen - als Alteingesessene wie als Zuwanderer gleichermaßen übrigens!

Fast revolutionär scheint uns dabei die Auffassung Pitums, keinen Integrationsbeauftragten mehr zu ernennen. «Damit stellen wir die Zuwanderer doch von Anfang an als etwas von außen Kommendes ins Abseits. Mit Integration per „Amt" ist nichts bewegt. Die Alternative muss die Förderung und Stärkung in genau derselben Art und Weise sein, in der wir uns mit „deutschen", also mit „unseren" alten Problemen fördernd und stärkend beschäftigen! Nur so kann eine Solidargemeinschaft aus uns werden.»

Dass nur einer von 15 derzeitigen Gemeindevertretern aus dem Kreise der etwa 5.000 neuen Mitglieder kommt, ist für Pitum geradezu ein Defizit. Unser Einwand, dass sich das Parlament schließlich nach demokratischen Wahlen zusammensetzen würde, ist für Pitum nur ein Beweis dafür, wie wenig es bisher gelungen sei, dass sich Zuwanderer wirklich als gleichwertiger Teil der Gemeinde verstehen: «Sie empfinden unsere Gemeinde eben noch nicht als ihre Gemeinde, als ihr Zuhause! Das muss sich mit diesen Wahlen unbedingt ändern - und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass viele russischsprachige Gemeindemitglieder die Wahlen im Sommer als eine wirkliche Chance sehen, unsere Gemeinde auch zu ihrer Heimstatt werden zu lassen!»

Für Pitum ist es wichtig, zu betonen, dass die aus den Staaten der ehemaligen GUS zugewanderten Juden heute die wirklichen deutschen Juden sind: «Sie haben sich ganz bewusst dafür entschieden, in unserem Land, in Deutschland, zu leben und sind nicht einfach nach dem Krieg, „hierherverschlagen" worden. Diese Menschen haben wissentlich die alten Heimaten hinter sich gelassen, möchten hier gemeinsam mit uns leben, sich in unsere Gemeinschaft einbringen. Genau diese ganz überlegte Entscheidung für die neue Heimat Deutschland macht sie zu den deutschen Juden unserer Zeit!».

Natürlich ist sich Pitum klar, dass nur diejenigen Mitglieder der Gemeinde werden können, die nach der Halacha auch Juden sind. «Es kann aber nicht sein, dass in unserer Gemeinde ausschließlich von außen definiert wird, wer ein Jude ist und wer Mitglied werden darf!» Man müsse sich bemühen, hier neue Wege zu finden: «Ich plädiere für geregelte Übertritte in einer pluralistischen Gemeinde, die auch ebenso pluralistische Übertritte erlaubt. Anderenfalls werden wir nicht nur zu einer Seniorengemeinde - sondern wir werden eines Tages ganz einfach aussterben!» Es bereite ihm Sorge, dass die Angebote der Gemeinde oft mehr von Nichtmitgliedern, als von Mitgliedern selbst angenommen würden. «Bei unseren Mitgliedern gelingt es uns lediglich, einen sehr kleinen Teil anzusprechen - aber wir leben in einer sehr pluralen Welt.» In seinem Beruf habe er tagtäglich mit Marktforschung zu tun: Auch die Gemeinde muss sich viel mehr der Frage stellen, «welches Angebot Sinn macht». Working singles, junge Familien, das seien die künftigen Zielgruppen, Veranstaltungen à la «girls meet boys» oder After-Work-Partys müssen zum Gemeindeleben ebenso dazu gehören, wie Kurse für Mitte Dreißigjährige in Religiosität. Die hervorragenden Bildungseinrichtungen der Gemeinde würden noch zu wenig angenommen: «Meist sind sie zu weit, zu teuer oder die Angebote nicht in russischer Sprache», weiß Pitum, der die Sprache der russischsprachigen Zuwanderer übrigens recht gut beherrscht. Hier werde er Überlegungen ins Rollen bringen, die Teilnahmebeiträge zu staffeln und andere Räume zu finden. «Ob Nichtmitglieder dabei sein sollen? ...das werden wir sehen! Aber lassen Sie uns doch erst einmal anfangen!»

Natürlich dürften bei allen Bemühungen um die Jugend die Alten nicht zurückstehen. «Da gibt es viel anzupacken!» Schon lange störe ihn das viel zu kleine Altenheim. Hier wird er für Möglichkeiten zum betreuten Wohnen in der Nähe des Gemeindezentrums am Jakobsplatz kämpfen, «und zwar schon dann, wenn wir noch von „jungen Senioren" reden können».

Seine Ideen und Vorschläge für die Zeit nach der Wahl saugt sich Abi Pitum nicht als leere Worthülsen aus den Fingern. Ihre Realisierbarkeit ist ihm ein entscheidendes Kriterium. Immer wieder tauscht er sich dazu mit anderen aus und sein Blick geht weit über den Münchner Tellerrand. Pitum ist Vorstandsmitglied des Internationalen Rates der Christen und Juden und weiß, wie in anderen, auch christlichen Gemeinden, mit Problemen der Zuwanderung, der Urbanisierung, des viel beschworenen demographischen Wandels und der Sprachproblematik auf der ganzen Welt umgegangen wird.

Wenn man übrigens außerhalb der Bürozeiten das Konsulat der Mongolei für München, Bayern und Baden-Württemberg anruft, erfährt man von einer ruhigen und wissenden Stimme nicht nur die Öffnungszeiten der Vertretung, sondern auch die Erreichbarkeit der Mongolischen Botschaft in Berlin. Es ist auch hier die Stimme von Abi Pitum, der vor wenigen Wochen vom Honorarkonsul zum Honorargeneralkonsul der Mongolei ernannt wurde, eine außergewöhnliche und durchaus nicht übliche Beförderung in der Laufbahn der hierzulande akkreditierten Konsuln. Kurz nach unserem Interviewtermin setzt er sich dann auch ins Taxi, um in die Botschaft des von ihm vertretenen asiatischen Landes zu fahren...

Das Wort Konsul ist vom lateinischen Begriff der höchsten Berater der antiken römischen Kaiser abgeleitet, und bedeutet so viel wie: Berater. Abi Pitum, studierter Wirtschaftswissenschaftler, nimmt diese Aufgabe sehr ernst. «Für die mongolisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen geht der Trend eindeutig nach oben», schätzte sein unmittelbarer diplomatischer Vorgesetzter, Seine Exzellenz, Botschafter Tuvdendorj Galbaatar, auf dem Wirtschaftstag der Mongolei im Herbst letzten Jahres ein - und Pitum stimmt dem zu. Sein Münchner Honorargeneralkonsulat ist somit seit acht Jahren Ansprechpartner von der mittelständischen Wirtschaft bis zur Großindustrie ganz Bayerns. Das Bundesland ist der wichtigste wirtschaftliche Partner der Mongolen. «In der Mongolei ist es innerhalb von nur drei Tagen möglich, eine seriös aufgestellte Firma zu gründen, weil behördliche Prozeduren wesentlich flacher angelegt sind», erläutert uns Pitum die hervorragenden Investitionsbedingungen für bayerische Unternehmer.

Auch als Berater der mongolischen Regierung im Verhältnis zu Israel sieht Pitum seine diplomatische Aufgabe. So ist es ihm gelungen, landwirtschaftliche Praktika junger Mongolen in Israel oder Fachberater aus israelischen Großunternehmen für mongolische Betriebe zu vermitteln. Unter den Praktikanten sind nicht wenige Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinschaft der Mongolei.

Über die Juden in der Mongolei wird uns Pitum später berichten und zeigt uns zum Abschied mit Stolz ein Bild des mongolischen Präsidenten Nambaryn Enchbajar bei dessen Besuch in Tel Aviv zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 60. Jahrestages der Staatsgründung Israels. Dass es zu diesem offiziellen Besuch kommen konnte, ist nicht zuletzt auch der Intervention des engagierten Diplomaten Pitum mit zu verdanken.

Abi Pitum, Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater, Diplomat, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Bayerns und Ehrenamtler im jüdisch-christlichen Dialog, Ehemann und Vater dreier Kinder, sieht in der Vielfältigkeit seiner Tätigkeiten die segenssreiche Chance einer ständigen Erweiterung seines Blicks, seines Horizonts: «Ein Arbeitsbereich befördert den anderen - auch und vor allem im Sinne meiner Münchner Gemeinde!»

Alexander Kaiser

«Jüdische Zeitung», Juli 2008